Premiere mit "Titanic"-Gefühlen

Im Vogtlandtheater hat Samstag und Sonntag gleich zweimal die Oper "Tamerlano" Premiere gefeiert. Das Besondere: Es wurde nur der erste Teil der Oper gezeigt, denn aufgrund der Tatsache, dass nur ohne Pause gespielt werden darf, zwang zu einer "Corona-Version". Wann die für kommendes Wochenende geplante Fortsetzung folgen darf, weiß derzeit niemand.

Von Ingo Eckardt

Plauen Ein wenig fühlte es sich an, wie auf der "Titanic": Die Musik spielte auch 1912 bis zum Untergang. Ein wenig Untergangsstimmung herrscht derzeit auch im Theater, denn die erneute Schließung de Musentempels hinterlässt Mitarbeiter und Theaterfreunde gleichermaßen ratlos.
Allerdings erlebten die 150 Besucher im "corona-ausverkauften" Haus noch einmal eine große Opernkunst. Händels barockes Musikwerk, das 1724 in London uraufgeführt wurde, basiert auf einer wahren Geschichte: Nach der Schlacht von Angora (heute Ankara) um 1402 ist der Sultan Bajazet prominenter Gefangener des grausamen tatarischen Fürsten Timur Lenk (italienisch Tamerlan). Dieser stellt Bajazet die Freiheit in Aussicht, wenn dessen Tochter Asteria ihn zum Mann nehmen würde. Um sie für sich zu gewinnen, instrumentalisiert er den ebenfalls besiegten Fürsten Andronicus, der allerdings ebenfalls in Asteria verliebt ist.
Ein Spiel der Intrigen und Verstrickungen entspinnt sich - in das auch noch Irene eingreift, die eigentlich seit Jahren dem Tamerlan versprochen ist. Das Werk über Liebe, Macht und Politik erweist sich als ein echter Thriller, der bis heute nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat. Musikalisch ist die Oper eine der fortschrittlichsten und musikalisch farbenreichsten Händels. Den Tamerlano (in Händels Original ein Alt-Kastrat) gibt in Plauen Mezzosopranistin Stephanie Atanasov.
Dass ausgerechnet die Hauptrolle im Vergleich mit den anderen großen und kräftgen Stimmen auf der Bühne ein wenig schwächelte, war schade. In einigen Passagen fehlte der grandiosen Sängerin einfach der Druck, um tiefe Sequenzen selbstbewusst zu präsentieren - es wirkte, als würde sie durch Watte hindurch singen. Die stimmlichen Defizite kompensierte die Sängerin jedoch durch ein grandioses schauspielerisches Können. Insbesondere ihr Intrigenspiel gegenüber dem Gefangenen schwappt herrlich bösartig in den Zuschauersaal. Den Türken-Herrscher Bajazet sang und spielte André Gass, der stimmlich wie darstellerisch absolut überzeugte. Seine Zerrissenheit, seine Wut, seinen Stolz - all das brachte Gass hervorragend in die Ohren und Herzen der Besucher. Seine Tochter Asteria stellte überaus spielfreudig Publikumsliebling Christina Maria Heuel auf die Bühne. Die Sopranistin begeisterte bei ihren Arien die Gäste im Theatersaal, die immer wieder mit Szenenapplaus ihre Verzückung erkennen ließen. Die Irene, Prinzessin von Trapezunt, spielte Sopranistin Nataliia Ulasevych, die druckvoll und deutlich, sauber in Höhen und Tiefen ihre Rolle absolvierte. Den Vertrauten Leone sang Bass Frank Blees, kam aber im ersten Teil kaum zum Zuge.
Der ohne Zweifel stärkste Part dieses wundervollen Opernabends war der Griechen-Prinz Andronico, den Gast-Tenor Noah Xuhui Du einfach hervorragend intonierte. Er trägt mit seinem schönen Tenortimbre den ersten Teil mit seinen wundervollen Arien und verbindet die Szenen auch spielerisch in absoluter Höchstform. Allein seine Arien lohnen einen Besuch dieser herrlich hellen Oper. Erfreulich: Auch die Chorpartien durften auf Corona-Abstand gesungen werden und boten einen kraftvollen Kontrapunkt zur liebevoll gezeichneten Oper, die von Musiktheaterchef Jörg Pöckel inszeniert und von Generalmusikdirektor Leo Siberski musikalisch geleitet wurde.
Nach der Corona-Pause sollten Musiktheaterfreunde unbedingt diese traumhafte Oper besuchen - es ist ein Kulturgenuss in weitgehend kulturlosen Zeiten!