Praxis-Sterben auch im Vogtland?

Der Plauener Jürgen Hübsch geht einer ganz besonderen Tätigkeit nach. Er vermittelt Arztpraxen. Nicht nur, er berät auch Ärzte und er erhält mehr und mehr aus Arztpraxen und Kliniken in Franken, Thüringen und Sachsen Aufträge, Personal zu finden.

Dieses spezielle Arbeitsfeld "Praxis" wächst jedoch aktuell dramatisch, da sich eine Entwicklung aufstaute, welche der gelernte Bankkaufmann mit tiefem Stirnrunzeln auf die Bevölkerung gerade im ländlichen Raum sowie in kleineren Städten, wie im Vogtland, zukommen sieht, so der Fachmann mit fränkischen Wurzeln. Vor einiger Zeit hat Hübsch erleben müssen, dass ein Arzt in Oberfranken nach vier Jahren vergeblicher Suche seine Praxis mit 220 000 Euro Jahresgewinn an einen Interessenten verschenkte, um sie nicht auch noch ausräumen zu müssen. Das werde im Vogtland auch passieren.

Man stelle sich vor: Das Jahr 2020. Viele der einst von alten, erfahrenen Ärzten betriebenen Praxen auf dem Dorf oder in kleineren Städten der Region stehen leer. Warum? Diese Ärzte sind längst in Ruhestand gegangen, ihre Versuche einen Nachfolger zu finden, scheiterten. Nicht mal eine Schenkung war mehr attraktiv, einen jungen Nachfolger anzulocken. Was passiert? Die Menschen müssen längere Wege, Terminverschiebungen und lange Wartezeiten in Kauf nehmen, sich die verbliebenen Ärzte in Kliniken, Kranken- und Praxishäusern teilen. Die Grundversorgung ist nicht mehr gewährleistet, Notfälle werden zu richtigen akuten, die mitunter schlimme Folgen haben.

"Landarztquote muss weg" Zurück ins Heute, 2010. "Das ist kein Szenario, welches geträumt wird, nein, das wird die Realität, das muss man den Verantwortlichen sagen, wenn nichts dagegen unternommen wird", stellt Hübsch fest. Was sollte unternommen werden? "Für den Beruf des niedergelassenen Arztes müssen bessere Bedingungen geschaffen werden.

 

Die überbordende Dokumentationspflicht, dieser Bürokratismus, dieses ganze Gedeckle der Ausgaben, die so genannte Landarztquote müssen weg, es muss schlicht alles vereinfacht werden", macht der Experte Vorschläge. Denn mittlerweile sei es attraktiver, als Arzt fest in einer Klinik zu arbeiten und übersichtliche Arbeitsbedingungen, Zeiten und ein gutes Gehalt zu haben, als sich eine Praxis ans Bein zu binden mit all den Krediten, Risiken, Bestimmungen und dem Schreibkram, weiß Hübsch. Um den Mangel an Ärzten aus Deutschland, die das alles tragen wollen, zu kompensieren, beschreibt Hübsch eine Alternative: "Aus Ost- und Südosteuropa gelingt es ab und an, Ärzte für die Region zu gewinnen. Dazu müssten aber die Zuzugsmöglichkeiten erleichtert werden. Haus-, Haut- und Augenärzte werden dringend gesucht, die sind jedoch hier in Deutschland kaum zu verpflichten."

Schon heute fehlten laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) in Deutschland 3600 niedergelassene Ärzte, allein 1400 im Osten. Auch im Westen sei die Lage dramatisch. Die 129 000 niedergelassenen Mediziner in ganz Deutschland sind im Durchschnitt 53 Jahre alt; in den nächsten fünf Jahren gehen 34 000 von ihnen in Pension, bis 2020 werden es 65 000 sein. Einen aktuellen Erfolg kann der Plauener Jürgen Hübsch bei allem Kampf und Beraten und Verhandeln und Überzeugen in den vergangenen Wochen aber verbuchen.

 

"Es ist gelungen, für eine kleine Praxis in einer kleinen vogtländischen Stadt endlich einen Arzt zu finden", verrät der Vermittler erfreut. Auch die Verwaltung und verschiedene andere Partner vor Ort zogen mit an einem Strang. Denn diese Praxis stand leer und die Menschen dort brauchen einen niedergelassenen Arzt. "Es ist wie ein Lottogewinn, und etwas außergewöhnlich dazu: Der Mann kommt aus Ungarn. Einen deutschen Arzt konnte ich nicht von der Lebensqualität und den Aussichten im Vogtland überzeugen?", meint Hübsch, wohl wissend, dass die bekannten Bedingungen daran schuld seien. Den Ort im Vogtland möchte Jürgen Hübsch nicht verraten.