"Plauen hat Probleme, aber ist liebenswert"

Südwestsachsen ist nach wie vor die sicherste Region im Freistaat. Und bezogen auf die Einwohnerzahl geschehen in Plauen nach wie vor die meisten Straftaten. Doch Superlative sollte man tunlichst unterlassen, sagt Polizeipräsident Conny Stiehl, denn vieles steht gewissermaßen zwischen den Zeilen der Statistik.

Von Torsten Piontkowski

Zwickau/Plauen - Wenn Polizeipräsident Conny Stiehl Plauen besucht - und das tut er nach eigenem Bekunden gern und oft - dann kommt es zuweilen vor, dass sich die Leute freuen, dass die Polizei am Tunnel mit einem Funkstreifenwagen präsent ist. "Mir wäre es lieber, wir brauchten das Fahrzeug nicht mehr und Sie würden stattdessen einen Plausch mit einem Bürgerpolizisten machen", erwidert der Polizei-Chef der Region dann gern. Und schon ist er auch beim gestrigen Pressegespräch bei der Stadt angekommen, die ihm in den letzten Jahren zwar viel Kopfzerbrechen bereitete, die ihm aber wohl auch ans Herz gewachsen ist. 

Straßenkriminalität
Ja, bezogen auf die Häufigkeit von Straften pro Einwohner, erfülle Plauen die Kriterien einer Großstadt, sagt Stiehl und fügt mit dem ihm eigenen Humor hinzu: "Es fehlen eben bloß noch paar Leute." In der Plauener Innenstadt sei nicht nur objektiv die Zahl der Straftaten rückläufg, auch die gefühlte Sicherheit der Bürger habe zugenommen, ist Stiehl überzeugt. Es sei eine gewisse Besonderheit Plauens, dass sich ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens auf einem relativ kleinem Areal abspiele, um das sich auch noch die wichtigsten Geschäfte der Innenstadt gruppieren. Dort, so der erfahrene Polizist, sind auch die meisten nichtdeutschen Bürger anzutreffen. Und ganz pragmatisch, auch aus seiner Dienstzeit in Görlitz weiß er: "Wenn ich die Sprache des anderen nicht verstehe, dann stellt der erst mal eine Gefahr für mich dar. So ist der Mensch." 
Ziehen wir die Statistik zu Rate, Abschnitt Straßenkriminalität. Exakt 1092 Fälle für 2018 sind aufgelistet. In der Natur dieser Straftaten liegt es, dass die Aufklärungsquote mit 30,6 Prozent relativ gering ist. Und: In besagte 1092 Straftaten "teilen" sich 270 Tatverdächtige, davon 97 nichtdeutscher Herkunft. Was nichts anderes heißt, dass die Quote der Intensivtäter beachtlich ist. Eine relativ kleine Gruppe sorgt also für große Wirkung, zieht Stiehl ein Fazit, ohne zu verharmlosen: Zum einen sei die polizeiliche Präsenz in den vergangenen Jahren nicht immer besonders gut gewesen, zum anderen werde die Kriminalitätsbekämpfung in Plauen Schwerpunkt der nächsten Jahre bleiben. 

Kriminalaußenstellen
Diese Behauptung kann er mit Fakten unterlegen. Denn gleich zwei neue Kriminalaußenstellen der in Zwickau ansässigen Kommissariate sollen in Plauen installiert werden: Eines zur Rauschgiftbekämpfung, ein anderes zur Reduzierung der Jugendkriminalität. Jeweils zwei bis drei Beamte werden auf diese Weise das Plauener Team unterstützen.
Denn eines weiß Stiehl auch: Die Zahl jugendlicher Staftäter wachse permanent und es sei äußerst wichtig, den "Nachwuchs für Kriminelle" zu reduzieren. Beide Kriminalaußenstellen sieht der Präsident zudem als Beitrag, die Fälle mittlerer und schwerer Kriminalität in Plauen zu senken. Denn nein, Plauen ist keineswegs die Stadt der Bandenkriminalität oder der "schweren Jungs". Auch hier gelten als häufigste Delikte Einbrüche, Diebstahl, Schwarzfahren.

