Regine Heinecke umarmt die Welt in ihren Bildern

Der Grundstein zum Museum der Illustrationskunst auf Schloss Voigtsberg ist gelegt. Samstagabend erlebten zahlreiche Gäste im Fürstensaal die Vernissage zur Ausstellung von Regine Heinecke. Die Illustratorin, Malerin und Grafikerin übereignet ihr Lebenswerk der Stadt Oelsnitz.

Der notariell abgesicherte Schritt ist weitestgehend vollzogen, verkündete Hausherr Eckardt Scharf unter Beifall. Ein solches Museum gebe es nicht ein zweites Mal in Deutschland.   "Ihre Kinder" nennt die Künstlerin ihre Arbeiten, die in über 50 Schaffensjahren entstanden sind. Der seit kurzem in Adorf ansässige Schauspieler Wolfgang Schmidt verlas Gedanken der Berliner Schauspielerin Astrid Bless, die Regine Heinecke 1966 "als exzentrische Kindfrau mit rotem Haar" an der Schwarzmeerküste in Suchumi kennenlernte. Beide Frauen an der Seite ihrer Partner suchten jede auf ihre Art die intensive Annäherung an Landschaft, Menschen und Kultur.

Kunst sei für Heinecke Handwerk plus Fantasie. So entstehen Bilder, die Wünsche und Sehnsüchte offenbaren und in die Seele schauen lassen. Ob die Oelsnitzer Stadtväter und -mütter wüssten um den großen Schatz, der ihnen mit diesem Werk zuwachse? Die Frage ließ Schmidt offen.

Die Künstlerin und ihre Freunde gestalteten ein ungewöhnliches Eröffnungsprogramm, das sich wohltuend von der üblichen "kulturellen Umrahmung" abhob. Peter Göbel verlas die Laudatio für den erkrankten Gerd Naumann und stellte das Motto der Ausstellung auf den Kopf. Von der fernen Nähe sprach er, die für die Künstlerin bis zur Grenzöffnung am 12. November 1989 in ihrem Heim am Bobenneukirchner Pfaffenberg alltägliche Erfahrung war. Das Leben im Grenzgebiet prägte ein Widerspruch, Naturschönheit auf der einen, lästige Entbehrungen auf der anderen Seite. Regine Heinecke habe sich auf Messers Schneide bewegt, indem sie die künstlerische Metapher zur Kritik an den Zuständen nutzte. "Der Stadt ließ sie nicht über die Klinge springen", so die Laudatio, wohl wissend, "dass ihre Bücher Exportschlager waren".

Die Liebe zu anderen schönen Künsten lässt Regine Heinecke nach der Wende Tanzunterricht bei Samira Gamal in Hof nehmen. Die bewunderte Lehrerin entrichtet dem Exotischen und Fremden zur Vernissage mit ihrem Bauchtanz Tribut, die Hände züngeln graziös, rhythmisch rollt die Hüfte einer Frau, die keineswegs ein Hungerhaken ist. Samira Gamal zieht zuerst die Schülerin mit auf die Tanzfläche, dann Zuschauer, OB Eva-Maria Möbius und den halben Stadtrat. Ernste Männer werfen die Arme in die Höhe. So hat man Oelsnitzer Lokalpolitiker noch nicht erlebt.

Prägende Eindrücke einer anderen, bunten, lebensfroheren Kultur vermittelten Regine Heinecke, der gelernten Lithografin und Offset-Retuscheurin, schon kurz nach dem Abendstudium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunsts Reisen in die Länder der Sowjetunion und nach Südamerika. Sinnlich, saftig, prall von Leben scheinen die Arbeiten aus dieser frühen Zeit. Studien "In den Favelas von Rio de Janeiro" entstehen teils unmittelbar vor Ort mit Faserschreiber. Das Porträt "Lola" fasziniert - Sexappeal pur, aber meilenweit entfernt von gestylter Laufstegschönheit.

Wie kam eine DDR-Bürgerin in die westliche Welt? Eine Anfrage beim Verband der Bildenden Künste habe die Reise ermöglicht, die 1960 für ein halbes Jahr auf einem Frachtschiff um die halbe Welt bis nach Argentinien führte, erzählt Rainer Grube, der damalige Mann und Reisegefährte von Regine Heinecke, beim Ausstellungsrundgang. Anfragen in spätern Jahren seien dann aber abschlägig beschieden worden. "Ich war nicht bei den Pionieren, in der FDJ und nicht bei der Stasi", beugt Regine Heinecke jedem Verdacht vor.     Einen Bogen von über 50 Jahren künstlerischen Schaffens schlägt die Ausstellung im Foyer von Schloss Voigtsberg, die bis 20. Dezember zum Besuch einlädt. Jüngste Werke der Künstlerin zeigen Arbeiten in Mischtechnik, deren Ausgangspunkt eine Fotografie ist, die mit der Kalligrafie eine Symbiose eingeht. Diese Blätter wurden zusammen mit Thomas Leipold am Computer entwickelt. "So möchte ich weiterarbeiten", verrät die 72 Jahre alte Künstlerin, die 2010 als neues Projekt auf eine Schiffsreise nach Spitzbergen und Island starten will - die Mitsommernacht lockt.  Renate Wöllner