Porträt: Der Plauener Künstler Thomas Thiele

Zu den Erzgebirgischen Schnitzertagen im Herbst vergangenen Jahres fiel dem Plauener Künstler Thomas Thiele ein Flyer der Fachhochschule für Holzgestaltung und Design in die Hände.

 

Dabei handelte es sich um eine Ausschreibung zu einem Wettbewerb für Holzgestalter, der vor wenigen Jahren vom leider schon verstorbenen Professor Hans Brockhage ins Leben gerufen wurde und dessen Fortbestand wegen des großen Zuspruchs und der zu vergebenden Preise - drei Jurypreise und ein Publikumspreis - auch für die kommenden Jahre abgesichert scheint. Zu den Teilnehmern 2009 gehört auch Thomas Thiele.

Der 47 Jahre alte Holzbildhauer ist ein ausgesprochener Außenseiter unter den Holzgestaltern, obwohl ihm Kunstgeschichte und künstlerisches Arbeiten seit Kindesbeinen geläufig sind. Bereits als Schüler besuchte er die Plauener Sommerkurse während der Schulferien. Da es in der DDR keine große Auswahl an Postern im Kunsthandel gab, hat er sich selbst mehr oder weniger attraktive Kunstwerke zur Ausgestaltung seines Zimmers geschaffen.

Es scheint, als wolle er nachholen, was ihm über drei Jahrzehnte nur als zweitrangiges Betätigungsfeld galt. Heute ist künstlerisches Schaffen für ihn einzigartige Erfüllung, unverzichtbarer Bestandteil seiner Lebensgestaltung und eine Art "Medizin", die ihm über vieles hinweghilft.

In gewisser Weise kann man Thomas Thiele als Außenseiter und Ausnahmekünstler bezeichnen. Keineswegs deshalb, weil er Kontakte mit anderen Menschen und Kunstschaffenden meidet. Es ist seine künstlerische Entwicklung als Autodidakt. Denn er hat zu DDR-Zeiten Anlagenmonteur gelernt, arbeitete nach der politischen Wende bei einer Firma aus den Altbundesländern, kam dadurch etwas in der Welt herum und hat dann berufsbegleitend noch ein Studium Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Marketing aufgenommen.

Bei seiner sprichwörtlich zu nennenden Reiselust lernte er eine Reihe von Ländern kennen, besonders Spanien, Frankreich und Österreich. Er besuchte Ausstellungen und Kunstmuseen in ganz Europa sowie in Deutschland von München bis Hamburg. Sein besonderes Augenmerk galt der Jugendstilkunst und Architektur, in Frankreich als "Art Nouveau" bekannt, und der Kunst der Surrealisten.

Er nennt weltbekannte Künstlernamen wie Dali, Ernst Fuchs, Gaudi und den erfolgreichen italienischen Autodidakten Calderava. Und so kommen wir schließlich auch auf ihn zu sprechen, Thomas Thiele, der den Surrealismus zwar besonders mag, aber dort keineswegs eingeordnet werden will. Er wolle eine wertorientierte, moderne Kunst. Mit Vorliebe arbeite er mit Holz, habe aber bei dieser künstlerischen Gattung noch nie künstlerische Anleitung von kompetenten Künstlern in Anspruch genommen. "Warum auch?", fragt er. "Bei mir ist das Gespür für Holz da, das Gespür für Formen, das Gespür für Spannungseffekte. Ich will das in meine Arbeiten hineinlegen, was in mir drin ist, und es ist noch vieles, was ich verarbeiten muss und will. Es gibt zahlreiche Themen, die mich regelrecht aufwühlen. Und das auszudrücken, geht mit Holz am besten."

 

Und so schreiten wir zu einigen seiner Werke, so zu seinem letzten Schnitzwerk, das er "Frühling" nennt. Eine schlanke Skulptur aus Haselnussholz mit empfindsam gestalteten Details, die zum Verweilen einladen. Weniger grazil ist die Plastik, die man "Inspiration" nennen könnte. Alle abstrakten und besonders geometrischen Teile dieses Werkes sind aus einem Block herausgearbeitet. Das in Schwarzenberg eingereichte Werk heißt "Türme der Angst", an dem der Bildschnitzer ein viertel Jahr gearbeitet hat.

 

Die zwei schlanken Türme aus massivem Eichenholz drücken die Gedanken und Empfindungen aus, Gedanken zur Welt unserer Tage und existenzielle Fragen, die seine Person betreffen. Ab 7. August, wenn die Wettbewerbsausstellung im museal eingerichteten "Tunnel" in Schwarzenberg über zwei Monate zu sehen ist, kann man auch Thomas Thieles "Türme der Angst" bewundern.  Wolfgang Rudloff