Professor aus Paris entdeckt Max Hoelz in Öl

Der Erste Weltkrieg und Max Hoelz. Max Hoelz und Falkenstein. Falkenstein und der Künstler Siegfried Henze. Der Künstler und sein Max-Hoelz-Bild. Das Bild und ein Historikprofessor von der Sorbonne in Paris. Der Professor, seine Reise und bald ein Buch. Eine spannende Geschichte aus dem Osten Deutschlands.

Von Cornelia Henze

alkenstein Professor Nicolas Offenstadt kniet vor dem gewaltigen Geschichts-Epos in Öl. Format 1,58 x 2 Meter. Das Objektiv seiner Canon rückt ganz nah an die Gesichter der Protagonisten eines Arbeiteraufstandes um 1919/1920 in Falkenstein. Der Fokus richtet sich auf Max Hoelz. Den Rebellen mit der Arbeitermütze und der roten Fahne in der Hand. Um ihn gruppieren sich seine Kampfgefährten Paul Popp, Oskar Hölzel und Louis Müller. Drei Falkensteiner Kommunisten, die zwischen 1935 und ‚45 in KZs und Zuchthäusern den Tod finden. Da ist der Leipziger Sozialdemokrat Georg Schumann, der Arbeiterfotograf Max Georgi und der Falkensteiner Ehrenbürger Erich Schmalfuß. Empört richten die Aufständler ihre Gewehre auf die Gegenspieler: Die Reichen, Fabrikanten, Kapitalisten. Die Bourgeoisie. Im Rücken die Bayerische Reichswehr. Drei Mal rückt sie an, um die kommunistischen Aufrührer niederzuschlagen, ihren steckbrieflich gesuchten Anführer Hoelz zu verhaften.
Siegfried Henze malt das Bild 1988. Ein Propaganda-Auftragswerk der SED. Dessen ist sich der Künstler, als man das Bild 2018 für kurze Zeit im Museum zeigt, bewusst. "Auch wenn das ein propagandistisches Bild ist, habe ich versucht, die Vorgänge in Falkenstein realistisch darzustellen. So, dass es jederMensch versteht", sagt Henze vor zwei Jahren. Der Professor aus Paris hätte so viele Fragen. Doch den Maler kann er nicht mehr fragen. Henze starb am 12. Mai 2020 mit 86 Jahren. So muss Nicolas Offenstadt mit seinen eigenen Deutungen und denen, die der Künstler seiner Familie, dem Museumsverein und dem Freundeskreis "Max Hoelz", dem Henze bis zuletzt angehörte, vorlieb nehmen. Wer ist zum Beispiel die Frau mit Hut, die wütend ihren Spazierstock gegen Hoelz erhebt? Ihr gelbes Kleid leuchtet aus dem Feldgrau der Reichswehr hervor. Und dann die in tristem grau-ocker gehaltenen verzweifelten Gestalten am unteren Bildrand. Nicolas Offenstadt ist sich sicher, dass Henze hier einen Zeitsprung in den Ersten Weltkrieg unternimmt. Das Leid der überlebenden Opfer. Männer, die fürs Vaterland gekämpft, Frauen, die Ehemänner und Söhne betrauern und in Armut zurückbleiben; ausgebeutet und geknechtet von den Kriegsgewinnlern der kommenden Zeit: In den "goldenen 20-er Jahren". Für Nicolas Offenstadt ist klar: Der Künstler zeigt nicht nur ein historisches regionales Ereignis nach dem Kapp-Putsch, das durchaus in der ganzen Weimarer Republik für Aufsehen erregt, er legt ein eindeutiges Statement gegen jegliche Kriege ab. Ein Bekenntnis, essentiell für den Künstler, Jahrgang 1933, resultierend aus eigener schwerer Kindheit in Kriegsjahren. Gerade weil die Anti-Kriegs-Aussage aktueller denn je ist, sagt Offenstadt: "Dieses Bild braucht einen öffentlichen Raum. Es muss gezeigt werden".
Verwundert ist der Gelehrte aus Frankreich darüber, dass die Stadtväter das Geschichtszeugnis in Öl seit 30 Jahren auf dem Dachboden verstecken. Ja mehr noch: Die Erinnerung an den umstrittenen Hoelz in der kleinen 8000-Einwohner-Stadt totschweigen. Bei einem Rundgang mit Peter Giersich vom Freundeskreis Max Hoelz stellt der Gast aus Paris fest, dass man die Gedenktafel an dem Haus in der Amtsstraße 2 schon längst abgeschraubt hat. Aus diesem Haus stammt die Fuhrunternehmertochter Klara Buchheim, die Hoelz 1914 heiratet. Im gleichen Jahr - und das bis 1917 kämpft der spätere Aufständige als Vaterlandstreuer an den Kriegsfronten und erhält sogar das Eiserne Kreuz II. Klasse.
