Reichenbach: Spaziergang in die Vergangenheit

Die nächsten Führungen sollten dann an einem Samstag stattfinden, um auch der arbeitenden Bevölkerung eine Teilnahme zu ermöglichen, meint Richter. Eingeladen hatte Dr. Richter anlässlich des Internationalen Tages der Gästeführer. Außerdem begeht die Stadt in diesem Jahr ihren 800. Geburtstag. Und der Fremdenverkehrsverein "Nördliches Vogtland" wurde vor 20 Jahren gegründet.

Wolfgang Richter ist SPD-Stadtrat und Vorsitzender der Neuberingesellschaft. Er gehört dem Vorstand des Parkvereins an. Und im Fremdenverkehrsverein "Nördliches Vogtland" hat er den Stellvertreterposten inne. Außerdem kennt er sich in der Stadtgeschichte bestens aus und fungierte auf der Landesgartenschau erfolgreich als Gästeführer. Der perfekte Stadtführer sozusagen. Und so erfuhren die fast 50 Reichenbacher bei der jetzigen Premiere viele interessante Fakten aus der Stadtgeschichte. Danach zählte der Ort im Jahr 1200 lediglich 400 Einwohner. Dementsprechend klein war die Fläche, die die damalige Stadtmauer umgab. Auf den Spuren dieses Ringes wandelte die Schar.

Erinnerung an Holocaust

Am Marktplatz erklärte Dr. Richter, dass das Rathaus bis zum großen Stadtbrand im 18. Jahrhundert in der Mitte des Platzes gestanden hatte. Bei seinen Ausführungen suchte er immer wieder den Bezug zur Gegenwart. Hier sind es die Stolpersteine, die erst im vergangenen Jahr verlegt wurden und an die Deportation und Ermordung Reichenbacher Juden durch die Nazis erinnern.

Richter führt die Gäste über die Lange Gasse bis zum Johannisplatz. Hier waren es das Neuberinmuseum und das Geburtshaus des bekannten Zeichners Fedor Flinzer, auf die er aufmerksam machte. Im heutigen Museum wurde 1697 die Neuberin geboren. Bei einer Verpuffung in der Reichenbacher Kanalisation Ende der siebziger Jahre war das Gebäude schwer beschädigt worden. Erst nach der Wende erfolgte die Sanierung. 1995 wurde das geschichtsträchtige Haus als Neuberin-Museum mit Trausaal wiedereröffnet.

Über die Kirchgasse gelangt Dr. Richter mit seinen Gästen auf den Kirchplatz, den ältesten und zudem zweitwichtigsten Platz Reichenbachs. Die dort befindliche Peter-Paul-Kirche wurde 1225 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, ist aber genauso wie die Silbermann-Orgel dem großen Stadtbrand zum Opfer gefallen. Während die Kirche größer und schöner wieder aufgebaut wurde, sprechen Fachleute heute davon, dass die Orgel auf Silbermann zurückgehe.

Rudimente der Stadtmauer

Am Sebastian-Bach-Platz, dem früheren Gänsepöhl, kann das größte zusammenhängende Stück der ehemaligen Stadtmauer besichtigt werden. Steine aus der Stadtmauer seien sogar zum Hausbau verwendet worden. Auf das Hallenbad am Rossplatz, heute ein Winzling unter den öffentlichen Bädern, seien die Reichenbacher 1920, im Jahre seiner Eröffnung, sehr stolz gewesen. Und weil das Bad damals so gut angenommen wurde, hatten bald sogar Pläne für einen größeren Bau in der Nähe des Friedhofes oder an der Schönen Aussicht existiert. Daraus wurde bekanntlich nichts.

Leckerbissen der Architektur

Die katholische Marienkirche, 1927 eingeweiht, wurde vom Architekten Bruno Ladewig entworfen. Dieser erfolgreiche Baumeister wirkte zwischen 1925 und 1932 in Reichenbach und hat der Stadt mehrere architektonische Leckerbissen hinterlassen. Dazu zählen der Wasserturm, die Sternsiedlung, die Textilschule und die Marienkirche. Seine Frau, eine Jüdin, wurde von den Nazis umgebracht. Daraufhin schloss sich Ladewig in Hamburg dem Widerstand an, weswegen ihn die Nazis ins KZ steckten und 1945 dort umbrachten.

Er wolle sich jetzt dafür einsetzen, erklärte Dr. Richter, dass in Reichenbach eine Gedenktafel für Bruno Ladewig angebracht wird, die an seine herausragende Arbeit erinnern soll. Auf andere Gedenktafeln, die den Weg des Stadtrundgangs säumen, machte der Gästeführer immer wieder aufmerksam. Auf diese Weise wird an den Mundartdichter Emil Leonhard, genannt "Leinweber", den Berliner Tierparkdirektor Heinrich Dathe oder den Pädagogen Weinhold erinnert.

Über das Reichenbacher Umland informierte Christa Trommer, Vorsitzende des Fremdenverkehrsvereins "Nördliches Vogtland", die Besucher nach dem Rundgang. "Sie werden staunen, was es hier alles anzuschauen und zu bewundern gibt", versprach sie. Dann begab sie sich mit ihren Zuhörern auf eine Reise entlang des Radweges zwischen Heinsdorfergrund und Göltzschtalbrücke. "Besuchen Sie Neuberinmuseum, Wasserturm, Rollbockschuppen, Alaunwerk, Floßteich, Burg Mylau, Kirche Mylau, Schloß Netzschkau, Kuhberg mit Bismarckturm, Göltzschtalbrücke, Goldmuseum Buchwald und Bergwerksmuseum Netzschkau", empfahl Frau Trommer.