Ostrock-Classics vereint Urgesteine in Zwickau

In die Zeit der Feierlichkeiten von Mauerfall und Wiedervereinigung mischt sich eine Konzertreihe, die sich heuer zum dritten Mal anschickt, für ausverkaufte Hallen zu sorgen. Zwei Jahrzehnte, nachdem der Osten Deutschlands minder oder eher mehr sang- und klanglos unterging, lebt ein Phänomen weiter - der Ostrock!

Nicht wegen der befrotzelten (N)Ostalgie. Immerhin haben es teilnehmende Künstler der Ostrock Classics geschafft, goldenen Schallplatten zu erhalten. Vielleicht, weil sie allesamt eine ordentliche musikalische Ausbildung durchlaufen haben, nicht durch Casting-Shows hochgeschossen wurden. Auch wenn es meist über viele Nachwuchsveranstaltungen ging, es irgendwo "in der Provinz" mit einem ersten Auftritt begann.

So wie den Puhdys, die ihren ersten Auftritt vor fast genau 40 Jahren am 19. November 1969 in Freiberg hatten. Angelehnt an die Sehnsüchte ihrer Fans, Radio-Musik von Rias und Radio Luxemburg auch einmal life zu hören, waren Titel am Hardrock von Deep Purple, Uriah Heep oder Led Zeppelin angelehnt. Gute Beispiele sind "Türen öffnen sich zur Stadt" oder "Geh dem Wind nicht aus dem Wege". Nicht zu vergessen "Wenn ein Mensch lebt" - zusammen mit dem Film "Die Legende von Paul und Paula" mit Erscheinen 1973 sofort Kult.

City, 1972 in Ost-Berlin gegründet, wird meist nur über ihren Mega-Hit "Am Fenster" aus dem Jahre 1977 identifiziert. Doch auch sie haben Tonträger im siebenstelligen Bereich verkauft. Richtig ab gings mit der Band, als 1974 Georgi Gogow einige Lieder mit der Violine "veredelte", Emil Bogdanow dazu kam und 1975 Toni Krahl den Sänger-Part übernahm. Wie viele Berufskollegen setzte sich City direkt oder "zwischen den Zeilen" mit den Themen Meinungsfreiheit und Demokratie auseinander ("Susann" und "Wand an Wand").

Wer bei Prof. Stöckigt Klavierunterricht genossen hatte, war schon was. Holger Biege wirkte danach unter anderen in der Klaus-Lenz-Bigband und der Sieghart-Schubert-Formation mit. Aus seiner Feder stammen Hits wie "Wenn der Abend kommt", "Sagte mal ein Dichter" oder "Sag ihr auch". 1983 samt Familie nach Hamburg übersiedelt, ist er inzwischen wieder Berliner.

Die wohl beliebteste Popsängerin der DDR, Veronika Fischer, ging 1981 als eine der ersten Künstlerinnen in den Westen. Sie behauptete sich auch dort als Interpretin, veröffentlichte erfolgreich LPs, war in Rundfunk und Fernsehen präsent. Mit dem Dream-Autorenteam Franz Bartzsch (Musik) und Kurt Demmler (Texte) bescherte sie vorher der Musikwelt Songs, die ihr auf "Leib, Seele und Stimme maßgeschneidert" waren ("Blues von der letzten Gelegenheit", "Auf der Wiese", "Daß ich eine Schneeflocke wär", "...und sprach kein Wort" oder "Rauchiger Sommer").

Ihre Karriere begann die gebürtige Thüringerin mit der Stern-Combo Meißen, ehe 1973 ihre erste Langspielplatte mit der Gruppe Panta Rhei erschien. Aus dieser Zeit stammt der Titel "Nachts" (1972), entstanden unter anderen mit Herbert Dreilich, Ed Swillms und Henning Protzmann, den späteren Machern von Karat.

Karat, aus Panta Rhei hervorgegangen, überzeugte stets mit rockigen Balladen. Dazu gehören "Der blaue Planet", "Schwanenkönig", "Blumen aus Eis" oder auch "Kalter Rauch" und "Albatros". 1976 verstärkt mit Bernd Römer (Gitarre) und Michael Schwandt (Schlagzeug - beide vorher in der Horst-Krüger-Band) und nunmehr Herbert Dreilich als alleiniger Sänger, entstand damals bereits ein Mythos. Müßig über Erfolge zu reden. Längst hat Claudius Dreilich den Part seines Vaters übernommen, füllt ihn sensationell fast identisch aus. Unterstützt vom Filmorchester Babelsberg unter Leitung von Dirigent und Arrangeur Bernd Wefelmeyer werden zudem Ute Freudenberg und IC Falkenberg Glanzlichter aus ihrem Schaffen zu Gehör bringen. Schade, dass in der 2009er Ausgabe von Ostrock Classics Silly und Dirk Michaelis nicht mit dabei sind.

Aber bei ausverkauften Hallen im Vorjahr und nicht müde werdenden Ostrock-Fans gibts vielleicht 2010 ein Wiedersehen mit ihnen oder gar ganz neuen alten Gesichtern wie Lift, Electra, Bayon und anderen. Hoffentlich nicht "Am Fenster", sondern getreu dem Motto "Geh zu ihr", werden darum morgen beziehungsweise am 7. November die Fans die Zwickauer Stadthalle ab 20 Uhr beziehungsweise die Chemnitz-Arena rocken. uhe