Und hier setzt die Forschung des Intellektuellen aus Paris ein. Als Historiker hat er sich auf die Geschichte des Ersten Weltkrieges spezialisiert. In dieser Mission ist er bei seiner weltweiten Forschung besonders in Deutschlands Ostländern fündig geworden. Was macht die Erinnerung an den Krieg mit nachfolgenden Generationen? Wie wirkt der Krieg gesellschaftlich wie privat nach? In den neuen Bundesländern könne man da noch viel davon spüren, hat der Historiker aus Vorortbesuchen zwischen Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen erfahren. Zwischenrein spielen 40 Jahre DDR-Geschichte. Aus den "Helden" des Ersten Weltkrieges machten die DDR-Obrigen "Opfer" - wenn es günstig für solch ein Kriegerdenkmal lief. Im ungünstigsten Falle kam der Abrissbagger. Bilderstürmerei. Denkmalsturz. Kulturvandalismus. Gestürzte Kolumbus-Statuen sind nur das jüngste Beispiel, wie aktuell unter dem Gesichtspunkt heutiger Rassismus-Debatten Vergangenheit betrachtet wird. Im deutschen Osten, in dem uns noch Bismarck-Türme neben Karl-Marx-Büsten begegnen, ist ein Großteil der Bilderstürmerei abgeschlossen: Leninbüsten fielen, aus Karl-Marx-Straßen wurden wieder Kaiserstraßen. Und in Falkenstein versteckt man seit 30 Jahren ein Hoelz-Bild nebst Hoelz-Büste im dusteren Verschlag des Museumsbodens.
Seit 2008 bereist Nicolas Offenstadt wann immer er kann die neuen Bundesländer. Manche, die ihm begegneten, sagen von ihm, er kenne den Osten zwischen Rügen und Plauen besser als mancher Einheimische. Während seiner zweijährigen Gastprofessur an der Viadrina Frankfurt/Oder durchstreift er den Osten besonders intensiv. Auf eigene Faust wandelt er durch die Städte, sucht nach letzten Strukturen, spricht mit Zeitzeugen. Das lückenlose Archiv an DDR-Literatur, das Peter Sodann (Tatortkommissar Ehrlicher) bewahrt, besucht er ebenso wie ehemalige Arbeiter eines volkseigenen Betriebes - wie die mauernen Reste solcher Fabriken selbst. Über 40 "Lost Places" - Offenstadt nennt es "urban exploration" - hat der Franzose schon besucht, fotografiert und für sein Buch "Urbex DDR" dokumentiert. Fotografieren, nichts mitnehmen, bewahren, um den Spirit solcher alten Fabriken nicht zu stören - heißt die Devise von Nicolas Offenstadtauf seinen halblegalen Besuchen, die ihn auch öfter schon ins Vogtland führten: Er hat den Geist der Renak in Reichenbach, den der Hempelschen Fabrik in Plauen und ein paar Ecken weiter der der Textilbuden in Wiprecht- und Schönherrstraße inhaliert. Offenstadt recherchiert im Netz, wälzt Telefonbücher, sucht sich Hotspots über Google Maps heraus.
Auf diese Weise stößt er auch auf Max Hoelz, den Freundeskreis Max Hoelz und das Bild von Siegfried Henze. Schnell ist der Kontakt gemacht. Im Herbst erscheint in dem internationalen Wissenschaftsverlag "de gruyter" das Buch "Das rote Erbe der Front". Neben weiteren Autoren berichtet Nicolas Offenstadt in Text und Abbildung über die "Begegnung" mit Max Hoelz und dem Bild des Künstlers Siegfried Henze. "Das ist ein Stück Geschichte und muss bewahrt werden", sagt der 52-Jährige. Den Maler Siegfried Henze, selbst ambitonierter Geschichtskenner, hätte diese Haltung erfreut, ist sich die Familie sicher.