Poetische Lebensfreude

Wenzel präsentiert mit seiner Band das neue Album "Viva La Poesía" im Malzhaus. Er gibt sich gewohnt politisch und kritisch, aber auch ungewohnt lebensfroh.

Plauen - Weit über 30 Alben hat Wenzel bereits aufgenommen, sein neustes Werk, "Viva La Poesía", ist jedoch etwas Besonderes: Da wäre man doch gern dabei gewesen, als Wenzel mit seiner Band und ihren Instrumenten in Kuba und Nicaragua war, um Konzerte zu geben und an dieser CD zu arbeiten. Man spürt dem Album an, dass es zum Teil in Havanna aufgenommen wurde.

Im vollen Plauener Malzhaus stellt Hans-Eckardt Wenzel sein poetisches Werk vor und singt als allererstes: "Ich hab mein Vaterland so gerne, wenn es liegt weit, weit in der Ferne. Als ob ich nur auf fremder Erde wieder ein Stückchen jünger werde". Es ist, als würde er den Wahrheitsgehalt der Textzeilen beweisen: Jugendlich fit wechselt er zwischen der Gitarre und dem Klavier, später auch immer wieder an das Akkordeon, unterstützt von seinen langjährigen und großartigen Weggefährten Hannes Scheffler und Thommy Krawallo an den Gitarren und am Bass und Stefan Dohanetz am Schlagzeug.

Eine echte Bereicherung stellt Halleyn Ruiz- Polo an der Trompete dar - leider ist die Bühne fast zu klein, und der hervorragende Musiker verschwindet mitsamt seinem Instrument auf dem hinteren Bühnenteil hinter dem Piano - "Immer fehlt was", oder: "Halt Dich fern"? Seine fehlende optische Präsenz macht der Peruaner ("Er ist zum ersten Mal in Plauen") durch sein einfühlsames Spiel wett.

Der Ansagetext zu "This Land Is Your Land" lässt schlucken. Keiner hätte ja ahnen können, dass die Amerikaner, wenn sie singen "von California bis New York", nicht die kürzeste Strecke meinten: "Sie meinen es ?außen herum?! Über Syrien, Afghanistan und die Ukraine!", behauptet Wenzel und singt: "Die Länder der Erde gehören keinem alleine, die Himmel, die Blumen, die Meere, die Steine. Der Norden, der Süden, der Westen, der Osten, die Erde ist da für Dich und mich." "Tapfere Zahlen" beeindruckt noch mehr:

Wenzel bemängelt den allgemeinen Statistik-Wahn. Für die Uno und Syrien allerdings gelte: Sie "zähl?n die Waffen, zähl?n die Dividende. Zähl?n die Stückchen ab von jedem Kuchen. Zähl?n die Flüchtlinge, die einen Ausweg suchen. Doch sie zählen die Toten nicht mehr." Die Textzeilen wirken umso bitterer, da sie mit leichten, südamerikanischen Rhythmen und herrlich klaren Trompetenklängen kontrastieren.

Stefan Dohanetz verstärkt mit seinem grandiosen Schlagzeug-Spiel diese dramatische Wirkung. Zu dem äußerst gelungenen Abend tragen auch die amüsanten und ausführlichen Moderationen bei, allen voran die Einleitung zu "Tapfres Volk". Ironisch verteilt der vielfach preisgekrönte Musiker Wenzel Seitenhiebe für Politiker aller Richtungen. Die Vorstellung von Sigmar Gabriel auf einem weißen Fohlen, der Blockflöte spielenden Ursula von der Leyen im khakifarbenen Minirock ("Sie kommt von rechts und geht nach rechts") sowie von Wolfgang Schäuble, der sich Lyra-spielend von zwei jungen Griechen in den Saal schieben lässt und über den Euro bestimmt, wäre eines eigenen Kabarett- Programms würdig - man spürt Wenzels weitere Standbeine. Die eingängige Hymne hat Wenzel zum 25.

Jahrestag des Mauerfalls geschrieben. Das "Weinlied" formuliert sehr schön: "Ohne Wein wär? dieses Leben tragisch. Ohne Wein und ohne die Musik." Man möchte hinzufügen: Ohne die Musik von Wenzel und seinen tollen Musikern! "Viva la Poesía" strotzt vor Lebensfreude und Sinnlichkeit. Es ist fast so, als wäre man dabei gewesen, als Wenzel und sein Quartett das Festival de Poesía in Nicaragua besuchten oder Rum tranken über den Dächern von Havanna.