Sandstein-Optik für alten Plattenbau

Über die optische Zukunft der Bahnhofstraße 30 ist entschieden. Den Wettbewerb zur Giebelgestaltung entschied Prof. Wolf Eisentraut für sich.

 

Plauen - Häuser sind auch nur Menschen. Wenn sie in die Jahre kommen, sich also beispielsweise der Silberhochzeit nähern, dann stehen sie - also im Falle der Häuser ihre Besitzer oder Verwalter - vor der Frage, ob man sie nun in (Un)Würde altern lässt oder einem umfassenden Lifting unterzieht. Die Wohnungsbaugesellschaft (WbG) entschied sich beim Gebäude Bahnhofstraße 30 für die letztere Variante. Als es 1986/87 gebaut wurde, hatte man freilich auch in der DDR schon von Wärmedämmung gehört. Gedämmt werden mussten aber vor allem die Preise. Und so stand in den vergangenen Monaten vor allem die energetische Sanierung des Hauses an. Zudem wurden den Mietern des Betonklotzes anstelle der Balkons großzügige Wintergärten spendiert, das Dach neu gestaltet, ein Fahrstuhl eingebaut, der Eingang ist barrierefrei zugänglich.

"Wohnkapseln" saniert

"Wir müssen die Wohnungen zukunftsfähig machen", umschreibt WbG-Chef Hellfried Unglaub diese Arbeiten, bevor er am Donnerstag während einer kleinen Feier auf das eigentliche Anliegen der Zusammenkunft im Theatercafe kommt. Denn das eine hängt eng mit dem anderen zusammen. Doch der Reihe nach. Damals, also Mitte der 80er Jahre, sei jeder froh über eine Wohnung gewesen, resümiert Unglaub. Und immerhin gibt es aus dieser "Gründerzeit" noch drei Mieter, die ihrer Wohnkapsel die Treue hielten. Mehr war es denn wohl auch nicht, das Leben spielte sich in einem einzigen Raum ab. Mittlerweile wurden einige Ein-Raum-Wohungen erweitert, gibt es jetzt auch zehn Zwei-Raum-Wohnungen. Unglaub ist übrigens von der Zukunft kleiner Wohnungen überzeugt. Aus politischen Gründen gewissermaßen. Es wachse eine Generation nach, die mit wenig Rente auskommen muss, sagt der SPD-Kreisrat. "Wir müssen ein Angebot für den kleinen Geldbeutel vorhalten".

Bereits zu Beginn des Jahres hatten Teamworker Unglaub und seine WbG-Mannschaft einen Wettbewerb ausgelobt, bei dem es um Ideen für die künftige Giebelgestaltung gehen sollte. Bis Mitte April konnten diese eingereicht werden. Doch schon während der Präsentationsphase im Anschluss zeigte sich, dass die Plauener wohl momentan andere Sorgen haben als sich um die Integration der "Platte" in die historische Häuserzeile der Gründerzeit zu kümmern. Doch Quantität muss nicht immer Qualität sein. Nur ein halbes Dutzend Privatpersonen und Teams beteiligten sich, einige davon waren der Einladung Unglaubs am Donnerstag ins Theatercafe gefolgt, um die Entscheidung der Jury zu hören.

Um die nach dem Sieger "Nächstplatzierten" milde zu stimmen, lud der WbG-Chef zum gemeinsamen Umtrunk mit Essen a la Carte ein. Doch die nahmen es eh gelassen-sportlich. Am Wettbewerb teilgenommen hatten der in Plauen recht bekannte Graffitti-Künstler Andre Bretschneider, Alexandra Wernig, Felix Marschner, ein Team der Maler GmbH, Marcus Peter sowie der als "Plattenbau-Papst" bekannte Prof. Dr. Wolf Eisentraut. Weitere Bürger hatten sich auf dem "kurzen Weg" beteiligt und ihre Ideen dem WbG-Chef mündlich beim Schwatz auf der Straße mitgeteilt.

So habe der Alt-Oberbürgermeister Rolf Magerkord dafür plädiert, den alten Zustand zu erhalten beziehungsweise wieder so herzustellen - bisher zierte das Stadtsiegel Plauens die Fassade. Verleger Jean-Curt Röder wiederum konnte sich einen Plauener Poststempel oder auch ein Neideitel-Motiv vorstellen. Und aus der Unternehmerschaft, so Unglaub milde lächelnd, sei der Vorschlag für großflächige Leuchtwerbung gekommen.

Ästhetisch gealtert

Am Ende setzte sich der professorale Vorschlag durch, wohl auch, weil er am unkompliziertesten zu ergänzen oder erweitern ist. Eisentraut schwebt eine Sandsteinoptik vor. Diese Variante hat den Vorteil, dass sie später, wenn das "Gesamtensemble" Bahnhofstraße 26 bis 30 "durchgeplant" ist, durch weitere Gestaltungselemente ergänzt werden kann. Unglaub spricht in diesem Zusammenhang von vier bis fünf Jahren. Und bricht nebenher eine Lanze fürs bisherige Stadtsiegel. "Rede ich mit meinem Schwiegervater, dann sagt der ihr seid doch bekloppt, das Siegel verschwinden zu lassen. Spreche ich mit meinem Sohn, dann sieht der das ganz anders." Unglaub diplomatisch: "Das Siegel ist ästhetisch gealtert.Wir denken manchmal noch zu sehr Vergangenes, weniger Künftiges."

 

Wichtig sei bei der Entscheidung gewesen, dem Gebäude seinen "Platten-Charme" zu nehmen. Und dann verrät er doch noch ein "Geheimnis": Man befinde sich in Gesprächen mit der Firma Wetzel bezüglich einer im Wortsinne "Spitzen-Lösung" an der obersten Giebelwand. Dort könne man sich das Abzeichen des 50. Spitzenfestes vorstellen. "Technisch ist das machbar", freut sich Unglaub. Und den Wettbewerbsteilnehmern offeriert er, dass ihre Vorschläge nicht umsonst waren. "Wir haben noch viele Objekte zu gestalten, das war hier keine Spaßveranstaltung." Möge der Mann der klaren Worte und sympathisch-direkten Ausstrahlung noch lange an seinem Chef-Sessel "kleben". tp