"Sachsen darf nicht Experimentierfeld werden"

"Ein Leben ist zu wenig" heißt das aktuelle Buch von Gregor Gysi, aus dem er am Freitag, 20 Uhr, in der Plauener Festhalle lesen und mit Moderator Hans-Dieter Schütt ins Gespräch kommen wird. Am Samstag, von 11 bis 13 Uhr, will die Gallionsfigur der Linken mit den Plauener Bürgern im Malzhaus über drängende Zukunftsfragen diskutieren.

Plauen - Das aktuelle Buch Gregor Gysis stellt den Titel eindrucksvoll unter Beweis: Ein Leben scheint tatsächlich zu wenig für den gelernten Melker, studierten Rechtsanwalt, langjährigen Vorsitzenden der Partei Die Linke und gegenwärtigen Vorsitzenden der Europäischen Linken. Redakteur Torsten Piontkowski unterhielt sich mit Gregor Gysi - nicht nur über ihn selbst.
 
Vor dem Hintergrund Ihrer bayerischen Wurzeln - Ihr Urgroßvater war in Mühlhausen bei Bamberg unternehmerisch aktiv - können Sie sich vorstellen, dass es dort aktuell Links-Wähler gibt?
Schon, bei der letzten Landtagswahl gab es in Bamberg immerhin 2519 Stimmen für Die Linke.

In Ihrem Elternhaus wurde Weltoffenheit gelebt, am Beispiel Ihres Paris‘-Besuchs beschreiben Sie selbst Ihre Eindrücke eines Erst-Aufenthalts im Westen. Welchen Stellenwert messen Sie dieser nicht gelebten Weltoffenheit in der DDR an deren Zugrundegehen bei?
Keinen geringen, der Wunsch, sich die Welt mit eigenen Augen anschauen zu können, war für viele Menschen wichtig. Die Diskussion um das Reisegesetz war schließlich eine der zentralen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Wendezeit.

Sie sprechen von der Bedeutung eines "flinken Phlegmas" in der Politik. An wem der aktuellen Politiker erkennen Sie diesen durchaus vorteilhaften Zug?
Das ist schwierig, aber Sigmar Gabriel hat davon auch etwas an sich, glaube, hoffe ich.
Am Beispiel Ihrer Arbeitsrecht-Klausur beschreiben Sie sinngemäß, dass man unvorsichtiger werde, wenn jemand nett ist. Das dürfte eine gewisse Erfahrung sein, die Sie mit in die Politik nehmen konnten?
Das war für mich nicht wirklich ein Problem, denn als ich in die Politik kam, wollte diesen Job gerade sonst niemand machen. Und dann hatte ich wirkliche politische Freunde wie Lothar Bisky, denen eine mit irgendwelchen Absichten verbundene Nettigkeit mir gegenüber nie in den Sinn gekommen wäre.

Weiterhin erwähnen Sie das Wissen um die "Relativität der eigenen Wahrheit". Ist diese Erkenntnis für einen "herkömmlichen" Politiker eher von Vor- oder von Nachteil in der Auseinandersetzung mit dem politischen Mitbewerber?
Die Interessen der Gegenseite mitzubedenken und in eine mögliche Lösung einzubeziehen, lernt man als Anwalt sehr schnell, wenn man vor Gericht und bei Vergleichen Erfolg haben will. Ähnlich sieht das in der Diplomatie aus. Aber das sollte man für sich generell zum Grundsatz machen, denn man siegt sich sonst leicht in eine Niederlage.

Die Beschreibung Ihres gedanklichen "Staatsstreichs" weckt Erinnerungen an den Hauptmann von Köpenick. Andere Passagen (Einberufung zum Wehrdienst) tragen Schwejk'sche Züge. Wie viel Schwejk steckt in Gysi?
Weiß ich nicht, das müssen andere beurteilen. Man darf sich selbst nicht so ernst nehmen und ständig bewerten. Gelegentlich muss man das halt auch mal anderen Menschen vor Augen führen, die das gerade vergessen haben.

Sie beschreiben Ihre Fehler unmittelbar vor dem Rücktritt als Berliner Finanzsenator. War nicht bereits die Übernahme dieses Amtes ein Fehler?
Nein, das war ja eine Voraussetzung für das Zustandekommen der ersten Koalition von SPD und damals PDS in Berlin. Und anders, als es immer dargestellt wird, habe ich das Amt gern übernommen und als Senator gearbeitet.

Sie beschreiben kritisch die parteiinternen Querelen der Partei, vor allem 2005, Ihr Verhältnis zu Dietmar Bartsch und Oskar Lafontaine. Gibt es von diesen Personen Reaktionen auf Ihr Buch?

Also 2005 gab es keine Querelen, sondern einen sehr erfolgreichen gemeinsamen Wahlantritt von PDS und WASG, in dessen Folge sich Die Linke gründete. Das war ohne Zweifel ein Verdienst gerade auch von Oskar Lafontaine, der nach dem Neuwahlcoup von Kanzler Schröder die Initiative ergriffen hatte.

Welche Meinung vertreten Sie hinsichtlich der von Sarah Wagenknecht maßgeblich initiierten Sammlungsbewegung "Aufstehen"?
Da wird man nun sehen müssen, was daraus ohne Sahra Wagenknecht an der Spitze noch wird. Man kann eine solche Bewegung schlecht von oben gründen und dann noch mit einem ganzen Themenkatalog, den eigentlich Parteien anbieten. Bewegungen funktionieren gut für ein Thema.

