Pilgern nach Rom zum 65.

In fünf Tagen wird Winfried Forster seinen Aktenkoffer mit dem Rucksack tauschen und sich auf den Weg nach Rom machen. Während andere ihren Ruhestand mit Nixtun beginnen, geht der scheidende Anzeigenleiter auf 1500 Kilometer Wanderschaft.

Plauen - Angebotsliste und Media- Daten gehören für Winfried Forster ab Karfreitag der Vergangenheit an. Nach 40 Berufsjahren nimmt er Abschied und geht mit seinem 65. Geburtstag in den wohlverdienten Ruhestand. Doch wer jetzt meint, er widmet sich ausführlich Frau, Haus und Garten - der irrt.

Schon lange hat er sich auf nur eins gefreut - eine Pilgertour nach Rom. Ursprünglich sollte sogar Jerusalem das Ziel werden. "Ich wollte Weihnachten in der Geburtskirche Jesu sein, aber mit der aktuellen politischen Situation hat sich das fürs Erste zerschlagen. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben", sagt er - und nennt 1500 Kilometer, die auch bis Rom vor ihm liegen. Mitte Juli, also in rund 100 Tagen möchte er den Pilgerweg als Nichtgläubiger aber mit Gottes Beistand geschafft haben.

Ausdauer beherrschte er schon in den vergangenen Jahren als Anzeigenberater. Denn wer verkaufen will, muss oft sehr hartnäckig sein. Doch was ihm am meisten daran gefiel, war der Kontakt mit vielen Leuten, wie er betont. Nach drei Jahren Stadtanzeiger Gera, einer kurzen Episode beim Blick in Hof und einer längeren Zeit beim Wochenspiegel - zuletzt in Plauen - kam Winfried Forster mit dem Neubeginn des Vogtland-Anzeigers 2005 als Anzeigenleiter zu einer Tageszeitung.

"Nach der Wende war ich nunmehr 25 Jahre im Verlagsgeschäft und habe mich immer geärgert, wenn ich länger als die Redakteure auf einen Termin bei den Geschäftsführern warten musste", lacht er.

Eigentlich ist der 65-Jährige Diplom- Ingenieur für Polygrafischen Maschinenbau. Der Sohn eines Bäckers wurde in Plauen geboren, in Kleingera eingeschult, in seiner Geburtsstadt mit Abitur und gleichzeitiger Ausbildung zum Zerspanungsfacharbeiter - "das gab es bis 1969 noch" - von der EOS verabschiedet, arbeitete nach NVA und Studium in Karl-Marx-Stadt schließlich in Gera.

"Der Liebe wegen bin ich nach Gera gegangen und habe dort von 1975 bis zur Wende bei der Volkswacht, heute Ostthüringer Zeitung in der Druckerei, zuletzt als deren Leiter, gearbeitet", sagt Winfried Forster. Mittlerweile ist er 44 Jahre mit seiner Gabi verheiratet, hat Sohn und Tochter - beide in der Gastronomie tätig - und eine zwölfjährige Enkeltochter Josephine. Seit 1994 wohnt er in Weida.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehe er nun in den Ruhestand. "Zum einen freue ich mich auf mehr Freizeit, Familie, Enkelkind und Pilgerweg. Zum anderen hat mir die Arbeit über die Jahre viel Spaß gemacht. Manche Geschäftspartner kenne ich schon 25 Jahre und daraus sind auch Freundschaften entstanden. Mit 60 war Winfried Forster zum ersten Mal auf dem Pilgerweg unterwegs - auf dem klassischen Jakobsweg von Südfrankreich bis Santiago de Compostela. 900 Kilometer in sechs Wochen. "Mir hat der Jakobsweg auch als Nichtchrist Spirit gegeben. Im Mittelalter gab es drei große Pilgerziele: Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem. Sie alle möchte ich zu Fuß erreichen", sagt er. Und nun ist Rom sein Ziel.

"Am 29. März, 7 Uhr, werde ich in Weida loslaufen. Dann geht es über Zeulenroda- Plauen-Hof-Nürnberg-Augsburg- Innsbruck-Alte Brennerstraße nach Italien. Ich hoffe, dass ich nach 80 bis 90 Tagen gesund in Rom ankomme, sechs Kilo weniger, einen langen Bart und Haare bis zu den Schultern hab? - und, dass mich im Vatikan jemand empfängt", lacht er. In Rom werde er eine Woche bleiben und mit dem Flieger oder der Bahn zurück nach Deutschland kommen.

2017 habe er auch schon fest im Plan: "Da werden 500 Jahre Reformation gefeiert, und da will ich den Lutherweg gehen. Das sind nur 450 Kilometer. Der Pilgerweg bis Jerusalem soll dann 2018/19 oder ein Jahr später folgen. Und 2021 will ich, zehn Jahre später, nochmals den Jakobsweg gehen. Dann aber von der Kölner Domplatte aus bis nach Santiago de Compostela", blickt Winfried Forster voraus.

Für jetzt hat er seinen Rucksack schon gepackt mit Schlafsack, Isomatte, Kulturbeutel, Dosen- und Flaschenöffner sowie Stirnlampe. "Bei Wäsche sagt man, alles zwei Mal, ein Mal am Körper und ein Mal im Gepäck. Da muss man eben versuchen, alle zwei Tage die Klamotten zu waschen. Oder man müffelt", sagt er mit schelmischen Lachen.

Und was kommt nach Rom? "Ich werde mich beruflich nicht vollständig abnabeln. Ich überlege, ob ich nach der Pilgerreise in Verkauf oder Management noch in der Region tätig sein werde. Außerdem habe ich ja als Mitglied noch im Lions Club, Plauener Spitze, im Theaterförderverein, bei e.o. plauen, im Komturhofverein, beim VFC und HC Einheit zu tun", zählt Winfried Forster auf.

Das alles sieht doch sehr nach einem Un-Ruhestand aus?! "Naja mit dem Pilgern mit 60 habe ich meinen dritten Lebensabschnitt begonnen - und da muss ich ja mindestens 90 werden", bekräftigt das Geburtstagskind. Na, das wünschen wir Dir von Herzen - und vor allem die Gesundheit, die Du für alle Pläne brauchst.

Am Donnerstag wird aber erst einmal kräftig gefeiert - zunächst mit Kollegen, Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern. Und dann mit der Familie. Die hält bestimmt auch einige Überraschungen bereit.