Plauen verkabelt ganze Welt

1000 Kilometer Kabel verlassen täglich das Vogtländische Kabelwerk in Plauen. Und ohne die Leitungen des größten deutschen Kabelherstellers würde europaweit so mancher auf der Leitung stehen. In den 100 Jahren Firmengeschichte könnte der Erdball viele Male mit Plauener Kabeln umrundet werden.

Von Marjon Thümmel

Plauen - "Täglich 1000 Kilometer Kabel, das sind im Jahr 252 000 Kilometer, sind in zehn Jahren 252 Millionen Kilometer - allein aus unserem Betrieb. Manchmal frage ich mich schon, wo die Menge unsichtbar hin verschwunden ist", sagt Betriebsleiterin Petra Dübler während sie über das Vogtländische Kabelwerk spricht, das mit seinen vier Buchstaben VOKA weit über Plauen bekannt ist. Und nicht erst jetzt, denn seit 100 Jahren werden in dem unter Denkmalschutz stehen Backsteingebäude Kabel gefertigt. Als sich das Kabelwerk vor einigen Jahren vergrößern musste, wurde mit dem einstigen Plauener Schlachthof ein weiterer, ebenso markanter und gleichaltriger Denkmalbau bezogen. 1901 sind beide entstanden. 


Fernmeldekabel ab 1919


 Gegründet wurde die VOKA als Sächsische Draht- und Kabelwerk GmbH am 1. August 1919 in dem bis dahin als Wäschefabrik Blank bekannten Gebäude in der Schlachthofstraße. Von Anfang an wurden in Plauen Fernmeldekabel produziert, damals waren es noch mit Textilgewebe umhüllte Telefonschnüre und gummiisolierte Leitungen. Im ein Jahr später angegliederten Zweigbetrieb Falkenstein wurden Lackdrähte für Elektromotoren und die Fernmeldeindustrie gefertigt. 1928 übernahmen die Siemens-Schuckert-Werke beide Betriebsteile mit rund 500 Mitarbeiter, doch im Volksmund blieb es bei der VOKA. Im Jahre 1936 entstand das fünfstöckige Produktionsgebäude in der Albertstraße, der heutigen Breitscheidstraße. Die Mitarbeiterzahl stieg auf 900. Produziert wurden bis zu Beginn des 2. Weltkrieges Starkstromleitungen, Fernmeldeleitungen, Feldkabel sowie Fernfeldkabel und Lackdrähte. Beim schwersten Bombenangriff auf Plauen im April 1945 wurde der Betrieb zerstört, doch schon im Folgejahr wurden wieder Leitungen und isolierte Drähte gefertigt. 
 Im März 1947 wurde der Betrieb volkseigen und bekam den Namen VEB Leitungswerk Plauen, was aber im Sprachgebrauch keinen Einzug fand. Jeder sprach weiterhin vom Kabelwerk oder von der VOKA. Auch als das Werk 1967 dem neuen Kombinat VEB Kabelwerk Oberspree (KWO) zugeordnet wurde, sprach keine vom KWP (P steht für Plauen). Der Kombinatsbetrieb mit Sitz in Berlin hatte zehn Standorte mit jeweils eigenen Produktsortimenten, wobei Plauen weiterhin für Fernmeldekabel zuständig blieb. "Wir haben zu DDR-Zeiten die Deutsche Post bedient und auch russische Postämter mit Fernmeldekabel versorgt", erzählt Petra Dübler, die ab 1984 die Betriebsgeschichte miterlebte. "Ich kam von der Uni Jena, wo ich Chemie studierte und anschließend als wissenschaftlicher Assistent arbeitete. Dabei lernte ich meinen Mann, ein Plauener kennen, zog mit ihm in seine Heimatstadt und fing im Kabelwerk in der Abteilung Konstruktion und Entwicklung an. Dabei hatte ich alle Fertigungsetappen von A bis Z gut kennen gelernt. Später war ich in der Qualitätssicherung tätig, wurde deren Leiterin. Seit drei Jahren bin ich nun für den ganzen Betrieb verantwortlich", erzählt sie. 

