Pädagoge, Wanderfreund und Redakteur

Vor 150 Jahren starb der Plauener Volksschullehrer Johann Gottlieb Günnel. Er unterrichtete 36 Jahre lang an der Bürgerschule in der Syrastraße.

Von Prof.Roland Schmidt

Plauen "Mit dem Wanderstock in der Hand und dem Ränzel auf den Rücken" - so erlebten die Schüler der Plauener Bürgerschule Jahr für Jahr ihren Lehrer Johann Gottlieb Günnel am letzten Schultag vor den Sommerferien. Das hatte seinen Grund: Der allseits geschätzte Lehrer wollte ohne Zeitverzug nach der letzten Stunde eine seiner zahlreichen Wanderungen in Angriff nehmen, die ihn oft mehrere Wochen durch Thüringen, Hessen und Franken oder auch nur mehrere Tage durchs Vogtland führten.
Seine Schüler wussten, dass sie an den Ergebnissen dieser Touren zu markanten Landschaften und historischen Stätten teilhaben durften, denn Günnel verstand es meisterhaft, von seinen Wanderungen zu erzählen. Wie damals üblich unterrichtete er als Volksschullehrer nahezu alle Fächer, doch seine Vorlieben galten der Erdkunde und Geschichte, in denen er nicht nur Bücherwissen, sondern auch eigenes Erleben vermitteln konnte. Das kam bei seinen Schülern an und brachte ihm berufliche Erfüllung.
Dabei wollte der am 4. August 1806 in Schönau bei Treuen geborene Sohn des Dorfschulmeisters eigentlich kein Lehrer werden, denn nach dem ersten Unterricht bei seinem Vater besuchte er das Plauener Lyceum und studierte anschließend in Leipzig Theologie.
Da es danach mit der erhofften Anstellung als Pfarrer nicht klappte, schlug er sich mehrere Jahre in Plauen als Privatlehrer für alte Sprachen durchs Leben. Er fand Gefallen am Unterrichten, und so bewarb er sich 1834 mit Erfolg um eine frei gewordene Stelle als Lehrer an der Plauener Bürgerschule. Diese Tätigkeit bereitete ihm große Freude, besonders ab 1841 in der neu erbauten Bürgerschule, sodass er 1843 seine aussichtsreiche Bewerbung um die Pfarrstelle in Rodersdorf zurückzog und für immer Pädagoge blieb. 36 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1870, hielt er seiner Bürgerschule in der Syrastraße die Treue, daneben unterrichtete er Deutsch für Erwachsene an der damaligen Sonntags- sowie Baugewerkenschule Plauens.
Johann Gottlieb Günnel wollte aber nicht nur als Lehrer sein Wissen an Schüler im Kindesalter weitergeben, sondern auch als Autor volkstümlicher Schriften an einen breiten Kreis erwachsener Leser.
Er fand in dem Zwickauer "Verein zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften" um den Geheimen Kirchen- und Schulrat Gotthilf Ferdinand Döhler rührige Herausgeber, die seine Schriften für einen geringen Preis publizierten. Waren es anfangs Hefte "zur belehrenden Unterhaltung für das Volk" mit Ratschlägen für viele Dinge des täglichen Lebens wie den sorgsamen Umgang mit Geld, den Nutzen von Sparkassen und Versicherungen, so äußerte er sich bald auch über die Folgen falscher Erziehung der Jugend. 1846 wagte er sich gar an eine Art Gesellschaftsutopie. Unter dem Titel "Aus der Geschichte des Dorfes Deutschheim" zeigte er auf, wie die Bauern dieses fiktiven vogtländischen Dorfes durch Vernunft und Einsicht zu größerem Gemeinsinn und damit zu einem sozial gerechten Leben kommen könnten. War dabei auch manches zu einfach gedacht, so fanden Günnels Ideen damals viele Leser, so dass das Buch 1850 in Wien einen Nachdruck erfuhr.
Neben seinen eigenen Wandererlebnissen in Thüringen und Franken publizierte Günnel auch handliche Bücher über Grönland, Island, Amerika und den Nahen Osten Länder, die er nie mit eigenen Au - gen gesehen hatte und lediglich an Hand von Büchern anderer Autoren beschreiben konnte. Dass er dabei auch manch falscher Information aufgesessen war, muss ihm nachgesehen werden, denn Fotographien standen ihm noch nicht zur Verfügung. Die kleinen Bücher wurden gern gekauft. Günnel wurde so bekannt, dass er schon bald statt seines Namens auf dem Titelblatt "Vom Verfasser des ‚Morgenlandes" drucken ließ.
1863 würdigte er mit einem Buch den 50. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig und ein Jahr später die politischen und militärischen Auseinandersetzungen um das heutige Schleswig-Holstein.
Ab 1854 übernahm Johann Gottlieb Günnel neben seinem täglichen Unterricht in der Bürgerschule die verantwortungsvolle Tätigkeit als Redakteur des "Vogtländischen Anzeigers", für die er sich durch seine volkstümlichen Schriften empfohlen hatte. 16 Jahre hindurch, bis zu seinem Tod, schrieb er regelmäßig Artikel für die Zeitung oder redigierte Beiträge anderer Autoren für den Druck.
Wie in seinem Unterricht verstand er es auch in seiner journalistischen Arbeit, sein Wissen gekonnt und verständlich an seine Leser weiter zu geben. Mit dieser Fähigkeit erwarb er sich nicht nur die Achtung der Zeitungsabonnenten, sondern auch seiner Kollegen in der Redaktion. Wie anders wäre es deshalb zu erklären, dass diese unmittelbar nach Günnels Tod im "Vogtländischen Anzeiger" offen die Frage diskutierten, wie sie fortan ohne ihn und seine Impulse für die tägliche Arbeit das Niveau der Zeitung halten können.
So hinterließ Johann Gottlieb Günnel auch nach seinem Tod am 31. März 1870 seine Spuren. Er wurde - wie viele Plauener Bürger - ein Opfer der damals im Vogtland grassierenden Typhus-Epidemie, tief betrauert von seinen damaligen und ehemaligen Schülern und Lehrerkollegen, aber auch von vielen anderen Erwachsenen im mitteldeutschen Raum, die aus seinen Büchern und journalistischen Arbeiten wichtige Erkenntnisse für ihre eigene Lebensgestaltung gewonnen hatten.