Rock-Dinos geben alles

Rocklegenden aus einer Zeit, da sich die Haare noch mit dem Hosengürtel trafen, verzückten am Mittwoch ihr Publikum in Chemnitz. Wishbone Ash, Nazareth und Uriah Heep zeigten, was alte Männer noch so drauf haben.

Von Torsten Piontkowski

Chemnitz Nein, die meisten kommen noch selbst mit dem Auto. Im Parkhaus ist kein einziger Bus der Volkssolidarität zu sehen. Die SUVs sind mal fast wieder unter sich. Im Foyer viele Menschen, denen es nichts mehr ausmacht, wenn ein Konzert an einem Mittwochabend stattfindet, weil sie als Ruheständler am nächsten Morgen auspennen können und danach die Handybilder in einen Ordner fummeln, um sie am Wochenende ihren Kindern und Enkeln präsentieren zu können. Da war ich. Und hier, das Autogramm, wollte ich Dir erst zur Volljährigkeit schenken, aber ich bringe es nicht übers Herz, dass du Dein Leben bis dahin ohne der Unterschrift von Andy Scott fristen musst. Andy wer? Na der Andy von "Sweet", der in "Ballroom Blitz" Anfang der 70er Jahre die Frage von Brian genauso laut und fröhlich beantwortet wie seine Bandkollegen Steve und Mick. "All you ready, Andy? All right fellas, lets‘ go!"
Diesmal übt sich Andy - schwarzes Hemd, weiße Löwenmähne und schwarze Jeans, aus der sein nun doch fülliger Körper jeden Moment auszubrechen droht, als Moderator.
Willkommen zum Konzert von Wishbone Ash, Nazareth und Uriah Heep in der Chemnitzer Stadthalle. Andy macht mit seinen Alterskollegen der drei Bands Smalltalk. Vor dem Konzert und in den Umbaupausen, denn trotz aller altersmilden Harmonie käme der Schlagzeuger von Nazareth, Lee Agnew, nicht auf die Idee, sich an die Schießbude von Wishbone Ash-Trommler Joe Crabtee zu setzen. Und umgekehrt freilich auch nicht.
Punkt 19 Uhr geht's los. Die Damen und Herren im Publikum haben es sich in ihren Polstersitzen bequem gemacht und denken vermutlich darüber nach, was sie vor 40 Jahren dafür gegeben hätten, wenigstens eine Schallplatte von einer der Bands zu besitzen und damit der King auf jedem ostdeutschen Schulhof gewesen zu sein.
Wishbone Ash eröffnet. Lebende Beweise, was man seit 1969 aus drei Gitarren, einem Schlagzeug und einer Stimme herausholen kann. Die ersten Handys werden gezückt, doch noch haben die meisten die mehr oder weniger freundliche Erinnerung am Eingang im Ohr, dass Handyfotos nicht erlaubt sind. Nur ein wirklich sehr kleiner Mann mit weißem Haarkranz robbt sich aufgrund seiner Größe nahezu unbemerkt an die Bühne, um das Bild seines Lebens zu schießen.
Am Ende tobt ein regelrechtes Blitzlichtgewitter, von dem sich die Bands auf der Bühne in keinster Weise gestört zu fühlen scheinen. Tatsächlich ist Leadsänger Andy Powell der einzige, der sich an die Anfänge der Band Ende der 60er Jahre erinnern kann. Und daran, dass damals vermutlich ganz andere Getränke auf der Bühne standen als heutzutage das stille Wasser. Und stellt man sich vor, dass diesem Mann einst zahllose intime weibliche Bekleidungsstücke entgegenflogen - man möchte es in beiderseitigem Interesse nichts aufs Heute projizieren. Eine Stunde spielen die Jungs, an denen man auf der Straße glatt vorbeilaufen würde, so eigentlich stinknormal sehen sie aus.
Danach Umbau, und wer sich in der Pause sein Bierchen einverleibt, hat Grund zum Ärgern. Denn derweil haben die Ashborner am Merchandising-Stand Aufstellung genommen und signieren Eintrittstickets, sauteure T-Shirts mit der Auflistung ihrer Welt-Touren oder was den Leuten noch so unter die Hände kommt.
Danach Nazareth. Auf ewig verbunden mit dem Song Love Hurts anno 1975. Ein bisschen mehr Technik als die Vorgänger, mehr Sanges-Power. Dem Waliser Carl Sentance scheint es mit seinen jugendlichen 58 Jahren irren Spaß zu machen, von einer Seite der Bühne zur anderen zu jagen und mit seiner unvergleichlichen Stimme die ersten Ladys im Saal zum Aufstehen zu animieren. Nur die Herren scheinen "Rücken" zu haben, die meisten bevorzugen noch die Sitz-Stellung. Später raffen auch sie sich auf und vergessen für einen Moment, dass es mit dem Headbanging mangels Haupthaar nicht mehr so weit her ist und beim Mitklatschen die Hände am Bauch vorbeimüssen. Auch Carl Sentance, der alternde Derwisch, gibt in der Pause noch mal sein Bestes beim Autogrammeschreiben.
Dann Uriah Heep. Noch mehr Verstärker, noch mehr Vorfreude. Die Reihenfolge ihres Auftritts haben die Jungs vermutlich nach der Anzahl ihrer verkauften Platten ge- wählt. Bernie Shaw tut seit 1969 nichts anderes, als die Leute mit seiner Frohnatur und freilich seinem Gesang in Extase zu versetzen. Mick Box an der Gitarre kündigt er als einen besten Friend an und das Jahr 1972 als ein gutes für den Rock. Klar, die Geburtsstunde von Easy living. Viel Power, viele verlorene Kalorien und die Erkenntnis, dass die Fans in Chemnitz und dem sehr weiten Umland genauso gut drauf sind, als die 50.000 bei ihren Konzerten in London, Australien und sonstwo. Sie versprechen auf alle Fälle wiederzukommen. Ein Abend mit addiert jahrhunderterlangen Rock-Biografien geht zu Ende.
Die eben noch erhobenen Hände umkrallen wieder das Lenkrad des SUV. Und morgen rufen wir mal den Enkel an, damit der mal paar Dateien "Uriah" aufs Handy zieht.