Rothenkirchen: Der Mann, der seine Finger hasste

Was treibt einen Mann wie Bodo S. dazu, über Jahre einen blutigen Krieg gegen seine eigenen Hände zu führen? Einen Kampf, der mit Hammer, Nägeln und Beil geführt wird?

 

Man kann ihn nicht mehr dazu befragen, denn Bodo S. ist tot. Sein Leben endete am 16. Mai jämmerlich in einer Regentonne in Rothenkirchen. Die Polizei geht davon aus, dass er sich selbst kopfüber ertränkt hat. Es war einer der wenigen Wege in den Freitod, die dem 64-Jährigen noch übrig blieben, denn Finger hatte Bodo S. zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr.

 Als "Fingerfall von Rothenkirchen" (wir berichteten) ist der Fall von Bodo S. in die Schlagzeilen eingegangen - zunächst als grausamer Überfall, dann als makabre Episode. Denn Bodo S., der sich am 15. April mit zehn blutigen Stümpfen an seinen Händen in das Krankenhaus Rodewisch geschleppt hatte, bediente die Polizei zunächst mit einer Geschichte eines Überfalls. Unbekannte Einbrecher hätten ihn überfallen, in einen Wald gefahren und dort die Finger abgeschnitten, ehe sie von ihm ließen. Wochen später - und kurz vor seiner Selbsttötung - ließ Bodo S. mitteilen, dass er sich die Finger auf eigenen Wunsch hatte abtrennen lassen.

Was weniger bekannt ist: Schon vor zehn Jahren hatte die Kriminalpolizei Bayreuth in einem Fall ermittelt, der unübersehbare Parallelen zum Rothenkirchner Vorfall aufweist: Am 3. Oktober 1998 wurde Bodo S. in seinem Haus im Grafengehaiger Ortsteil Horbach gefunden - beide Hände waren auf dem Esstisch angenagelt.

Der Polizei erzählte S., dass ihm in der Nacht zuvor drei unbekannte Männer in seiner Garage aufgelauert hätten. Sie hätten ihn mit einer Taschenlampe geblendet und mit einem Klebeband gefesselt. In gebrochenem Deutsch mit osteuropäischen Anklang hätten die Männer nach dem neuen Mercedes von Bodo S. gefragt. Mit dem sei jedoch in jener Nacht seine Lebensgefährtin unterwegs gewesen. Bevor ihn die ungebetenen Besucher verließen, so Bodo S., hätten sie seinen Kopf mit Klebeband umwickelt und seine Hände auf dem Tisch angenagelt.

Für die Kripo Bayreuth waren damals etliche Fragen offen geblieben. Etwa jene, wie die Täter ausgerechnet auf Bodo S. gekommen waren. Zudem mussten sie über gute Ortskenntnisse in dem nicht einmal 100 Einwohner zählenden Dorf verfügt haben. Und: Warum waren sie nach all dem Aufwand abgezogen, ohne die Wertsachen im Haus zu beachten? Für die Glaubwürdigkeit des Opfers sprach vor allem eine Tatsache: Es ist schlichtweg unmöglich, sich beide Hände selbst anzunageln. Genau an diesem Punkt sollten die Beamten der Kripo Zwickau bei ihren Ermittlungen zehn Jahre später ankommen.   Im Dorf ein Außenseiter   In Horbach selbst kann sich heute kaum noch jemand an Bodo S. erinnern. Ein Sonderling sei er gewesen, heißt es im einzigen Wirtshaus, das der aus Berlin zugezogene Bodo S. niemals besuchte. Niemand im Dorf habe eine Ahnung gehabt, von was der damals 54-Jährige eigentlich gelebt habe. Wenige Zeit nach dem Vorfall sei Bodo S. so plötzlich verschwunden, wie er damals in Horbach aufgetaucht war.

Kontakt hatte er offensichtlich nur zu einem Nachbarn, der wie er aus Berlin in den Frankenwald gekommen war. Im Gespräch mit dem Vogtland-Anzeiger gibt der sich reichlich zugeknöpft. Von was Bodo so gelebt habe, könne er nicht sagen. Immerhin ist dem Nachbarn zu entlocken, dass er es gewesen sei, der Bodo S. das Grundstück vermittelt habe, "über einen Schwager".

 

Und er habe Bodo S. in der Nacht zum 3. Oktober auch in seinem Wohnzimmer gefunden. Zum Haus sei er hinunter gegangen, so der Nachbar, weil ihn die Lebensgefährtin von Bodo S. am Telefon darum gebeten habe, weil sie sich Sorgen machte. Bodo S. habe ihn gebeten, ihn loszumachen. Der Nachbar: "Ich habe ihm gesagt: Bodo alles kannst du verlangen, das aber nicht." Deswegen habe er die Polizei angerufen.

 

Damals habe er sich spontan gedacht, Bodo S. habe wohl "ein krummes Ding gedreht und dafür die Quittung bekommen." Genau solche Gerüchte laufen im Vogtland um, nachdem die Zeitungen die schier unglaubliche Geschichte von Bodo S. veröffentlichen. Etliche Zeitgenossen munkeln von einem Racheakt der osteuropäischen Mafiakreise. Bis sich das vermeintliche Opfer über seinen Anwalt am 14. Mai offenbart. Aus einem brutalen Überfall wird nun eine tragisch-makabre Selbstmordinszenierung. Bodo S. schildert, schon länger Selbstmordgedanken mit sich getragen und den Überfall selbst inszeniert zu haben.

Damit die Geschichte echt wirkte, habe er eine Fensterscheibe des Hauses eingeschlagen, in dem er mit seiner Freundin lebte. Passende Glasscherben wurden später an seiner Kleidung gesichert. Danach habe er sich in einem Waldstück mit zwei Bekannten getroffen, die ihm gegen Bezahlung von rund 10 000 Euro die Finger abschnitten. Genau jene Bekannte aus Berliner Tagen seien es gewesen, die ihn auf sein Verlangen schon 1998 in Horbach an den Wohnzimmertisch genagelt hätten.   Frage nach Motiven   Während viel dafür spricht, dass Bodo S. ein psychisch kranker Mann gewesen ist, liegen - vom Geld abgesehen - die Motive seiner Helfer noch im Dunkeln. Gegen sie ermittelte die Kripo Zwickau wegen schwerer Körperverletzung. Derzeit streiten sie, nach Informationen unserer Zeitung, jede Beteiligung an den grausigen Vorgängen ab. Auf sie kommt es an, wenn die letzten Geheimnisse einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte geklärt werden sollen: Fest steht, dass Bodo S. ohne die Finger begraben worden ist, die ihm im Leben so wenig bedeutet haben. Sie wurden nie gefunden.