Als aktuelle Forderung beschreiben Sie, die Linke, aber auch SPD und Grüne mögen die Kraft zu Kompromissen finden. Das sagt Robert Habeck von den Grünen ähnlich. Stimmt Sie das optimistisch?
Zumindest scheint etwas in Bewegung zu kommen, weil die SPD so langsam begreift, dass sie wenigstens wieder sozialdemokratische Politik machen muss und ihr hoffentlich auch bald klar wird, dass sie das in einer Großen Koalition nicht umsetzen kann. Die Grünen werden sich entscheiden müssen, ob sie einer Union, die Rüstungsexporte ausdehnen will und ein sozialeres Europa ablehnt, zur Mehrheit verhilft oder wie in Berlin und Thüringen rot-rot-grüne Politik für die Mehrheit macht.

Bedingungsloses Grundeinkommen? Womit würden Sie sich beschäftigen, wenn es für Sie in Frage käme?
Mein Terminkalender ist fast noch voller als früher, so dass ich keine Sorge habe, dass mir die Beschäftigung ausgeht. Und wenn ich mal gar nicht mehr wüsste, was ich tun soll, rufe ich Sie an und wir machen ein Interview. (lacht)

Welchen schmerzlichsten Fehler haben Sie privat begangen?
Ich habe mir für Familie und Freunde zu wenig Zeit genommen.

Es gibt das Bild des 30 Jahre jüngeren Gysi während der Demo im November 1989 auf dem Alex und das des scheidenden Fraktionsvorsitzenden am Rednerpult auf dem Parteitag 2015 in Bielefeld. Welches wird "überdauern"?
Ich hoffe doch beide, denn das sind ja so entscheidende Stationen meines politischen Weges.

Sie agieren seit 2016 als Präsident der Europäischen Linken. Worin besteht konkret Ihre Aufgabe? Und ist die "anders" nervenaufreibend als die in der Fraktion? Zuweilen scheint es, als tun sich die deutschen Linken mit Europa besonders schwer. 
Ja, anders nervenaufreibend trifft es ganz gut. Es ist eine schöne Aufgabe, aber eben auch nicht leicht, die vielen linken Parteien Europas zusammenzuhalten, weil doch die Situation in den einzelnen Ländern und daraus resultierend die unmittelbaren Interessen unterschiedlich sind. Aber im Ziel, die EU grundlegend zu verändern, sie friedlicher, demokratischer, sozialer und ökologisch nachhaltiger zu machen, sind wir uns einig. Die europäische Integration ist zu wichtig, als dass wir sie uns von den nationalen Egoisten und rechten Populisten kaputtmachen lassen dürfen. Aber es gibt leider auch Linke, die gegen die EU denken.

Wen würden Sie als die "jungen Wilden" in der Partei Die Linke bezeichnen? Wer hätte das Zeug, die Partei in zehn Jahren zu führen?
Zehn Jahre sind eine lange Zeit, da werden sicher noch junge Leute nach vorn kommen, die ich jetzt noch nicht kenne. Und beim aktuellen Spitzenpersonal gibt es einige, die gerade erst etwas über 40 sind - wir werden auch in zehn Jahren gute Leute an der Spitze haben.

Welchen Politiker des Bundestages schätzen Sie außerhalb der eigenen Partei besonders?
Ich habe seit 1990 eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Parteien im Bundestag kennen- und schätzen gelernt.

Wie schätzen Sie die politische Situation in Sachsen im Wahljahr ein? Befürchten Sie ein Aufeinanderzugehen von CDU und AfD?
Es wird sich zeigen, ob der Ministerpräsident entsprechende Tendenzen in der sächsischen CDU im Zaum halten kann. Sachsen liefe sonst Gefahr, zu einem Experimentierfeld für eine Entwicklung zu werden, die das Land in Verruf bringen könnte. Dass ausländische Wissenschaftler überlegen, ob sie an sächsische Universitäten gehen, ist ein Alarmsignal. Aber es gibt viele Menschen in Sachsen, die sich gegen eine solche Entwicklung stemmen.

Plauen gilt in Sachsen als Hochburg der rechtsextremen Partei "III. Weg". Wird das außerhalb Sachsens zur Kenntnis genommen?
Durchaus. Und es passt so gar nicht zu dem Ruf Plauens, Wegbereiter der friedlichen Wende in der DDR gewesen zu sein. Die Menschen damals wollten ins Offene, raus aus der geschlossenen Gesellschaft. Die Rechtsextremisten wollen das Gegenteil.

Sie haben 327 000 Follower auf Twitter. Wie nutzen Sie die "neuen" Medien?
Ich versuche, meine Meinung zu aktuellen Situationen kundzutun und versuche auch, auf entsprechende Reaktionen einzugehen. Aber bei aller Informationsgeschwindigkeit, die Twitter bietet - ein gut recherchierter Zeitungsartikel, der die Dinge einordnet und auch mal über den Tellerrand hinausschaut, ist mir immer noch lieber.

Gregor Gysi ist Mitglied des 1. FC Union. Schaffen die als gegenwärtig Tabellendritter den Aufstieg?
Wenn die Mannschaft den Platz hielte, käme sie zumindest in die Aufstiegsrelegation. Da könnte angesichts der Schwäche der Letztplatzierten in der Bundesliga durchaus etwas gehen. Aber ein direkter Aufstiegsplatz ist auch noch möglich - so übermächtig haben bisher weder Köln noch der HSV gespielt. Ich drücke Union auf jeden Fall die Daumen und werde dies demnächst auch wieder im Stadion tun.

Herzlichen Dank für das Gespräch und interessante und anregende Stunden in Plauen.