Premiere für "Effi Briest" im Vogtlandtheater

"Ich hab? in dem Verkehr mit Hof und Hofleuten ein Haar gefunden, sie bezahlen nur mit Ehre, und da diese ganze Ehre auch noch nicht den Wert einer altbackenen Semmel für mich hat, so wird es mir nicht schwer, darauf zu verzichten", schrieb Theodor Fontane in Zusammenhang mit der Enstehung seines Romans "Effi Briest" in einem Brief.

 

Diese Haltung lässt er Geheimrat Wüllersdorf, den Freund und Berater des Ehemannes von Effi Briest, Baron von Instetten, zwar aussprechen: "...unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt", zeigt jedoch gleichermaßen, wenn auch resigniert, Anerkennung der Macht dieser gesellschaftlichen Normen.

Im Grunde ist Instetten weder unsympathisch, noch verachtenswert, handelt er doch im Rahmen der aufgezwungenen Konventionen geradlinig und korrekt, nicht nur gegen seine Frau, sondern auch gegen sich selbst. Nicht um menschliche Unzulänglichkeiten geht es Fontane, sein Fokus richtet sich auf Instetten als willenloses Werkzeug im Zwang der Gesellschaft, die Liebe und Liebenswürdigkeit, Ehre und Ehrenhaftigkeit und Gefühle durch gute Manieren ersetzt hat.

Effi ist von vornherein das Opfer, sie wird nach elterlichem Beschluss verlobt und verheiratet und damit zum Eigentum eines älteren Mannes. Die Idylle ihres Heimes muss sie mit preußischer Pflicht tauschen, die Herzlichkeit ihres bisherigen Umgangs wird abgelöst von gefühlloser Etikette, ihre kindliche Verspieltheit wandelt sich abrupt in eingeübte Artigkeiten, Langeweile und Einsamkeit. Instetten glaubt Effi zu lieben, doch, zuforderst verhilft sie ihm mit ihrer Jugend und ihrem Charme zu männlichem Stolz und Aufstieg auf seiner Karriereleiter! Diese Moral zwingt ihn zur Eigenlüge, um sich wenigstens ein Quäntchen persönlichen Glücks zu sichern, sollte es noch so zweifelhaft sein.

Effi sucht nicht den Ausweg aus ihrer Vernachlässigung, sie findet ihn in Major von Crampas. Was infolge dieser, für sie einerseits beängstigenden, andererseits beglückenden Begegnung geschieht, lässt Instettens Einhaltung des unsinnigen Ehrenkultes gegenüber seiner Grausamkeit verblassen. "Mich ekelt, was ich getan, aber was mich noch mehr ekelt, ist eure Tugend..." sagt Effi verzweifelt.

Sowohl die Adaption des Romans für die Bühne, als auch die Inszenierung, beides von Tim Heilmann, sind überwältigend. Mit Wissen und Einfühlungsvermögen gelang ihm ein anschauliches, wunderbar bruchloses Bild dieses komplexen Stoffes in einem genial schlichten Bühnenbild (Aussattung: Marion Hauer) voller Poesie. Herausragend aus durchweg guten Akteuren (besonders auch die Darstellerin von Anni: Alina Festor) zeigte die bezaubernd anmutige Angelina Häntsch als Effi die ganze Palette dieser Rolle.

Glaubwürdig und beeindruckend spielt sie das unbefangene Kind unter heiter blauem Himmel und bunten Blütenblättern, das erstaunte zur Kenntnis nehmen ihrer neuen, düster grauen Welt, das Mutterglück, die Geliebte eines anderen, Reue und verzweifelten Verzicht auf alles, was ihr Heimat war - das Sterben eines einst glücklichen Menschenkindes in den Fesseln inhumaner Gesellschaftsverhältnisse. Anhaltender Applaus und Bravorufe für diesen zu Herzen gehenden Fontane.