Plauener Eltern streiken gegen Volksschule

Heute vor 100 Jahren wurde das sächsische Übergangsschulgesetz beschlossen und damit die Allgemeine Volksschule eingeführt - in Plauen sorgte das für heftige Proteste.

Von Prof. Schmidt

Plauen - Die Novemberrevolution 1918 führte nicht nur zum Sturz der Monarchien im Deutschen Reich und seinen Teilstaaten, sondern brachte auch für viele Bereiche des täglichen Lebens wichtige Veränderungen mit sich. Das galt auch für das sächsische Volksschulwesen, indem die zunächst von Sozialdemokraten und USPD-Politikern gebildete Regierung bis Ende Dezember 1918 mehrere Verordnungen erließ, die die sächsische Volksschule grundlegend verändern sollten. 

Provisorium wird bis 
1933 zur Dauerlösung

Doch bloße Anweisungen des Kultusministeriums boten keine ausreichende Garantie ihrer Verwirklichung, vielmehr erforderten die Bestimmungen einen gesetzgebenden Akt durch die im Februar 1919 neu gewählte Volkskammer. Dieser erfolgte vor 100 Jahren, am 22. Juli 1919, mit dem Beschluss des "Übergangsgesetzes für das Volksschulwesen" im Freistaat Sachsen. Es trat mit seiner Verkündigung in Kraft, wenn auch manche Festlegungen erst in den beiden folgenden Jahren realisiert werden konnten. 
Die Bezeichnung "Übergangsgesetz" wurde gewählt, weil in den ersten Monaten nach dem Ersten Weltkrieg noch die Chance bestand, mit einem "Reichsschulgesetz" in ganz Deutschland einheitliche Regelungen auch für die Volksschule zu finden. Doch diese Hoffnung starb am Meinungsstreit der Parteien, so dass das "Übergangsschulgesetz" ohne Namensänderung bis 1933 in Sachsen zu einer Dauerlösung für die Volksschule wurde.

Für allgemeine Volksschule
entfällt das Schulgeld

Welche Bestimmungen traf das Gesetz, welche Konsequenzen zogen sie nach sich, welche Probleme gab es dabei in Plauen? Das Gesetz führte für alle Kinder eines Schulbezirkes "ohne Unterschied des Vermögens und der Religion" die allgemeine Volksschule ein. Sie musste in den ersten vier Schuljahren von allen Kindern besucht werden, danach war der Übergang zu höheren Schulen wie Gymnasium oder Realschulen möglich. 
Die Mehrzahl der Schüler blieb aber bis zum Abschluss der 8. Klasse in der Volksschule. Sie hatte die Aufgabe, die körperlichen und geistigen Kräfte der Kinder zu entwickeln und die Schüler zur Pflichterfüllung im Dienste der Gemeinschaft zu erziehen. Das galt für alle Volksschüler in gleicher Weise, folglich trat anstelle der bis dahin praktizierten sozialen Dreiteilung der Volksschule in höhere, mittlere und einfache Bildungsstätten, die sich nach Ziel, Stundenzahl und Klassenstärke deutlich unterschieden, eine für alle gleiche "allgemeine Volksschule", für die kein Schulgeld mehr erhoben wurde. 
Gleichzeitig entfiel die bisherige konfessionelle Trennung in evangelische und katholische Volksschulen, zukünftig sollten alle Kinder eines Schulbezirkes - unabhängig vom religiösen Bekenntnis der Eltern - gemeinsam unterrichtet werden.

Schulleiter wird vom 
Kollegium gewählt

Im Sinne der "allgemeinen Volksschule" bestimmte der § 2, Absatz 2 des Übergangsgesetzes "Religionsunterricht wird in der allgemeinen Volksschule nicht mehr erteilt", er war fortan allein Sache der Religionsgemeinschaften. Gleichzeitig verloren durch das Gesetz die Ortspfarrer in den Dörfern den Vorsitz in den Schulvorständen sowie die Aufsichtspflicht über Schule und Lehrer ihres Sprengels. Alle diese Maßnahmen waren weitere wichtige Schritte bei der seit Mitte des 19. Jahrhunderts begonnenen Trennung von Kirche und Schule.
Schließlich führte das Gesetz anstelle des Direktors den Schulleiter ein, der alle drei Jahre vom Lehrerkollegium gewählt wurde, wobei mehrmalige Wiederwahl möglich war. 

Eltern erhalten
Mitspracherecht

Der Schulleiter vertrat die Schule "nur" noch gegenüber den Behörden und den Eltern, das bisherige Disziplinarrecht über den Lehrern lag fortan beim Schulrat des Schulaufsichtsbezirkes, dessen Territorium meist mit dem der damaligen Amtshauptmannschaft identisch war.
Erstmals erhielten auch die Eltern ein Mitspracherecht in schulischen Angelegenheiten, indem in allen Volksschulen alljährlich Elternräte gewählt wurden. Mit diesen Bestimmungen trug das Gesetz vom 22. Juli. 1919 wesentlich zur weiteren Demokratisierung der sächsischen Volksschule bei. Dennoch gab es in Plauen einigen Widerstand gegen das Gesetz, der bis zu zwei mehrwöchigen Schulstreiks führte. Der erste resultierte aus den widersprüchlichen Bestimmungen zur religiösen Bindung der Volksschulen im sächsischen Übergangsgesetz und in der "Weimarer Verfassung", die drei Wochen später beschlossen worden war. Das erstgenannte Dokument hatte ab 1. April 1920 konfessionell gebundene Volksschulen ausgeschlossen, während die am 14. August 1919 verkündete Reichsverfassung den Religionsgemeinschaften das Recht darauf einräumte. 

Katholiken-Protest
gegen "Durchmischung"

Folglich protestierten viele katholische Eltern Plauens gegen die "Durchmischung" von katholischen und evangelischen Schülern und hielten ihre Kinder im September und Oktober 1920 vom Unterricht in der allgemeinen Volksschule fern. Der Streik ging deutschlandweit durch die Presse. Er wurde erst nach acht Wochen mit Hilfe von Reichs- und Landesregierung durch einen vagen "Burgfrieden" gelöst, der bis Mitte der zwanziger Jahre den beiden katholischen Volksschulen der Stadt ihren bisherigen konfessionellen Charakter bewahrte. Als im April 1921 die im Übergangsschulgesetz fixierte Gleichstellung aller Volksschulen realisiert werden sollte, glaubten einige Eltern von Schülern der höheren Volksschulen diese Bestimmung ebenfalls unterlaufen zu können. Mit dem Vorwand, sie fürchteten eine schlechtere Ausbildung ihrer Kinder, hielten sie sie rund ein Vierteljahr vom Unterricht der allgemeinen Volksschule fern. Doch sowohl die städtischen Behörden als auch das Kultusministerium in Dresden beharrten auf der strikten Realisierung des Gesetzes. Sie erließen Strafmandate gegen die Eltern, worauf diese Anfang Juli 1921 den Streik beendeten und die Stadt daraufhin die noch nicht vollstreckten Strafen zurückzog.