Gewaltbereitschaft
Dass die Leute mit der "Flasche in der Hand" weitgehend aus dem Straßenbild der Innenstadt verschwunden sind, führt Stiehl auf das präventive Wirken seiner Leute zurück - vom Bereitschaftszug in Zwickau sind permanent vier Beamte in Plauen unterwegs. "Das Zentrum Plauens ist lebenswert, nun müssen wir zusehen, dass es auch so wahrgenommen wird", sagt Stiehl und erhofft sich einen frischen, gesunden Wind", wenn der Campus öffnet. Dass er im hiesigen Stadtrat von einigen Abgeordneten wegen der Überpräsenz der Polizei kritisiert worden sei, kommentiert der bodenständige Chef mit Klartext: "Solchen Unsinn habe ich schon lange nicht gehört."
Was ihm Sorgen bereitet, ist die zunehmende Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft. "In dieser Häufigkeit habe ich das in 40 Jahren Dienstzeit nicht erlebt", sagt Stiehl. 213 Fälle weist die Statistik für Plauen im Vorjahr aus - ein geringer Rückgang im Vergleich zu 2017. Von 205 Tatverdächtigen waren 87 nichtdeutscher Herkunft - was übrigens nicht zwangsläufig heißt, dass sie Zuwanderer sind. Unter diesem Begriff vereint die Statistik auch Bürger aus EU- und nicht-EU-Ländern.

Rauschgiftszene
Weder Plauen noch Zwickau sind Umschlagsplätze für Drogen. Doch rein statistisch haben sowohl die Fälle, als auch die Aufklärungsquote zugenommen. Stiehl in der ihm eigenen Art: "Tuste was, haste was. Tuste nichts, haste nichts." Will heißen: Die Statistik spiegele wider, dass sich die Polizei verstärkt dieses Themas widme. "Sie ist dem Fleiß meiner Mannschaft geschuldet." 
Vor allem die Zusammenarbeit mit den tschechischen Kollegen zeitige gute Ergebnisse, was Stiehl auch der Tatsache geschuldet sieht, dass der neue Landespolizeipräsident Tschechiens Drogen den Kampf angesagt habe. Und Kriminaldirektor Holger Thierfelder bestätigt, dass sich die Szene ein Stück weit vom Chrystal wegentwickelt habe - allerdings hin zu Marihuana - und es starke Vernetzungen aus dem vogtländischen Raum nach Leipzig gäbe. Auch präventiv beschreitet man neue Wege: Sprach man in Sachen Drogen bisher vorrangig mit Eltern unnd Lehrern, wendet man sich jetzt verstärkt an die potentiellen Opfer oder bereits schon Täter - die Schüler.

Opferschutzbeauftragte
Wehret den Anfängen: Eine besondere Rolle bei der Prävention misst Stiehl den Bürgerpolizisten zu. "Ich möchte eine Art ABV, der im Territorium als Vertauensperson anerkannt ist." Und noch etwas hat man erkannt: Die Polizei müsse sich verstärkt den Opfern von Straftaten widmen. Eigens dafür fungiert Polizeihauptkommissarin Annett Krüger als neue Opferschutzbeauftragte, deren Aufgabe es unter anderem ist, die Opfer mit Hilfsorganisationen verschiedenster Art in Kontakt zu bringen. Dafür geht sie an Schulen, nimmt an Einwohnerversammlungen teil. "Erstmals haben wir bei der Polizeidirektion Südwestsachen mehr Zu-als Abgänge", fügt Stiehl an. Trotzdem bleibe das Stück vom Kuchen klein. Zufrieden ist dieser Mann nie.

Aus der Statistik

O Im Vogtlandkreis wurden 2018 12 891 Straftaten verübt, wobei die Aufklärungsrate bei 63,7 Prozent liegt.
O Mit 10 519 Straftaten liegt die Pro-Kopf-Rate in Plauen am höchsten, der statistisch "sicherste" Ort im Vogtland ist Theuma.
O  Vier Straftaten gegen das Leben - also Mord/Totschlag wurden im Vorjahr im Vogtlandkreis verübt, weitere zwei in der Stadt Plauen. Alle Taten konnten aufgeklärt werden.
O In Südwestsachsen wurden im Vorjahr 28 397 Straftaten verübt. Rechnet man Vergehen heraus, die nur von Ausländern begangen werden können (Aufenthaltsbestimmung etc.), bleiben 27 856 übrig. 1900 wurden von nichtdeutschen Bürgern begangen, 1002 von so genannten Zuwanderern. 17,5 Prozent sind demnach nichtdeutsche Täter, bei einem Bevölkerungsanteil von 4,6 Prozent.