Pause für Tauben und Täubchen

Kein Taubenmarkt weit und breit kann sich mit dem in Mühltroff vergleichen: Hunderte Tauben sind am Rosenmontag zu sehen - seit 150 Jahren. Und manchmal spielt ein besonderes Täubchen dabei die Hauptrolle - sprich: Eine leicht bekleidete Frau tanzt auf den Tischen, an denen beim Frühschoppen gefachsimpelt wird. Doch in diesem Jahr gibt es nichts zu gucken und zu feiern - gar nichts.

Mühltroff - Der Geflügelzüchterverein 1871 Mühltroff und Umgebung muss wegen Corona in den sauren Apfel beißen: "Wir verschieben den Taubenmarkt um ein Jahr", sagt Ulrich Weiß, Ex-Bürgermeister und 32 Jahre (bis 2012) Vereinsvorsitzender.
Weiß berichtet aus der Chronik - und räumt mit einem Vorurteil auf: Die Taubenmärkte haben bis Anfang der 1990er im Freien stattgefunden. "In den Gasthöfen spielte die Blasmusik zum Frühschoppen." Der 1. Taubenmarkt hatte am Rosenmontag 1871 stattgefunden, am Gasthof Wohlfahrth in der Alten Hauptstraße, den später Emil Porst führte. Als nächste Station folgte der Sächsische Hof am Markt und dann das Gasthaus "Zum halben Mond" - für 80 Jahre.
Als die Wirtin 1983 nicht mehr wollte, zog der Taubenmarkt zum Schützenhaus. "Als Bürgermeister veranlasste ich nach der Wende, dass die Tiere in der Turnhalle gegenüber gezeigt wurden, auch weil die Kritik von Tierschützern immer lauter wurde: Die hatten gefordert, die Vögel nicht mehr im Freien auszustellen - wegen der Witterung. Um diese Jahreszeit kann es ja strengen Frost geben."
Gut erinnert sich Weiß nach eigenen Worten an den 100. Taubenmarkt 1971 - das Jahr, in dem er in den Verein eingetreten ist: Es gab eine Festwoche mit Festumzug, Theater und historischem Taubenmarkt. "Und der Arzt Dr. Christoph hat ein Hühnerballett einstudiert, die ,Hupfdohlen‘. Daraus ist ein Jahr später die Mühltroffer Carnevalsgesellschaft Blau-Weiß mit hervorgegangen."
Natürlich hat der Taubenmarkt auch schwere Zeiten durchgemacht. Den Ersten Weltkrieg habe man mit Ach und Krach überstanden, aber der Zweite Weltkrieg habe den Markt unterbrochen, berichtet Weiß. "Den Nazis hatte bereits vor 1939 nicht gefallen, dass wir Tiere auf Schönheit gezüchtet haben. Sie wollten Zucht, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen."
Laut Weiß ist der Taubenmarkt auch ein paar Mal ausgefallen wegen Krankheit: In den 1980er Jahren wegen der Maul- und Klauenseuche, nach der Wende zwei Mal wegen der Vogelgrippe.
Apropos Wende: Weiß spricht lebhaft vom Taubenmarkt 1990: "Wir hatten Gäste aus Oberfranken und ältere Besucher hatten Tränen in den Augen: ,Wir hätten nicht gedacht, dass wir das erleben dürfen‘, sagten sie. Viele sangen ,Einigkeit und Recht und Freiheit‘ und manche kritisierten das, weil die DDR ja noch existierte."
Weiß zeigt sich begeistert, was an Rahmenprogramm all die Jahre immer möglich gewesen ist: "Viele Jahre schon sorgen die Wisentataler Blasmusikanten für Stimmung und immer wieder konnten wir uns über kulturelle Höhepunkte freuen. Einmal dachten die Leute, Andrea Berg singt. Sie hatten nicht bemerkt, dass es ein Double war."
Das Schützenhaus in Mühltroff wurde in der letzten Zeit dank des rührigen Fördervereins grundlegend saniert. Deshalb mussten die Organisatoren des Taubenmarktes bereits 2020 eine Alternative suchen - und sie fanden eine im Gasthof "Schwan" im Ortsteil Langenbach. "Dieses Jahr wollten wir das Schützenhaus mit dem Frühschoppen einweihen - aber wegen Corona geht das nicht. Wir müssen alle auf nächstes Jahr vertrösten", sagt Weiß.
Das Gleiche gilt für die ausgefallene Geflügelausstellung im Januar. Und die Sause am 20. Februar, die der Geflügelzüchterverein aus Anlass seines 150. Geburtstages geplant hat? "Haben wir auf August verschoben", erklärt Weiß, der hofft, dass alle 45 Vereinsmitglieder an Bord bleiben. ufa