Plauener schildert Erlebnisse von Chemnitz: "Haben die Leute mit dem Auto rausgeholt"

Ein Plauener holte am Montag Teilnehmer der Gegen-Demonstration in Chemnitz mit dem Auto aus der Innenstadt. Sie waren von Neonazis umzingelt.

Plauen - Der Tod des 35-Jährigen Daniel während des Stadtfestes in Chemnitz ist noch keinen Tag her, da versuchen Rechtsextreme und Fußball- Hooligans, den "Volkszorn" zu mobilisieren. Die Aufforderung, sich am Montagnachmittag im Zentrum der Stadt zu treffen, verbreitet sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer. Am Ende des Tages spricht die Polizei von 5.000 Menschen, die zumeist verbal ihren Zorn gegen "die da oben", vor allem aber deren Flüchtlingspolitik, äußern.

Doch dabei bleibt es nicht. Augenzeugen sprechen von teilweise bürgerkriegsähnlichen Zuständen, denn die Polizei hat nicht ansatzweise mit derart vielen - auch gewaltbereiten - Demoteilnehmern gerechnet.

Als er am Montag von der Demo, zu der auch das rechtslastige Bündnis "pro Chemnitz" eingeladen hatte, hörte, habe er sich ins Auto gesetzt, sagt Andreas (voller Name der Redaktion bekannt). "Ich hielt es für dringend nötig, die Gegen-Demo demokratischer Kräfte zu unterstützen, sagt der Plauener. "Auch um zu verhindern, dass die grölenden Neonazis die komplette Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen.

Ich habe mich dann informiert, wo man notfalls auch helfen könnte und bin losgefahren. Unterwegs habe ich dann erfahren, dass etliche Teilnehmer der Gegen-Demo schon auf dem Heimweg sind, aber einfach nicht mehr aus der Innenstadt rauskommen."

Er habe das dann auch live erlebt, sagt Andreas, dem es im relativ "sicheren" Auto gelang, bis in unmittelbare Nähe der Zentralhaltestelle zu gelangen. "Da gab es Gruppen und Einzelne, auf die Hunderte Neonazis und Hooligans regelrecht Jagd machten und sie durch Seitenstraßen trieben. Teilweise prügelten die Neonazis von mehreren Seiten auf eine Gruppe ein.

Zumindest zu diesem Zeitpunkt war die Polizei völlig hilflos und überfordert", schildert Andreas die Situation. Letztendlich hätten sich die Nazis zurückgezogen. Daraufhin sei eine Gruppe der Gegen-Demo von den dann doch eintreffenden Polizisten eingekesselt worden, ihre Personalien wurden überprüft.

"Ich hatte keine Ahnung, ob auch Plauener an der Demo der demokratischen Kräfte teilgenommen hatten und es wäre auch komplett sinnlos gewesen, sie in dem Tumult zu suchen. Also haben wir wahllos geholfen und Leute ins Auto gezerrt die versuchten, zu ihren eigenen am Stadtrand abgestellten Fahrzeugen zu gelangen. Woher die eigentlich waren, danach hab ich in der Aufregung gar nicht gefragt", sagt Andreas.

"Sie erzählten uns aber, dass die ?besorgten Bürger?, die Hooligans von Chemnitzer Fußballvereinen und die größtenteils in Kameradschaften - das sei zu erkennen gewesen - organisierten Neonazis absolut in der Mehrheit waren. Und auch von denen sei am Kennzeichen der Autos teilweise zu erkennen gewesen, dass sie aus dem Chemnitzer Umland, dem Erzgebirgskreis, dem Vogtland und Plauen angereist waren.

In der Tat wurde auf der Homepage der rechtsextremen Partei III. Weg zu einer Art "Ausfahrt" nach Chemnitz aufgerufen - vor Ort beispielsweise hielten sich Michel Fischer und der in Plauen gut bekannte Tony Gentsch vom III. Weg, aber auch der Rechtsrockveranstalter Patrick Schröder auf.

"Wir mussten in Park der Stadthalle flüchten"

Erfahrungen, die sie so schnell nicht vergessen wird, hat auch Laura Stellbrink gemacht, die schon am Sonntag mit anderen Mitgliedern des Landesvorstandes der Jusos in Chemnitz weilte. Gemeinsam mit dem Bündnis "Chemnitz nazifrei" habe man bereits an diesem Tag für Montag eine Gegen-Demo angemeldet. Bereits am Sonntag seien offenkundig Hooligans von der Polizei eskortiert in die Innenstadt geführt worden. Anschließend, gegen 16.30 Uhr, rannten die Hools unkontrolliert durch die Stadt und griffen Ausländer an.

"Als wir während der Demo am Montag von der anderen Seite mit Böllern und Flaschen beworfen wurden, mussten wir in den Stadthallenpark flüchten und saßen dort fest", schildert Laura Stellbrink ihre Erlebnisse. "Was mich wunderte: Noch während der Attacke hatten die Neonazis Gelegenheit, sich für ihren Zug durch die Stadt zu sammeln.

Wir wussten einfach nicht mehr, wie wir aus dem Park rauskommen sollten - viele wollten ja auch ihre Züge nach Leipzig und Dresden erreichen. Die Rechten waren in der ganzen Stadt verteilt, um auf die Gegendemonstranten loszugehen. Niemand fühlte sich sicher und eigentlich konnten wir auch keine Straßen benutzen.

Besonders nach der Auflösung beider Demonstrationen hatte die Polizei die Situation einfach nicht im Griff", fügt Laura Stellbrink an, und auch, dass ein Mitglied aus der Gruppe der Chemnitzer Jusos attackiert wurde und auch Strafanzeige erstattet hat. Bilder, die am Montag von Chemnitz aus um die Welt gingen: Grölende und skandierende Rechte, die den Tod von Daniel I., niedergestochen von zwei Migranten, zum Anlass nahmen, ihrem pauschalen Hass auf Ausländer freien Lauf zu lassen.

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Was muss Demokratie?

Das müsse die Demokratie aushalten, hört man zuweilen von Politikern. Ja natürlich, sie muss unterschiedliche Meinungen, sachlichen Streit und vielleicht auch mal eine Bemerkung aushalten, die nicht unbedingt druckreif ist. Was sie nicht aushalten muss und darf:

Sich vorführen lassen von Menschen die ihre demokratischen Rechte dazu nutzen, um genau diese Demokratie zu schwächen, wenn nicht gar abzuschaffen. Ein Bekannter meinte kürzlich, die Demokratie halte durch die Straßen grölenden und drohenden Mob nicht mehr lange aus. Da bekam ich ehrlich gesagt Gänsehaut. Aber Schönreden hilft auch nicht, denn ja, die Demokratie ist gefährdet.

Weil sie kein abstrakter Begriff aus dem Griechischen ist, sondern eine Lebensform. Am Samstag rufen der Runde Tisch und weitere Veranstalter zu Aktionen in Plauen auf. Es geht darum, Gesicht zu zeigen. Nicht wenige haben inzwischen Angst, genau das zu tun. Was dagegen hilft? Es müssen viele Gesichter zu sehen sein. Sehr viele. T. Piontkowski