Ruinenstreit: Was das Haus erzählt

Ein Streit ist ausgebrochen, der Gerichte beschäftigt. Es geht um ein Haus, an dem der Zahn der Zeit genagt hat. Die Stadt wünscht den Abbruch, der Besitzer, ein Münchener Baufachmann, hat derweil Sicherungsmaßnahmen beauftragt. Doch was hat das Haus zu erzählen?

Von Marlies Dähn

Plauen Weitläufig eingebettet zwischen Johanniskirche, Malzhaus und Altmarkt grüßt ein altes Haus. Eigenwillig ist der Grundriss. Bemerkenswert für aufmerksame Betrachter reckt sich ein auffällig spitzes Dach himmelwärts und erinnert an alte Märchen. Dort angebaut ist ein ellenlanger spindeldünner Schornstein. Auch das Mauerwerk samt der bauchigen Wände lässt vermuten, dass hier ein uraltes Bauwerk die Wirren der Zeit überdauert hat.
Warum also inmitten des aktuellen Streites um Abriss oder Erhalt nicht auch einmal fragen, was das alte Haus selbst zu erzählen hat?
Clemens Uhlig aus dem Plauener Stadtarchiv hat sich die Mühe gemacht und nachgeforscht.
"Sofern der Eigentümer der Einsichtnahme in die laufende Bauakte nicht ausdrücklich zustimmt, können wir uns natürlich lediglich auf den historischen Teil beziehen", beantwortet er die Presseanfrage und hat dabei durchaus Erstaunliches herausgefunden.
Das Objekt Kirchstraße Nr. 3 (vormals: Kirchgasse) wurde bis ins 19. Jahrhundert (bis zur Durchsetzung der Straßennamen) unter der Brandkatasternummer A 58 (A = lt. Bezirkseinteilung im Brandkataster die Abteilung "Innere Stadt") geführt. Auch die Baugeschichte, die einstigen Besitzer und die Nutzung des Gemäuers überliefern reichlich Wissenswertes.
"Das Baujahr als solches ist nicht eindeutig festzustellen. Jedenfalls nicht ohne entsprechende weitergehende Forschungen. Die würden über unser historisches Material hinausgehen", erklärt Clemens Uhlig. Hierfür könnte man zum Beispiel auch Gesteinsproben nehmen. Trotz alledem scheint es sich dennoch um ein sehr altes Objekt zu handeln. "Dafür spricht nicht nur das historische Mauerwerk, das bis vor kurzem teilweise frei gelegen hatte", so Uhlig.
"Bereits im Erbbuch Plauens von 1506 wird das Haus erwähnt und gehörte damals einem Hans Sack." Inwiefern das Haus über die Jahrhunderte verbaut, erweitert und gegebenenfalls auch teilzerstört wurde - etwa bei Stadtbränden - müsste anhand der Brandkatasterunterlagen und weiterer Akten ermittelt werden, die im Plauener Stadtarchiv liegen. "Auch das bedarf allerdings einer umfangreicheren Recherche", so der Archivar.
Beim großen Stadtbrand von 1844 schien das Haus und das dazugehörige Karree - zu dem es ursprünglich gehörte - jedenfalls fast unbeschadet geblieben zu sein. Dafür spricht, dass der Nachname Sack noch bis Ende des 16. Jh. mit dem Haus verbunden war.
Im Laufe der Jahrhunderte wechselten die Besitzer stetig. Es finden sich darunter unter anderem ein Kantor, ein "Ratsweinschenk", Tuchhändler, Tuchscherer und Weber - also seinerzeit typische Plauener Berufe. Im 19. Jh. gehörte es dem Advokaten Carl August Meißner, bevor es (belegbar seit 1874) an Franz Otto Auerbach überging, der in dem Haus eine Putzwarenhandlung (auch: Putzgeschäft) betrieb. Nach dem I. Weltkrieg unterhielt Otto Auerbach dort für einige Jahre einen "Sargausstattungshandel". Nach seinem eigenem Ableben ist eine Erbengemeinschaft (Auerbachs Erben) eingetragen. Anschließend ging das Haus an den Kaufmann Heinrich Backhaus über.
Bei den Bombardierungen Plauens 1944/45 wurde auch das Objekt Kirchstraße 3 schwer beschädigt, konnte jedoch wieder hergestellt werden, so dass es weiterhin als Geschäftshaus genutzt wurde. Noch 1950 betrieb Backhaus dort laut Adressbuch im Erdgeschoss eine Seifenhandlung.
Das Haus diente im Laufe seiner Geschichte somit als Wohn- und Geschäftshaus, wie man auch über die entsprechenden Einträge im Häuserverzeichnis der Adressbücher (AB) ablesen kann, die auf der Internetseite des Plauener Stadtarchivs digital verfügbar sind.
Veränderungen am Bau oder der Fassade wurden durch die Besitzer immer wieder vorgenommen. Auch davon erzählen Archivunterlagen. So wurden durch den einstigen Eigentümer Franz Otto Auerbach Anfang des 20. Jahrhunderts Schaufenster eingebaut.
Derweil ist das Haus Kirchstraße 3 mittels Bauzaun gesichert und von Schutt befreit. Sicherungen am Dach und eine Teilausbesserung der Fassade sind im Gange. Einer baurechtlichen Genehmigung bedarf das nicht. Instandhaltungen sind verfahrensfrei. Weiterhin wünscht die Stadt den Abriss, der Eigentümer den Erhalt. Entsprechende Verfahren beim Verwaltungsgericht Chemnitz sind anhängig.
Wie auch immer der Streit endet, zu wünschen ist dem alten Haus ein Mitspracherecht als geschichtsträchtiger Zeitzeuge.