Plauener Bürgerplattform: "Wir sind kein Meckerverein"

Im Mai vorigen Jahres gründete sich in Plauen die Bürgerplattform für demokratische Erneuerung. Nach einem Jahr zieht Sprecher Jörg Menke eine erste Bilanz und blickt auf Künftiges.

Plauen - "Sie sind zufrieden mit der gegenwärtigen Politik? Dann rufen Sie bitte eine andere Seite auf. Sie sind es nicht - dann schauen Sie sich bei uns um." Derart wird begrüßt, wer die Homepage der Plauener Bürgerplattform für demokratische Erneuerung besucht. Exakt 18 420 Personen haben dies seit dem 18. Juni 2010 getan, wie viele sich tatsächlich umgeschaut haben, vermerkt der "Zähler" nicht. Einen Monat vorher, im Mai, hatten sich Männer und Frauen zusammengefanden, die ein Kommunikationsproblem hatten - und zwar mit "denen da oben". So jedenfalls formulieren sie es auf ihrer Homepage: "1989 war die Kommunikation zwischen Staat und Volk gestört. Heute, 20 Jahre später, ist besagte Kommunikation zwischen Regierung und Bevölkerung wieder erheblich gestört".

Damit stießen die Gründungsmitglieder der Bürgerplattform gewissermaßen offene Türen ein. So zumindest der Eindruck, als man sich erstmals der Plauener Öffentlichkeit präsentierte - die Gaststätte am Goetheplatz platzte buchstäblich aus allen Nähten. Wenig später stößt Jörg Menke zur Bürgerplattform für demokratische Erneuerung.

Probleme anders geartet

Im Redaktionsgespräch gestern vormittag vermittelt er einen nachdenklichen Eindruck. Prosaisch formuliert könnte man die Frage nach den Blütenträumen, die nicht alle gereift sind, stellen. Doch zunächst kommt Menke, 2. Vorsitzender des Vereins, auf die damalige Situation zu sprechen. Ausgangspunkt sei die Beschäftigung mit dem im Frühjahr 2010 erschienenen Buch "Bürgermut macht Politik" gewesen, an dem auch Wendeaktivist Dietrich Kelterer beteiligt war. Und die zunächst allgemein formulierte Vorstellung: "Man müsste als Bürger wieder etwas tun."

Wofür viele der Wendeakteure damals einstanden, sei 20 Jahre später verflacht. "Demzufolge stand zunächst auch eine Art Wiederbelebung des Neuen Forums im Raum", erinnert sich Menke. Aber davon sei man schnell wieder abgegangen. Die Probleme ließen sich nicht vergleichen.

Also wählte man die Ochsentour, indem man nicht auf zumindest begrifflich Bekanntes zurückgriff. Das hatte und hat Folgen - in der Wahrnehmung der Leute "draußen" und der Diskussion "drinnen". 23 Mitglieder umfasst die Bürgerplattform derzeit, Sympathisanten hat der seit November des Vorjahres eingetragene Verein etliche mehr. Darunter viele Hauptakteure des Neuen Forums der Wendezeit, aber auch viele Neue. Einzelkämpfer, wie sich auch Menke selbst bezeichnet. Und Einzelkämpfer bedeutet wiederum auch Einzel-Meinungen. Doch dazu später. "Wir sind für alle politischen Strömungen offen, außer natürlich extremistischen", macht Menke deutlich. Dass ältere Mitstreiter aus Wendezeiten Probleme mit den Linken hätten, räumt er ein. Doch das scheint irgendwie auf Gegenseitigkeit zu beruhen.

Dass es für die "Plattform" einen immensen Bedarf gebe, davon ist Menke überzeugt. Dabei dürfe sie aber nicht zu einer für ausschließlich persönliche Probleme werden.

Darin sieht Menke auch die Gratwanderung, als Bürgerplattform Themen von öffentlichem Interese vorzugeben, oder sie quasi an sich herantragen zu lassen. Beispiel: Der Disput um die Neundorfer Straße war ein echtes Bürgeranliegen, das haben wir aufgegriffen. Auch in die Diskussion um das künftige Landratsamt brachten sich die Gründungsmitglieder der Plattform ein. "Ganz aktuell", so Menke, erarbeite man sich einen Standpunkt zum Erhalt des Hochschulstandortes Reichenbach. Er formuliert es bewusst so vorsichtig, denn sich eines Themas annehmen gehe schnell. Doch dann komme die eigentliche Arbeit: Aufgabenverteilung, Recherche, das Gewinnen von Verbündeten.

Im Klartext: "Wir haben zu allem eine Meinung, aber oft noch zu wenig Fachwissen, um nicht beim ersten Gegenwind Probleme zu bekommen." Im konkreten Fall wolle man sich an die vogtländischen Landtagsabgeordneten um Unterstützung wenden und von diesem Ergebnis weitere eigene Aktionen abhängig machen.

Inzwischen existieren Arbeitskreise - zu Politik, Bildung und Erziehung, Soziales und Recht. Die "Politiker" sind gerade dabei ein Positionspapier zu erarbeiten, aus dem das Programm der Plattform erwachsen soll. "Wir müssen endlich die Diskussion zum Abschluss bringen", umschreibt Menke diplomatisch wie schwierig es ist, viele Köpfe mit meist ebenso vielen Meinungen unter einen Hut zu bekommen. Aber ein Weg dran vorbei führt auch nicht. Denn ja, man wolle wählbar werden für die Bürger, spätestens bei der nächsten Kommunalwahl. "Ich wäre gern Stadtrat." Einen noch längeren Anlauf möchte Menke nicht, "das ist ein zu langer Horizont."

Wenn Einzelkämpfer lernen müssen, Mehrheiten zu akzeptieren, dann ist das ein nicht immer schmerzfreier Prozess. Er selbst ist das beste Beispiel. "Ich war Einzelkämpfer in Thoßfell. Da gehörten mir der Erfolg aber auch der Misserfolg allein. Als ich von der Gründung der Plattform erfuhr, wusste ich, das ist meins. Und so fühlten wohl viele." Für ihn sei die Zeit des Einzelkämpfertums aber vorbei, fügt er an. "Dennoch müssen wir als Plattform noch vieles geordneter angehen, da können wir uns noch manches vom Verlauf der Fraktionssitzungen der Parteien abschauen, gibt er unumwunden zu.

Aktionsbündnis war Erfolg

"Wir sind kein Meckerverein", stellt er klar und möchte die Ausstrahlung der Plattform auch nicht an deren Mitgliederzahl festmachen. "Auch wenige können was bewirken". Und deshalb will er auch nicht auf Teufel komm raus um Mitglieder werben und auch nicht zum Sammelbecken Frustierter werden, die in ihren eigentlichen Parteien nicht mit deren Kurs zurecht kommen.

"Was wir brauchen sind kompetente Leute und intelligente Themen", fasst Menke zusammen. Deswegen werde man im Herbst einen Vorstoß wagen, wie er es bezeichnet, und jungen Leuten einen Film politischen Inhalts mit anschließender Diskussion anbieten. Als unumstrittenen Erfolg der Bürgerplattform benennt er den Aufruf zur Schaffung des Bündnisses "Nazifreies Plauen", den Menke selbst den Stadträten unterbreitete. "Die Aktion am 16. April war okay, aber nun ist das Engagement aller Beteiligten wieder verflacht."

Nun wolle man sich Mitte August zu einem Workshop über das "Wie weiter" und die künftige Ausrichtung des Bündnisses treffen.