Premiere für den Tele-Doktor

Dem Doktor auf dem Bildschirm begegnen Patienten aus dem Vogtland erstmals Anfang März. Den Auftakt zur Telemedizin gibt es in einem ärztlichen Servicezentrum in Wildenau. Ab 1. September soll ein Tele-Doktor von Mehltheuer aus praktizieren.

Wildenau/Mehltheuer - Dr. Leonir Alirifa Sandner von der Arztpraxis Crinitzberg (Ortsteil Obercrinitz), Dr. Marion Graupner und Dr. Nicola Kotschy-Lang sind die ersten Tele-Ärzte Sachsens. "Telemedizin ist in Sachsen ein Pilotprojekt, und abgesehen von einigen ähnlichen Versuchen anderswo ist unser Modell auch deutschlandweit einzigartig", sagt Mirko Klinkosch, Pflegedienstleiter am Klinikum Obergöltzsch Rodewisch. Die kreiseigene Einrichtung probt mit der Westsächsischen Hochschule Zwickau und der Oelsnitzer Software Simba n³ ein Modell auf zwei Jahre und hat für die Premiere die drei Ärzte aus den hauseigenen MVZ‘s (Medizinisches Versorgungszentrum) als Bildschirm-Doktoren an den Start geschickt.
Angemietet hat das Klinikum Obergöltzsch für das ärztliche Servicezentrum Räume unmittelbar am Wildenauer Pflegeheimes "Am Dreiseithof". In den nächsten Tagen werde man die Räume möblieren, so Klinkosch. Wie in einer normalen Arztpraxis gibt es auch dort einen Tresen mit Anmeldung, hinter dem eine Arzthelferin sitzen wird, weiter ein Behandlungszimmer, in dem die Schwester den Patienten beispielsweise Blut nehmen kann. Neu und noch gewöhnungsbedürftig ist das Zimmer der Videosprechstunde. Dort begegnet der Patient dem Mediziner auf dem Bildschirm.
"Am Anfang werden sicher nicht wahnsinnig viele von der Telemedizin Gebrauch machen. Von den Einsatz- und Behandlungsmöglichkeiten sind ihr auch noch Grenzen gesetzt. Wir werden sehen, wohin die Reise geht", sagt Mirko Klinkosch noch verhalten.
Eine Grenze ist der Datenschutz. Jeder Patient, der zum Teledoktor geht, muss damit einverstanden sein. Zweitens taugt die Bildschirm-Sprechstunde vorerst nur für die Behandlung weniger Krankheiten. Chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes oder chronische Wunden - ältere Leute leiden oft an offenen Beinen - zählen dazu. Drittens wird das Modell nur an Patienten der Internisten Sandner, Graupner und Kotschy-Lang getestet. Andere Arztpraxen bleiben außen vor. "Da, wo hausärtzliche Versorgung abgesichert ist, wollen wir nicht wildern", so Klinkosch.
Der Tele-Doktor praktiziert dort, wo es sonst keinen Arzt gibt. Eben auf Dörfern wie Wildenau und Mehltheuer. "Wir sind froh über Telemedizin, denn für kleine Gemeinden ist ärztliche Versorgung ein Stück mehr Lebensqualität", sagt Steinbergs Bürgermeister Andreas Gruner. Allerdings hätte er sich den Teledoktor in einem der größeren Ortsteile Steinbergs - präferiert war Rothenkirchen - gewünscht. Mit 520 Einwohnern ist Wildenau der kleinste Ortsteil. Im Ortsteil Wernesgrün praktziert mit Erika Adamietz zudem noch eine Ärztin zum "Anfassen".
Weitaus schlechter dran ist Mehltheuer. Im Ort gebe es gar keinen Arzt. Wer krank ist, muss nach Pausa oder Plauen zum Arzt, bedauert Bürgermeister Michael Frisch. Ab 1. September will das Klinikum Obergöltzsch in Mehltheuer die zweite Telemedizin-Praxis einrichten. Frisch steht dem Plan noch skeptisch gegenüber, denn bisher sei kein Arzt gefunden, der einen Teil seiner Arbeitszeit der Telemedizin widmen mag. Denn zu weit ab vom Schuss dürfe die Praxis nicht sein. Schließlich müsse der Patient den Arzt auch zu persönlichen Sprechstunden erreichen können. Gemeinsam mit dem Klinikum ist Frisch schon auf die Suche nach einem Objekt für das Servicezentrum gegangen. Eine Immobilie habe man bereits angeschaut, eine zweite folgt. Es handelt sich um Büroräume. "Ich hoffe sehr auf das Gelingen der Telemedizin. Auch nach dem Testjahr wäre wünschenswert, wenn der Tele-Mediziner dauerhaft bliebe", so Michael Frisch.
Tele-Medizin soll dem Patienten Zeit und lange Wege ersparen. Mirko Klinkosch denkt da vor allem an ältere Menschen. Freilich werde es gewöhnungsbedürftig sein, wenn der Doktor zum Patienten vom Bildschirm aus spricht. Die Bedienung des Bildschirms nehmen die vier Angestellten den Patienten ab. Diese sind aus "Fleisch und Blut" und körperlich anwesend. Wie einst Gemeindeschwester Agnes. Heute nennen sie sich medizinische Fachangestellte und Gesundheits- und Krankenpfleger. Die vier Frauen wurden am Klinikum für die Telemedizin fit gemacht.    Cornelia Henze