Rhetorik-Superstar Joachim Gauck in Plauen

Plauen - Er spricht exakt 60 Minuten. Vermutlich jahrelanges Training, vielleicht waren seine Predigen auch immer genau eine Stunde lang.

 

Frei, nicht für einen Moment das Gesicht abgewandt von seinem Publikum. Natürlich spricht er über ein Thema, aber das hätte man nach fünf Minuten vergessen, stünde es nicht mit großen Buchstaben auf der Leinwand hinter ihm. Er spricht von sich, seiner Familie, mit vermeintlich jedem einzelnen im Saal. Und damit spricht er über deutsche Geschichte, die vergangenen 20 Jahre und die 40 davor.

 

Rhetorik-Superstar Joachim Gauck rockte am Freitag abend verbal die Plauener Festhalle. Ob dem Theologen diese Gabe sein unmittelbarer einstiger Vorgesetzter, Gott, in dier Wiege gelegt hat, man weiß es nicht. Aber dieser jemand hat ganze Arbeit geleistet und als Sahnehäubchen den norddeutschen Dialekt obendrauf gepackt. "Freiheit heißt Verantwortung" heißt sein Thema, mit dem er nahezu spielerisch umgeht. Wie mit einem Ball, den er von allen Seiten betrachtet, dann ein Stück lüpft, dribbelt und schließlich einen Volltreffer landet, bevor er das Spiel neu aufbaut.

"Also klar kannte ich Plauen, ich habe im Herbst '89 von Euch gehört. Mitbürger aus dem freien Vogtland, ich grüße Sie herzlich. Sie haben mir Mut gegeben im fernen Rostock." Das sind seine ersten Sätze und wenn es üblich wäre, würden jetzt schon die ersten vor Begeisterung aufspringen. Doch der Mann, nachdem der Volksmund eine Behörde benannt hat, kann mehr. Beispielsweise gedankliche Brücken bauen. Zwischen Tag der Deutschen Einheit und Erntedankfest, in diesem Jahr auf einen Tag fallend. Hier wie da gebe es Anlass zu sagen "Ich habe zu danken". Auch wenn des Deutschen Lieblingshaltung die des Verdrusses sei.

 

Anpassung ist rational

 

Vielleicht ist es diese Mischung aus dem Verständnis menschlicher Schwächen und derer Akzeptanz einerseits und dem Mahnen, wenigstens daraus zu lernen, die ihn ohne erhobenem Zeigefinger auskommen lässt. Die normale Alltagsvernunft verleite die Menschen "mitzumachen", eine Diktatur irgendwann für normal zu halten. "Anpassung ist rational und wir haben sie nicht im 20. Jahrhundert erfunden", sagt Gauck, und widmet sich nahtlos der Wendezeit. Als der Ossi alle Wessis böse und der Wessi alle Ossis blöd fand. Über diese Ost-Arroganz, dass alles Böse aus dem Westen kommt, rege er sich auf. Doch mit der Zeit sei der "Verständnis-Wessi" aufgetaucht, der ganz liebe, dem der Ossi sein Leid klagen konnte, und der das alles glaubte. Zwischenfazit am Rednerpult: "Wir müssen auf Augenhöhe miteinander reden. Dazu braucht es offene Worte und Begegnungen, denn die Wahrheit hilft und heilt." Gauck könnte mit dem Zeigefinger auf die damals Angepassten zeigen, er gehörte nicht dazu. Stattdessen sagt er: "Wir dachten ein wenig an unsere Karrieren und dass es den Kindern besser geht."

 

Ekki, Christian und andere

 

Fast hat er sie eingelullt, da unten im Saal. Hat er nicht grade erzählt, dass man eigentlich gar nicht anders konnte? Wirklich nicht? Konnte man nicht auch sein wie Ekki, Gaucks Bruder? Mit allen technischen Seemannspatenten ausgestattet die es braucht, auf hoher See Verantwortung zu übernehmen? Die man aber nicht bekommt, diese Verantwortung, weil zu den Patenten das Parteibuch gehört? Oder wie Gaucks Sohn Christian, der Medizin studieren wollte, aber als Nicht-FDJler und Pfarrerssohn erst mal kein Abi machen durfte und schließlich in den Westen ging? Bei der Verabschiedung hat der alte Gauck noch den Starken gemimt und sich gesagt wenn das so weitergeht, bleibe ich mit dem Honecker hier allein zurück.Geheult wie ein Schlosshund hat er erst später, als er die Erinnerungen zu einem Buch werden ließ.

Vor Ekki und Christian hat Gauck sein Auditorium aber erst mal klammheimlich in ein DDR-Wahlbüro entführt. "Es gab vogtländische Bergzausel und andere, die nicht alle Tassen im Schrank hatten, die überlegten, ob man eine Nein-Stimme abgeben konnte", erinnert sich Gauck gemeinsam mit seinen Zuhörern, die vielleicht gerade überlegen, ob sie das jemals in Betracht gezogen haben und wie das überhaupt "gegangen" wäre. Gauck erzählt es am Beispiel der Enkelin von Christa Wolff und die berühmte auf den Boden fallende Stecknadel hätte einen Heidenlärm verursacht. Verdammt subtil geht er mit den so gern Vergessenden um.

Wenn das Enkel heute frage, wozu man einen Wahlschein bekommen hat und man antwortet "zum Reinschmeißen", dann sei das doch richtig blöd. Als Pfarrer sagt er das anders. "Es gibt noch viele Menschen, die die Räume in sich selten betreten." Und er erwähnt, wie er am 18. März 1990 das erste Mal in seinem Leben wirklich gewählt habe. Da war er 50 und heulte vor Glück. Wählen dürfen macht es freilich nicht leichter, Demokratie zu lernen, Bürger zu werden.

 

 "Im Westen haben sie die Demokratie länger trainiert, das ist alles", macht er Mut. Demokrat werden, Bürger werden, sei wie Fußball spielen. "Von nix kommt nix". "In der Gegenwart das zu leben, was wir '89 gefordert haben, darauf kommt es an. Wir sind das Volk" Nur zwischen Produkten zu wählen sei wohl doch zu einseitig. Freiheit und Verantwortung.

 

Sein Thema, das er nie aus den Augen verliert, das er geschickt umschleicht, bis er auf den Kern kommt, der wiederum sehr persönlich ist. Denn die Freiheit für und zu etwas, diese Freiheit ist Verantwortung. Es als Glück zu empfinden, sich für den liebsten Menschen aufzuopfern, ist die Freiheit, Verantwortung auf sich zu nehmen. Freiheit mit "Ich darf alles" zu übersetzen, funktioniere nur in der Pubertät. Und: In der Demokratie kann man auch mal ziemlich allein oder mit wenigen kämpfen müssen. "Wir krepieren nicht gleich, wenn wir mal eine Weile Minderheit sind", sagt Gauck, und da ist er ein ganz lebendiges Beispiel.

 

 Stück Leben angeboten

 

"Ich habe Ihnen ein Stück meines Lebens angeboten. Damit haben Sie ein Stück Ihres eigenen Lebens aufgerufen. Danke für Ihre Geduld", verabschiedet er sich. Die Bemerkung, dass er heute "in der europäischen Heldenstadt Plauen gesprochen" hat, war für die Standing Ovations kaum noch ausschlaggebend.

Und während sich am Stand mit seinen Büchern eine lange Schlange bildete, wird dem einen oder anderen durch den Kopf gegangen sein, was Deutschland für ein Bundespräsident durch die Lappen gegangen ist. tp