Politik und Wissenschaft machen Mut

Zwei Rhetoriker vor dem Herrn waren Gast bei Harald Seidels Reihe "Prominente im Gespräch": Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und der Astrophysiker, Autor und Fernsehmoderator, Professor Dr. Harald Lesch.

Von Karsten Schaarschmidt

Greiz - "Obwohl wir uns erst heute persönlich kennengelernt haben, verstehen wir uns auf Anhieb", meinten nach zwei Stunden beide unisono. Der mitreißende, nachdenklich machende, aber auch beglückende Abend in der Greizer Stadtkirche St. Marien zum Thema Umwelt- und Klimaschutz lockte nicht nur über 650 Zuhörer in das Gotteshaus, er hatte mit dem von Kantor Ralf Stiller geleiteten Jugendchor und der Jungen Hofkapelle an St. Marien zudem heimliche Stars.
Mit seinem jüngsten Buch "Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen", greift Lesch zum wiederholten Mal den Klimawandel und seine Folgen auf und wird zum unermüdlichen Mahner, um dem Planeten Erde und den nachfolgenden Generationen eine Zukunft zu geben. Kein Wunder, dass er klar für die "Fridays-for-Future"-Bewegung steht. Es sei eine "ethisch absolut saubere Forderung der Aktivisten: Vermasselt uns unsere Zukunft nicht", so Lesch in seinem rund halbstündigen Einführungsreferat, in dem er mit großartiger Fabulierkunst den Ernst der Lage vor Augen führte. Die Natur leide unter einem "Mensch gemachten posttraumatischen Stresssyndrom", dessen Folgen mittlerweile nicht nur einzelne Katastrophen seien, sondern dass auch die Gefahr drohe, dass das gesamte Ökosystem der Erde kippt. Lesch malte jedoch keineswegs nur den Teufel an die Wand, er machte auch Mut: Deutschland besitze genügend Fantasie und Kreativität, um ökologisch umzudenken. Aber es genüge nicht, sagte Lesch, nur auf die Wissenschaft zu hoffen, wenn man sich einig sei über notwendige Veränderungen, müssten eigentlich alle freitags auf die Straße gehen und die Politik zum Handeln bewegen.
Bei Thüringens Ministerpräsidenten Ramelow rannte Lesch damit die sprichwörtlichen offenen Türen ein und ebenso mit seiner Kapitalismuskritik, bei der es um ausuferndes Wachstum auf Kosten der Umwelt ging.
Hatte der Physiker eher den Blick aufs Globale gerichtet, versuchte der Politiker im anschließenden Gespräch das Thema für den Freistaat zu konkretisieren. Sterbende und kranke Wälder in Thüringen führte Ramelow gleichermaßen an wie jüngste Waldbrände und die extreme Trockenheit der Böden, all dies stelle schon jetzt riesige Herausforderungen dar. Und statt den Energiewandel einzig den Energieriesen zu überlassen, wie es die Berliner GroKo tue, setze seine Regierung auf einen "dezentralen, regionalen und regenerativen" Energiewandel, bei dem nicht Unternehmen, sondern die Kommunen und Bürger profitierten; wie das funktioniere, zeige die Gemeinde Schlöben bei Jena. Unverständnis äußerten beide unter anderem, dass Flugbenzin steuerfrei sei, bei der Bahnfahrt aber die volle Mehrwertsteuer berechnet werde - es sollte umgekehrt sein, waren sich Ramelow und Lesch einig.
Bei aller Dringlichkeit zum Handeln, "radikalen Umdenken", so Lesch, und notwendigen Veränderungen, plädierten beide dafür, sich auch an Abenden wie diesem in der Kirche zu erfreuen, jenseits von elektronischer Hektik zur Ruhe zu kommen und Musik zu genießen.
Bewegende wie beschwingte Musik schenkte dieser Folge von "Prominente im Gespräch" der Jugendchor und die Junge Hofkapelle an St. Marien.
Mit Kompositionen von Johann Sebastian Bach bis zu den Comedian Harmonists waren die jungen Ensemblemitglieder unter Leitung von Kantor Stiller die heimlichen Stars des Abends - und erhielten zu recht stehenden Beifall von den Podiumsgästen wie dem Publikum, zu dem unter anderem auch der erste deutsche Astronaut und Greizer Ehrenbürger, Dr. Ulf Merbold, und Thüringens Finanzministerin Heike Taubert (SPD) sowie der Greizer Bürgermeister Alexander Schulze gehörten. Übrigens, "Gastgeber" Harald Seidel hatte die Folge seinem Enkel Luca gewidmet, und er bat die Zuhörer um eine Spende für die Sanierung der Orgel, bei der insgesamt 2044,70 Euro zusammenkamen.
Vor der Veranstaltung hatte sich Ministerpräsident Ramelow in das Goldene Buch der Stadt Greiz eingetragen.