Plauener bangt um seine alte Heimat Ägypten

Plauen - In Ägypten und anderen arabischen Ländern ändern sich die Zeiten. Hamdy Youssef ist besorgt, wenn er die Bilder im TV sieht. Der Ägypter wohnt in Plauen und bangt um seine alte Heimat.

Der Fernseher läuft in diesen Tagen bei Familie Youssef in Plauen immer dann, wenn Papa Hamdy Youssef daheim ist. Ja nichts verpassen, pure Spannung liegt in der Luft, Aufregung, Sorge, Freude, Fragen, wohin und wie es weiter geht im Land der Pharaonen.

Die meist eingestellten Sender heißen im Wechsel Al Jazeera oder ein ägyptischer Nachrichtenkanal. Dazwischen flimmern auch die Tagesschau oder andere deutsche TV-Stationen. Die aufrüttelnden Bilder zeigen Straßenszenen wütender Menschen, rollender Panzer, Reporter auf Balkonen direkt aus dem Zentrum der Hauptstadt Kairo, der Geburtsstadt des inzwischen schon seit einigen Jahren im Vogtland lebenden Ägypters. Youssef möchte sich das ganze Bild machen und hält ständig auch Kontakt mit der Familie, den Eltern in Kairo. "Seit Mittwoch können wir auch wieder mit den Eltern chatten via Internet." Die berichten, dass man nachts lieber nicht rausgeht. Noch seien die Vorräte nicht aufgebraucht und außerhalb der City gehe es auch recht ruhig zu. Nur arbeiten geht zur Zeit kaum jemand. Vater Youssef fährt gerade kein LKW, womit er sonst seine Brötchen verdient.

Der 37-jährige schnappt sich gutherzig seinen Kleinen, der sich im Wohnzimmer auf den Schoß des Papas setzt. Gemütlich ist das für Malik und umsorgt staunt er mit dem Papa über das, was da von weit her via Satellit nach Plauen übertragen wird. Mama Anika setzt sich dazu und staunt ebenso. "Ich bin körperlich hier und in Kairo mit den Gedanken und mit der Seele", meint der ehemalige Kairoer mit ruhiger, besorgter Stimme, aus der ebenso Euphorie und Aufbruch mitschwingt. Denn was da im Land am Nil geschieht, ist der sich anbahnende und lang ersehnte Wandel eines in sich erstarrten Landes, sagt er. Hoffentlich geht das gut, hoffentlich verschwindet Mubarak und hoffentlich auch seine mächtigen Männer in der Führungsschicht des Landes, wünscht er sich.

Wie ist das mit Ägypten? "Es ist ein reiches Land, fast reicher als Deutschland, aber es gibt immer mehr Arme und die Reichen wissen nicht, wohin mit ihrem Luxus. Vor allem wissen die Menschen nicht, wo der ganze Reichtum hingeht", erzählt Youssef. Auch die Tatsache, dass es im Land am Nil immer um Posten gleich Geld gleich Macht ging und die Mächtigen den Sicherheitsapparat und die Polizei gegen das Volk einsetzten, das verstärkte den riesigen und berechtigten Wunsch, endlich frei atmen zu können. "Die Menschen wollen Freiheit, frei seine Meinung sagen zu können, frei sich vor Gericht oder bei Behörden beschweren und vorsprechen zu können und endlich auch etwas weniger Armut - das wollen viele Leute. Man muss wissen, wer keine Arbeit hat dort, der verhungert. Ich bin froh, vor allem wegen der jungen Ägypter, die sich das nicht mehr gefallen lassen und auf die Straße gehen", formuliert Hamdy Youssef in einem engagierten Redeschwall.

Seit 1981 regiert Muhammed Husni Mubarak Ägypten. Der Präsident und seine Baath Partei als Einheitspartei haben mit den Jahrzehnten das Land mit einem Schleier aus Angst und trügerischer Ruhe bedeckt. Seit dieser Zeit besteht in dem nordafrikanischen Land der Ausnahmezustand, es werden Menschen ohne Gerichtsurteil verhaftet und eingesperrt. Sicher, Ruhe erscheint besser als Aufruhr. "Es ist auch so, dass Mubarak durchaus gute Zeiten hatte und anerkannt war in der Bevölkerung. Doch es wurde nach und nach schlimmer", weiß der Wahl-Plauener, der in Kairo aufwuchs. Nun soll es besser werden. Beruhigt wirkt der Deutsche (seit 2009 besitzt Youssef einen deutschen Pass), denn es geht den Telefonaten und Chatt-Neuigkeiten nach der Mama Nagia, dem Vater Youssef und den drei Geschwistern gut. Sie leben eine Sunde vom Zentrum entfernt, passen auf sich und die Nachbarn auf und hoffen auf eine erfolgreichen Neuanfang. "Die kommen schon durch", sagt Hamdy.

Man wünscht sich doch eigentlich nur "Salem", das heißt Frieden, meint der Plauener fast schon philosophierend. Die Leute überall wollen leben, ordentlich leben. Mit einem charmanten Lächeln blickt er zu seiner Frau, die er 1999 in Sharm el-Sheikh in einem Hotel kennen lernte und nach fast fünf Jahren Prüfung heiratete. "Ich hätte nach Kairo gehen können, aber ich wollte im Vogtland bleiben und der Youssef hat das akzeptiert", sagt Anika Youssef. Nun haben sie sich hier eine Existenz aufgebaut und wandeln froh zwischen den Kulturen. Dass jetzt auch Ägypten vor besseren Zeiten stehen könnte, macht Hamdy glücklich. Im März wollten sie eigentlich die Eltern in Kairo besuchen. "Das haben wir verschoben, wenn es dort wieder ruhiger ist, dann geht es ab", ist sich Familie Youssef sicher.