Polizisten wollen Ex-Kollegen helfen

"Wenn man Leben retten kann, sollte man nicht zögern", waren sich die Frauen und Männer einig, die sich für eine Stammzellenspende typisieren ließen. Vor allem viele Polizisten wollen ihrem Ex-Kollegen Dieter Langner helfen.

Von Marjon Thümmel

Plauen - Die Diagnose Blutkrebs hatte Dieter Langner kalt erwischt. "Ich lasse mich aber nicht unterkriegen und versuche den Alltag so normal wie möglich zu meistern. Meine Familie gibt mir Halt und Kraft", erzählt der 66-Jährige. Die Hilfsbereitschaft von zum Teil wild fremden Menschen, die er nun erlebt, lässt ihn alles andere als kalt. "Ich kann es gar nicht mit Worten beschreiben, wie dankbar ich bin, dass so viele kommen, um sich typisieren zu lassen. Und selbst wenn für mich kein genetischer Zwilling gefunden werden kann, haben doch so andere krebskranke Menschen die Chance auf einen Stammzellenspender", sagt Dieter Langner und erzählt von jungen Männern, die mit quietschenden Reifen vor der Oelsnitzer Apotheke vorgefahren waren, um sich schnell noch für ihn typisieren zu lassen. "Sie saßen mir als Beschuldigte gegenüber und waren als richtige Raubsäue in Oelsnitz bekannt. Und jetzt eilen sie herbei, um die Stäbchenprobe abzugeben. Ein Zeichen, dass ich sie als Polizist fair behandelt habe." Rund 130 Menschen hatten sich in Oelsnitz typisieren lassen. 
 Am Donnerstag waren es in der Plauener Turnhalle am Polizeirevier wiederum 66. Und diesmal hatten sich zahlreiche ehemalige Kollegen von Dieter Langner als Stammzellenspender registrieren lassen. Auch die Leiterin des Reviers, Polizeioberrätin Sylvia von Wlkanowa, war zwischen Dienstschluss und einer Abendveranstaltung in die Turnhalle zur Typisierung gekommen. "Es ist Ehrensache, wenn man Leben retten kann, zu helfen. Dass es einen ehemaligen Kollegen betrifft, macht dies besonders, aber es ist wichtig, generell für Spendenbereitschaft zu mobilisieren." Das hatte der Plauener Polizeihauptmeister Jan Reinhardt als Leiter der Verbindungsstelle Vogtland der International Police Assoziation (IPA) für seinen Ex-Kollegen getan. "Wir waren alle entsetzt, als wir von Dieters Blutkrebs erfuhren. Als wir dann hörten, dass die Turnhalle für eine Typisierungsaktion zur Verfügung steht, habe ich über Facebook zu Teilnahme aufgerufen. Dann kam der Verein für Knochenmark- und Stammzellenspenden (VKS) Sachsen auf mich zu und fragte, ob wir als Partner auftreten wollen. Und so sitzen wir mit an den Tischen, registrieren und reichen die Stäbchen für die Probe aus der Mundschleimhaut aus", schildert Jan Reinhardt, der sich freut, wenn ihm recht viele Kollegen gegenüber sitzen. Immerhin heißt das weltweite Motto der Polizei-Vereinigung "Dienen durch Freundschaft". 115 Mitglieder hat die IPA im Vogtland, allerdings überwiegend Rentner. Doch typisieren lassen können sich nur 17- bis 55-Jährige. Stammzellen spenden kann man bis 61 Jahre. 
 Nicht verpassen wollten den Typisierungstermin auch die beiden Bürgerpolizisten Ralf Schulze und Dominik Heinz, die sonst in Pausa-Mühltroff, Rosenbach, Elsterberg, Pöhl und Weischlitz mit dem Streifenwagen unterwegs sind. "Wir kennen Dieter von gemeinsamen Einsätze, als er bei der Kripo war und deshalb ist eine Typisierung für uns selbstverständlich", sagte Ralf Schulze.
 Mit jedem ehemaligen Kollegen, der zur Tür hereinkam, wuchs bei Dieter Langner, der ansonsten noch immer einen kessen Spruch auf den Lippen hat, der Kloß im Hals. "Die Hilfsbereitschaft der Kollegen ist unbeschreiblich." Völlig platt aber war er, als auch seine jüngste Schwester Ilona vorbeischaute. Typisieren lassen musste sich die ehemalige Hebamme zwar nicht mehr, wollte aber an der Seite des Bruders und seiner Familie sein. Wie die drei weiteren Schwestern hatte sie schon vor einiger Zeit zu der Stäbchen- auch eine Blutprobe abgegeben. "Zu helfen ist für uns keine Frage", sagt sie und lacht als sie davon erzählt, wie der große Bruder unter den vier Schwestern zu leiden hatte. "Wir wollen ihm jetzt was Gutes zurückgeben", fügt sie mit Augenzwinkern hinzu. 
 Inzwischen begrüßten auch Ulrike Porstein und Dorit Gründel, die für die Typisierungsaktion ihres Vereins VKS extra aus Dresden nach Plauen gekommen sind, an ihrem Tisch die nächsten Spendewilligen. "VKS ist eine von 26 Deutschen Spenderdateien, zu der auch die DKMS gehört. Sie alle sammeln für das Zentrale Knochenmarkspenderregister Deutschlands, das in Ulm sitzt. Im ZKRD werden täglich die Dateien von Patienten und neuen Typisierungen abgeglichen", sagt Ulrike Porstein und fügt hinzu: "Wir haben bundesweit 96 Typisierungsstationen, zu denen auch die Markt-Apotheke in Oelsnitz und die Apo-rot-Apotheke am Plauener Löwel-Platz gehören. Normalerweise nehmen die Mitarbeiter dort die Stäbchen-Proben selbst ab. Ansonsten sind wir zehn VKS-Mitarbeiterinnen bundesweit unterwegs."
 Und wie fühlt sich Dieter Langner derzeit gesundheitlich? "Mir geht es soweit gut, fühle mich nur nach kurzer Zeit schlapp und atemlos. Jede Woche werden meine Blutwerte in Schöneck kontrolliert, und wenn sie nicht passen, bekomme ich eine Bluttransfusion. Das kann aber nur eine Zwischenlösung sein", erklärt der 66-Jährige und verrät, dass er Ende April mit seiner Frau Heidi eine Woche in die Türkei fliegt. "Ab 6. Mai geht es dann wieder mit der Behandlung los. Dann muss ich an die Uniklinik Leipzig und werde auf eine mögliche Stammzellenspende vorbereitet. Anschließend beginnt eine Chemotherapie, eine leichte per Spritzen. Die kann aber nur maximal sechs Monate andauern", sagt er und hofft bis dahin auf seinen genetischen Zwilling. 
 Ob es seine Kinder sein können, ist fraglich. "Klar haben wir uns gleich typisieren lassen. Aber schon da hieß es, dass wir nur Bescheid bekommen, wenn wir geeignet sind. Und das ist trotz der vergangenen Zeit noch nicht passiert", sagt Tochter Mary, die über Facebook einen Spendenaufruf für ihren Vati gestartete hatte. "Wir hoffen bis zum Schluss und denken weiter positiv", ist sie mit Mutti Heidi einig. Auch wenn beider Augen dabei nicht trocken bleiben.

Eine dritte Typisierungsaktion gibt es am 24. April von 14 bis 17 Uhr in der Apo-rot-Apotheke am Plauener Löwel-Platz.