Guter Start in Neuzeit


 Als in der Wendezeit hunderte Arbeitsplätze auch in Plauen verlorengingen, hatte das Kabelwerk noch immer 520 Beschäftigte. "Wir hatten gute Bedingungen, weil wir für den westdeutschen Markt, den wir schon zu DDR-Zeiten mit belieferten, die notwendigen Zertifikat und DIN-Normen hatten. Wir waren als Lieferant und Hersteller gelistet. Außerdem konnten wir über die so genannten Hermesbürgschaften auch weiterhin Aufträge aus Russland annehmen. Und es waren viele" erklärt Petra Dübler. Als 1991 der heutige Eigentümer J.E. Wilms den Betrieb von der Treuhand kaufte, wurde der Bereich Kupferdrahtveredlung (Drahtzug) neu aufgebaut. Dieser half die Produktion nicht nur effektiv und mit neuen Sortimenten weiter fortzuführen, sondern auch schneller am Markt zu reagieren. Heute ist die gesamte Fertigung im Werk 2 (Schlachthof) zu finden. 
 "Als ich angefangen habe, gab es noch keine Computer, da gab es Kabel für Telefone und Klingel. Heute haben wir vier Hauptprodukte: Fernmeldeaußen- und -innenkabel (alle Kabel, die in der Erde und im Gebäude liegen), Systemleitungen (Datenkabel), Maschinensteuerungsleitungen und Industrieelektronikkabel (für Schaltzentralen). "Wir haben die Zulassung für Kraftwerke, darunter auch Kernkraftwerke", sagt die Betriebsleiterin. Dazu kämen die zwei Vorstufen - die Kunststoffummantelung und der Drahtzug. "Wir bekommen von Hettstedt 8-Millimeter-Kupferdraht geliefert, den wir auf bis zu 0,1 Millimeter runterziehen. Für unsere dicken Außenkabel haben wir im ehemaligen Reifenwerk den Kabeltrommelservice KBS, der die Holztrommeln baut", erklärt sie weiter. Und: Es gibt einen eigenen Recyclingbetrieb, der für die Aufbereitung produktionsbedingter Abfälle aufgebaut wurde. "Dort werden die Abfälle geschreddert und getrennt in Kupfer und Kunststoff. Erstes geht zurück in die Hüttenbetriebe und wird wieder zu 8-Millimeter-Draht. Der Kunststoff wird zu Granulat, das teilweise verkauft aber auch von uns aufgearbeitet wird", schildert Petra Dübler. Mit dem 12 Lastwagen - von Container bis Tieflader - im eigenen Fuhrpark werde europaweit ausgeliefert. "Wir machen viele Fahrten auf Grund der zunehmenden Kupferdiebstähle lieber selbst."

Telekom Hauptkunde


 Hauptkunde sei die Telekom. "Wir haben auch die Zulassung für den Kraftwerksbau, den Schiffbau - wir beliefern die Werften, die Luxusliner bauen mit Systemleitungen - die Bundeswehr und die Deutsche Bahn. Nach der Zusage für den Waggonbau bei Bombartier wollen wir bei der Ausstattung mit WLAN in den Zügen gern mit einsteigen. Wer kommuniziert, nutzt schon jetzt meist Plauener Leitungen. Wir beliefern auch den Berliner Flughafen mit Leitungen für die Flugfeldbefeuerung", zählt Petra Dübler weiter auf. Wer sich allerdings an die Bastlerringe von früher erinnert, wird sie nicht mehr im Betrieb finden. 
 "Die Zukunft liegt auf Datenleitungen. Dabei konzentriert sich die Entwicklungabteilung in unserem Werk auf besseren Übertragungseigenschaften wie Übertragungsraten und -geschwindigkeit. Aktuell richtet sich unsere Augenmerk auf den Automobilbau und eine komplette Computersteuerung, weil sich derzeit zu viele Steuerteile gegenseitig beeinflussen", blickt die Betriebsleiterin voraus und fügt hinzu: "Wir sehen Möglichkeiten, unseren Betrieb noch weiter zu entwickeln und den Standort auf dieser Basis zu erhalten und gegebenenfalls auszubauen. Dazu sind auch Investitionen in unsere eigene Datentechnik geplant", verrät sie und auch, dass in dem Männerbetrieb Frauen als Personalchefin, Hauptbuchhalterin und kaufmännische Leiterin an der Spitze stehen. "Nur der Vertriebschef ist unser Mann", lacht Betriebsleiterin Petra Dübler: "Wir haben die Frauenquote mehr als erfüllt." 

100 Jahrfeier:

Das Vogtländische Kabelwerk feiert am 13. September die 100 Jahre seines Bestehens. Und dazu lädt Betriebsleiterin Petra Dübel ab 14 Uhr alle Mitarbeiter und auf diesem Weg vor allem die ehemaligen Mitarbeiter recht herzlich in.