"Plauen ist die eigentliche Heldenstadt"

Der Wendeherbst 1989 ist heute Weltgeschichte. Die Rolle der Menschen in Plauen war in der Chronik der Ereignisse jedoch lange Zeit ein fast übersehenes Kapitel. Dabei wehte der Wind der Veränderung im Vogtland besonders stark. Dank einer mutigen Rentnerin erreichten die Bilder eine Zeitung im Westen.

Von Martin Reißmann

Plauen Die Menschen in Plauens Partnerstadt Hof trauten ihren Augen nicht, als sie die Ausgabe der Frankenpost vom 10. Oktober 1989 aufschlugen. Auf der Titelseite waren die Plauener Fotos vom 7. Oktober 1989 abgedruckt. Sie zeigten nicht die Feierlichkeiten zum 40. Republikgeburtstag der DDR, sondern das Aufbäumen der Menschen gegenüber der Staatssicherheit hinter der Grenze im 30 Kilometer entfernten Plauen.
"Plauen war die erste Stadt, wo die Menschen keine Angst vor der Staatsmacht hatten", sagt Werner Mergner. Der Hofer war 1989 Redaktionsdirektor bei der Frankenpost, die einzige Zeitung, die im Westen über die Plauener Massendemonstration berichtete und auch nur, weil eine mutige Rentnerin dafür sorgte.
"Ich werde den 9. Oktober 1989, es war ein Montag, nie vergessen. Die Tür ging auf, es war vormittags, 11 Uhr, herein kam eine alte Dame, durchaus selbstbewusst auftretend. Sie stellte sich kurz vor. Annelise Saupe. 77 Jahre. Rentnerin aus Plauen. Sie war mit dem Zug nach Hof gefahren und weil sie kein Westgeld hatte, hatte sie kein Geld für einen Busfahrschein. Sie lief den langen Weg vom Bahnhof bis zur Frankenpost zu Fuß und dort saß sie mir dann gegenüber", erinnert sich Journalist Thomas Hanel. Er war der erste, der mit der früheren Lehrerin aus Plauen sprach.
Was die mutige Frau dann auf den Tisch legte, sorgte bei den Journalisten für eine Sensation. Anneliese Saupe hatte zwei mit der Schreibmaschine geschriebene Berichte und einen Film ihres Sohnes über die Grenze geschmuggelt. So geschickt in ihren Büstenhalter eingenäht, dass Kontrolleure die Gegenstände bei einem möglichen Abtasten im Zug von hinten und von vorn nicht spüren konnten. "Sie war eine Dame mit mächtigem Busen. Sie zauberte einen Film heraus mit sensationellen Fotos, die zeigten, die Menschen haben die Nase voll, sie wollen die Veränderung. Das war eine Sternstunde in der Geschichte", erinnert sich Werner Mergner. "Frau Saupe ist ein hohes Risiko eingegangen. Sie war sehr aufgeregt, sehr, sehr aufgeregt. Diese Frau hat ihre eigene Freiheit aufs Spiel gesetzt, um uns Redakteuren im Westen mitzuteilen, was in Plauen geschehen ist", so Thomas Hanel, 1989 stellvertretender Redaktionsleiter bei der Frankenpost in Hof.
Es war Martin Flach, der Sohn von Anneliese Saupe, der am 7. Oktober 1989 im Stadtzentrum von Plauen mit seiner Kamera die heute legendären Fotos machte. Als einer von mehr als 15.000 mutigen Menschen stellte er sich der DDR-Staatsmacht entgegen. "Man war 30 Jahre jünger, man war nicht feige. Es stand ja nicht, man darf am Republikgeburtstag nicht fotografieren." Der heute 76-jährige Plauener war nicht der einzige Fotograf an diesem Tag. Doch nur seine Aufnahmen schafften es in den Westen. "Der Familienrat hatte getagt und wir haben entschieden, dass meine Mutter die Fotos nach Hof schmuggelt."
Aufnahmen machte auch der Plauener Hobbyfilmer Detlev Braun. Er war am 7. Oktober mit seiner Familie in die Innenstadt gekommen. Ein Kinderfest war anlässlich 40 Jahre DDR am Otto-Grotewohl-Platz eigentlich organisiert. Was dann passierte ist heute große Geschichte. Die erste friedliche Massendemonstration in der DDR, der in Plauen 21 folgten, hielt Braun mit seiner AK8 Schmal-Film-Kamera fest. Doch die Bewegtaufnahmen erschienen erst nach dem Fall der Mauer. Das DDR-Fernsehen berichtete in der "Aktuellen Kamera" erstmals am 28. Oktober über die Ereignisse im Vogtland. Drei Wochen nach ersten friedlichen Großdemonstration in Plauen.
"Was wir gesehen haben, wie die Plauener sich benommen haben, wie sie mutig gegen die Diktatur der SED angekämpft haben, das war grandios. Plauen ist die eigentliche Heldenstadt, nicht Leipzig", sagt der Hofer Werner Mergner.
Anneliese Saupe berichtete fortan regelmäßig den Zeitungsleuten im Westen über die Entwicklung in der Spitzenstadt. Am 17. Juli 2007 starb die furchtlose Plauenerin, die nicht in Vergessenheit geraten sollte. Eine Gedenktafel im Stadtzentrum mit der Aufschrift "An dieser Stelle begann am 7. Oktober 1989 die erste Großdemonstration auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Das war der Anfang der Veränderung unserer Welt" ist ihr Verdienst. "Dies mitgemacht zu haben, war die schönste und aufregendste Zeit meines Lebens. Ich bin froh über das Erreichte", so Martin Flach. "Ich habe nie etwas Spannenderes kennengelernt als die Zeit der Wende", resümiert Werner Mergner. Er gründete nach dem Fall der Mauer drei Zeitungen in Ostdeutschland. Eine davon gibt es mit dem Vogtland-Anzeiger noch heute.