"Regine Hildebrandt ist mein Vorbild"

Als Bundestagsabgeordnete der Linken vertritt Sabine Zimmermann auch die Interessen der Vogtländer. Heute feiert sie 60. Geburtstag. Wenige Stunden vorher unterhielt sich Torsten Piontkowski mit der gebürtigen Mecklenburgerin.

Vorab die Frage, die man gemeinhin am Ende stellt: Wie feiern Sie in Zeiten von Corona ihren "Runden"?
Das bedarf einer gewissen Koordination. Am Nachmittag kommen in "Etappen" die Kinder und Enkel. Darauf freue ich mich.

Sie wurden in Pasewalk geboren. Was verschlug Sie nach Sachsen?
Ich habe in Großräschen Anlagentechniker mit Abitur gelernt und bin 1984 meinem Mann nach Zwickau gefolgt.

Seit fast drei Jahrzehnten ist Ihr Name mit dem DGB in der Region verbunden. Können Sie aus dieser Sicht den Ruf der Vogtländer als zänkisches Bergvolk bestätigen?
Na ja, als Mecklenburgerin, die bis heute nicht richtig sächsisch gelernt hat - außer "nu" und paar anderen Worten - war es anfangs nicht einfach. Ich hatte schon einige "Proben" zu bestehen. Aber ich habe mich immer wohl gefühlt. Das Vogtland ist landschaftlich schön und zänkisch habe ich die Leute eigentlich nie erlebt.

Sie waren bis 2005 zehn Jahre SPD-Mitglied - aus heutiger Sicht eine "Jugendsünde"?
Nee, ich habe bis heute auf Bundesebene sehr viele Freunde in der SPD, und nicht wenige haben mich auch bei meinem Parteiaustritt begleitet. Mein Anliegen war immer der Arbeitsmarkt, die Sozialpolitik. Das sollte ja auch bei der SPD vorn anstehen und es tut mir weh, dass die Partei da ihren Weg verloren hat. Letztlich bin ich auch wegen der Agenda Schröders ausgetreten.

Von 2013 bis 2018 waren Sie Fraktionsvize der Linken, mischten also ziemlich "weit oben" mit. Trügt der Eindruck, dass die Linken zuweilen zur Selbstzerstörung neigen?
Der Eindruck trügt nicht. Ich bin sehr eng mit Sarah Wagenknecht befreundet und habe selbst erlebt, wie sie gemobbt wurde. Solche Machtkämpfe habe ich immer wieder scharf kritisiert. Sarah ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der Partei. Sie vertritt Politik für die breite Masse der Gesellschaft. Neben ihr schätze ich übrigens auch Regine Hildebrandt, sie kannte die Sorgen und Nöte der Menschen genau. Ich würde sie als mein Vorbild bezeichnen.


Sie gelten als ausgewiesene Arbeitsmarkt-Expertin.
Als arbeitsmarktpolitische Sprecherin muss ich alle Fraktionen nach außen vertreten. Das ist manchmal recht schwer und ich versuche ja auch, linke Positionen einzubringen.

Darf man Sie als "Königin" der Kleinen Anfragen bezeichnen?
(Lacht). Das könnte stimmen. Ich bringen Dinge, die die Leute zu mir ins Wahlkreisbüro tragen, auf bundespolitische Ebene. Das sind Fragen der Gesundheit, des Verdienstes, der Rente. Der Niedriglohn ist seit Jahrzehnten mein Thema. 25 Prozent der Menschen hierzulande arbeiten im Niedriglohnbereich, andererseits werden Milliarden in die Rüstung gepumpt.

Abgeordnete verdienen zu viel und arbeiten zu wenig, lautet ein weitverbreitetes Klischee...
Das kann nur jeder Abgeordnete für sich beantworten. Was mich betrifft, bin ich rund um die Uhr erreichbar und sehe mich auch finanziell in der Verantwortung. Ich spende jährlich 20.000 Euro an die Partei, an Vereine und Verbände.

Wen schätzen Sie im Kabinett/Parlament?
Das beruht sicher auf Gegenseitigkeit, ich bin nicht nur auf Linke fokussiert Da gibt es selbst bei der FDP interessante Gesprächspartner.

Wie ist Ihr Verhältnis zur zweiten vogtländischen Bundestagsabgeordneten, Yvonne Magwas, von der CDU?
Menschlich können wir ganz gut miteinander, politisch setzen wir uns sachlich auseinander.

Wie gehen Sie mit den neuen Medien um?
Ich bin froh, dass ich ein Handy bedienen kann. Auf Facebook finde ich manchmal Kommentare, da fehlt jeglicher gegenseitiger Respekt. Der Ton ist rauer geworden.

Würden Sie sich eher als dick- oder dünnhäutig beschreiben?
Ich musste erst lernen, einstecken zu können. Wenn man immer wieder die Realität anspricht, scheinen das viele nicht verkraften zu können.

Sie mussten selbst eine schwere Krankheit überwinden. Haben Sie dadurch auch einen anderen Blick auf die Corona-Pandemie gewonnen?
Auf alle Fälle. Ich litt an Brustkrebs und wurde gewissermaßen über Nacht von 180 auf Null gezogen. Ich mache Corona deshalb auch nicht in erster Linie an Zahlen fest, sondern daran, dass die Krankenhäuser am Limit arbeiten und wie viele Menschen an dem Virus sterben.


Hat die Regierung im zu Ende gehenden Jahr gut agiert?
Manche Dinge waren gut, über den Lockdown im März hätte man streiten können. Die jetzige Kontaktbeschränkung ist richtig, das damit verbundene Rumeiern nicht. Der Impfstoff gibt Hoffnung, Aber für mich stellt sich vor allem die Frage, wer die Pandemiekosten bezahlen soll. Das können die Bürger nicht schultern.

Was fehlt Ihnen momentan am meisten?
Die Kontakte zu Menschen, ihnen nicht mehr ins Gesicht sehen zu können. Mir fehlt Kultur, Kabarett.

Was hätten Sie in Ihrem Leben anders gemacht?
Ich wollte Journalistin werden, wurde dann aber "umgelenkt", wie man damals sagte. Meine gesamte Verwandtschaft lebte und lebt im Westen. Die sind 1960 kurz vor der Grenzschließung "abgehauen". Aber da ich damals gerade geboren wurde, wollte das mein Vater nicht und blieb hier. Unsere Westverwandtschaft hat sich übrigens immer gut ums uns gekümmert. Das hab ich auch in meiner Biografie vermerkt. Die hab ich selbst geschrieben, nicht schreiben lassen (lacht).
Inzwischen habe ich in meinem Job Erfüllung gefunden. Eigentlich ist es kein Job, sondern eher Berufung. Ich möchte in meiner Funktion Menschen helfen. Und da hilft manchmal auch der Bundesadler auf dem Briefkopf...