Schneller als Joschka Fischer

Er beißt die Zähne zusammen. Er beißt den inneren Schweinehund - und manchmal beißt er sich auf die Zunge. Ein Besuch bei Vize-Landrat und Triathlet Dr. Uwe Drechsel.

Von Uwe Faerber

Plauen/Bad Elster -  "Ich musste was machen, als sich mein Gewicht 2004 den 90 Kilo näherte - bei 1,73 Metern Körpergröße", berichtet Drechsel: Der 62-Jährige zählt zu den besten Triathleten Deutschlands in seiner Altersklasse, 2018 war er die Nummer 1. Erstaunlich: Für die Umfrage "Vogtland-Sportler des Jahres" war er nie nominiert.
Sportler weltweit träumen vom "Ironman" ("Eisenmann") auf Hawaii: 3,6 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Rad, 42,2 Kilometer Marathon - stundenlange Schinderei bei Hitze und Wind. Drechsel hat sich fünfmal qualifiziert - und ist viermal gestartet. Warum fehlt einmal? "2019 hat der Landrat den Urlaub nicht genehmigt."
Drechsel kommt aus einer sportlichen Familie in Oelsnitz. Die Mutter zählt in den 1950ern zu den ersten DDR-Sportlern, die im Skilanglauf bei einer WM starten, im schwedischen Falun. Der Vater ist Sportlehrer an der Berufsschule. "Ich habe alles gemacht: Turnen, Leichtathletik, Handball, Rettungsschwimmer. Auch Fußball, aber ich war mehr Athlet als Dribbler."
Im Winter betreibt der Junge Skisport in der Trainingsgruppe der Eltern. "Wir sind auch von den Schanzen in Bad Elster gesprungen. Bei den Kreis-Spartakiaden habe ich oft gewonnen - aber für die Kinder und Jugendsportschule hat es nicht gereicht. Dennoch wollte ich immer Ski-Trainer werden."
Mit dem Einser-Abitur hätte er sich für Medizin bewerben können. Doch nach der Armee studiert er an der weltbekannten, heute fast vergessenen Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) und hängt ein Forschungsstudium dran. Seine Promotion hilft, das Training im Skisprung zu verbessern. "Wir haben Spitzenleute wie Nykänen und Weißflog mit Hochgeschwindigkeitskameras gefilmt und ihr Sprungverhalten mathematisch modelliert, um Absprungverhalten und Flughaltung zu analysieren: Der Nachwuchs sollte die erfolgreichen Bewegungsmuster erlernen." Von Leipzig wechselt Dr. Drechsel als Assistent zu Skisprungtrainer Reinhard Heß, den Vater der deutschen Gold-Adler. "Von ihm habe ich Menschenführung und Motivation gelernt, als Bausteine für Erfolge im Sport und sonst im Leben."
Ab 1987 arbeitet Drechsel im DDR-Skiverband als Juniorentrainer. Dann der Mauerfall - und der bundesdeutsche Skiverband übernimmt ihn nicht: "Ich war der Jüngste und wurde als einer der Ersten entlassen." Und nun? Er holt die Qualifikation als Sportlehrer in Zwickau nach. Doch es ist die Zeit, da seine Frau bereits als Ärztin in Bad Elster arbeitet - er aber keine Stelle als Sportlehrer findet. "Mein Glück, dass der damalige Landkreis Plauen einen Sozialamtsleiter suchte. Landrat Röhn gab mir als ,Ossi‘ eine Chance. Das war nicht in allen Landratsämtern so."
Drechsel absolviert Angestellten-Lehrgänge und ein Fernstudium zum Verwaltungsbetriebswirt. 1996 macht ihn Landrat Lenk zum Sozialdezernenten des geeinten Vogtlandkreises. "Bis heute kommt mir die breite Ausbildung an der DHfK in Leipzig zugute: Pädagogik, Psychologie, Sportmedizin, Chemie, Physik, Leitungsprinzipien der (sozialistischen) Körperkultur. Kurz gesagt: Es war eine kleine Managerausbildung."
Fachwissen allein reiche in einer Behörde wie dem Landratsamt nicht. Man müsse mit Menschen arbeiten können. "Ich glaube, das kann ich."
Das sehen andere auch so: Der Kreistag wählt Drechsel 2015 zum Beigeordneten für Gesundheit und Soziales des Landratsamtes. Da hatte der in Bad Elster wohnende Vater zweier erwachsener Söhne seine Triathleten-Karriere bereits gestartet - als Marathonläufer. "2004 hatte ich als übergewichtiger Zuschauer in Dresden gesehen, wie übergewichtige Läufer ins Ziel kamen. Da erwachte mein Ehrgeiz."
Nach einem Jahr Training und der Lektüre von Joschka Fischers Buch "Mein langer Lauf zu mir selbst" absolviert Drechsel seinen ersten Marathon - zwei Minuten schneller als Fischer. Seit 2015 gehört Drechsel zum Club derer, die mindestens 100 Marathons in den Beinen haben.
2008 ist Drechsel Augenzeuge einer der bekanntesten Sportveranstaltungen Deutschlands: des Triathlon von Roth bei Nürnberg. "Das Flair ist unbeschreiblich. Heißluftballone, hervorragende Moderation, 20.000 Menschen. Und erneut Sportler, die wider Erwarten die Strapazen bis ins Ziel überstehen. Das reizte mich: Drei Tage später habe ich mir ein Rennrad gekauft."
Zwei Monate danach startet er beim Pöhler Triathlon. "Bei 500 Schwimmern war es ziemlich eng an der 1. Boje, fast ein Überlebenskampf, an Kraulen war nicht zu denken. Radfahren und Laufen habe ich glücklich überstanden - landete im Mittelfeld meiner Altersklasse."
Im Dezember 2008 feiert Drechsel 50. Geburtstag - und mit seiner Frau bewältigt er einen Marathon auf Hawaii, eine Art Geburtstagsgeschenk. Und die Eheleute besuchen die legendäre Wettkampfstrecke des Ironman auf der Nachbarinsel. "Ich war infiziert und wollte es noch mal mit Triathlon versuchen." Drechsel fängt an, richtig zu trainieren: vor und nach der Arbeitszeit, jede Woche 10 bis 15 Stunden, in bestimmen Phasen doppelt so viel. "Nach kürzeren Triathlons 2009 wurde ich 2010 in Roth 16. in meiner Altersklasse."
Bei der Europameisterschaft in Frankfurt ein Jahr später qualifiziert sich Drechsel unerwartet für Hawaii - und startet wenig später im 50. US-Bundesstaat. "Roth ist grandios, aber Hawaii ist Traum (und gleichzeitig der Wahnsinn) eines jeden Triathleten. Beim ersten Mal will man nur ankommen - und ich schaffte es sogar unter elf Stunden, war also ein Daylight-Finisher, einer, der bei Tageslicht das Ziel erreicht."
2012 wieder Start in Hawaii, 2013 ("mein Traumjahr") erneut Hawaii und er wird Europameister in der AK 55. Später startet Drechsel in Australien, in Österreich, in Südafrika und qualifiziert sich 2018 ein viertes Mal für Hawaii - als Vize-Europameister. Wird in diesem Jahr Sechster der Ironman-Weltrangliste und bester Deutscher.
"Ich würde gern ein fünftes Mal in Hawaii antreten, nachdem es 2019 aus beruflichen Gründen nicht möglich war."