Premiere in Plauen mit Besetzung der Superlative

Gioacchino Rossini schloss mit der Oper "Wilhelm Tell", die am Sonntag Premiere am Vogtlandtheater feierte, sein musikalisches Gesamtbühnenwerk ab. Sie enthält einerseits die von ihm bevorzugte idyllische Darstellung des Lebens schlichter, tugendhafter Menschen, andererseits die politische Botschaft vom Freiheitskampf, die europäische Urrevolution aus der Schweizer Geschichte.

 

Insofern passt das Werk mit seiner Proklamation des Grundrechtes auf Freiheit jedes Menschen bestens in den Kontext "20 Jahre Mauerfall". Dem Sujet der Oper liegt Schillers Freiheitsdrama zugrunde, dessen Werk wiederum ist Victor-Joseph Etienne de Jouy und Hippolyte Louis Florent Bis nachempfunden. "Wilhelm Tell" wird selten gespielt, stellt die Oper doch höchste Anforderungen an die zahlreichen Solisten. Allein drei Tenöre fordert das Werk, wobei die Rolle des Arnold mit mehreren hohen "C" bis hin zum "Cis" vom Sänger hohe Begabung und klugen technischen Umgang mit der Stimme erwartet.

Von den berühmten Tenören der vergangenen Generation war lediglich der 1927 geborene Spanier Alfredo Kraus - der Grandseigneur des Belcanto - ohne Einschränkung in der Lage, diese Höhen mit Leichtigkeit und Eleganz bewältigen, wenig später mit Einschränkung Luciano Pavarotti (geboren 1935). Eine beschwerliche Aufgabe für Operndirektor Stefan Bausch, die adäquate Besetzung für diese Produktion zu verpflichten. Fündig geworden ist er mit Joan Ribalta, ebenfalls ein Spanier, der scheinbar mühelos die Rolle des Arnold Melchthal singt, mit leicht beweglicher, schlanker Stimme und hervorragender Textverständlichkeit.

 

Das alles überstrahlende Ereignis des Abends jedoch ist kein Tenor, sondern der Bassbariton: Shin Taniguchi in der Titelpartie! Mit unglaublicher Intensität modelliert er sein Organ passend zu den unterschiedlichen Situationen der Handlung. Sein Timbre, wie dunkelbrauner Samt, betört mit kurzem, erregendem Vibrato, Kraft und Wärme - eine wundervolle Stimme! Katrin Kapplusch - ein weiterer Glücksgriff! Bekannt als phänomenale Turandot (2007 im Parktheater), singt sie die Rolle der Mathilde. Uta Simone überzeugt mit hellem, klarem Sopran als Tells Sohn Jemmi, Martin Scheepers? riesiger, stählerner Bariton ist die gelungene charakterliche Verkörperung des Landvogts Gessler und Nikolaus Meer lässt als Vater Melchthal seinen schwarzen Bass strömen.

Alexander von Pfeil, der Regisseur, zeigt dass man in dieser Oper problemlos auf eine idyllische, verstaubte Bergwelt verzichten kann. Zusammen mit der Ausstattung von Katharina Gault lässt er auf großem Raum spielen, beschränkt sich absolut überzeugend auf wenige, notwendige Requisiten, fallenden Schnee und eine schräge, unebene, verschneite Erhebung quer über die Tiefe der Bühne. Das Ganze zum Klingen bringt Thomas Kalb als musikalischer Leiter und nicht zu vergessen ist die brillante Führung des überdimensionalen Chores (Stefan Müller), der die Schlussszene mit allen Solisten zur flammenden Apotheose werden lässt. Dauerovationen im Takt, Bravo-Rufe, Begeisterung bis der Vorhang fällt!  I. Schenke