Plauener Industriekletterer liebt die Höhe

Plauen - Den Traum eines jeden Bergsteigers konnte sich Dirk Schadek erfüllen. Er hat beruflich immer in der Höhe zu tun, zum Teil weit weg vom Boden. Und doch ist der Plauener kein Freizeit-Bergsteiger und alles andere als waghalsig: Der 31-Jährige ist Industriekletterer, rund fünf Jahre schon.

 

Gemeinsam mit Christian Strobel aus Oelsnitz geht er seit August 2008 in die Höhe, ebenso auch in die Tiefe, kommt dort zum Einsatz, wo die herkömmliche Zugangstechnik keine Chance hat. Beispielsweise in absturzgefährdeten Bereichen an Gebäuden und Industrieanlagen. Ebenso bei Arbeiten, bei denen der Aufwand mit Gerüsten und Kränen einfach zu teuer ist.

  Keine Bergsteigerromantik   Allerdings mit Bergsteiger-Romantik hat das Ganze nur sehr wenig zu tun, dient es doch einem wirtschaftlichen Zweck, wenn auch Bergsteiger und Industriekletterer eines verbindet: Das unbedingte Vertrauen in den Partner während des Einsatzes. "Wenn meinem Kollegen in der Höhe übel wird oder er sogar das Bewusstsein verliert, muss ich blitzschnell reagieren, um ihm zu helfen", unterstreicht der Gesprächspartner.

Doch wie kommt man zu einer solch ungewöhnlichen Profession? Früher war der Plauener in einer Baufirma tätig. Dabei arbeitete er oft an Brücken, also in Höhen, die nicht jedermanns Sache sind. Gerade beim Korrosionsschutz oder bei der Wartung von Mobilfunkanlagen seien immer Leute gesucht worden, die solche Aufträge ausführten. Schadek fand Gefallen an solchen kniffligen Einsätzen.

Bevor das gewerbliche Klettern begann galt es, wichtige Voraussetzungen zu erfüllen, die Gesetzgeber und Berufsgenossenschaft forderten. Diese Forderung sieht der junge Gesprächspartner als vollkommen gerechtfertigt und sinnvoll an, wenn auch nicht immer preiswert.

Der erste Schritt auf dem geregelten beruflichen Weg nach oben war die "Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung zu Arbeiten mit Absturzgefahr gemäß Standard G41", auch als Höhentauglichkeitsprüfung bekannt. Sie ist Voraussetzung für den nötigen Kletterschein. Diese G-41-Untersuchung ist übrigens alle drei Jahre zu wiederholen. Als nächster Schritt musste der erfolgreiche Abschluss eines Erste-Hilfe-Kurses vorgelegt werden, bei regelmäßiger Wiederholung.

  Schulung auf drei Ebenen   Der Kletterschein selbst heißt im Fachjargon "Zertifizierung im Fachbereich Seilzugtechnik", gliedert sich in drei Levels, ausgewiesen von einem Fachverband. Der Grundkursus vermittelt Grundkenntnisse im Bereich Seilzugangs- und Positionierungstechniken, sowie Rettungstechniken im vertikalen Bereich. Beim nächsten Level werden vertikale, horizontale und kombinierte Zugangstechniken erlernt. Aufbauend auf diesem Kenntnisstand, beschäftigt sich Level drei mit der Wissensvermittlung in punkto Arbeit und Hilfe bei so genannter Schrägseilbefahrung sowie der Aufsichtsführung.

"Die Schulung zum Level drei steht in diesem Frühjahr für mich an", blickt Schadek voraus. Der Kletterschein mit seinen drei Levels ist übrigens nicht zum Nulltarif zu haben. Alle drei Stufen zusammen einschließlich Ausrüstung kosten rund 6000 Euro. Der erste Auftrag führte den Plauener nach Österreich. Dort ging es um Antennen- und Kabelmontage für Mobilfunkanlagen in luftiger Höhe. "Meine bisher größte Höhe waren 130 Meter bei einem Sendemast im Saarland", erzählt Schadek. Und man sieht ihm die Freude an, wenn er über solche Erlebnisse berichtet.

  Arbeiten bei 60 Grad Hitze   "Die größten Probleme bereitet uns bei der Arbeit das Wetter. Die Hitze im Sommer, wo man genügend trinken muss in diesen Höhen - und die Kälte gepaart mit unangenehmem Regen." In einem Kraftwerk können schon mal 60 Grad Celsius unter der Decke sein - wie bei einem Auftrag in Schweden, als von beiden die Bau-Endreinigung für ein neues Heizkraftwerk zu erfolgen hatte. Gerade um den Unbilden der Natur erfolgreich zu begegnen, sei eine leistungsfähige Arbeitskleidung das A und O für einen Industriekletterer. Außerdem müssten Seile und Gurte aller fünf Jahre ausgetauscht und entsorgt werden, so fordert es der Gesetzgeber - zum eigenen Schutz. Des Weiteren hat ein Sachverständiger die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) einmal pro Jahr zu überprüfen.

Der Industriekletterer ist aber auch in der Region im Einsatz, in Zusammenarbeit mit Meisterbetrieben des Handwerks und verschiedenen Wohnungsunternehmen, so beim Entfernen gefährlicher Eiszapfen, der Taubenabwehr mit entsprechenden Gittern und beim Beseitigen von Spechtlöchern an Gebäuden.

  Bald auch Windkraftanlagen   Bis 70 will Schadek seinen Job nicht ausüben, schmunzelt der junge Mann. Auch wenn ihm seine Tätigkeit derzeit körperlich nichts ausmache, immerhin habe er bei der Arbeit keine schiefe oder gebückte Haltung, die irgendwie negativ auf die Wirbelsäule wirke. Er sei zumeist an der Luft und in der Höhe, was letztlich der Körper irgendwann einmal zu spüren bekomme. Ihm ist die Vorfreude auf die neuen beruflichen Herausforderungen anzumerken. Die ersten Aufträge stehen auch schon in den Büchern der beiden Vogtländer. Sollte sich der Winter mit seinem Schnee verabschieden, kommt eine Mobilfunkanlage an die Reihe, bevor es später nach Belgien und in die Niederlande zu Reinigungsarbeiten in Heizkraftwerken geht.

Außerdem ist eine Schulung in Deutschland für einen späteren Auftrag zur Wartung von Windkraftanlagen angesagt. Bis dahin wird auch vernünftig Sport getrieben, zum Beispiel Radfahren, um körperlich für den Job fit zu bleiben. Allerdings kein Bergsteigen. Wenn er schon in die Berge geht, dann kommt es Dirk Schadek nicht so sehr auf gekletterte Höhenmeter, als vielmehr auf den Spaß an. Denn: Um hoch hinauszukommen, hat er schließlich seinen Beruf. B. Walther