Ortschronist wird 90

 Diesen runden Geburtstag hat sich Siegfried Walther ganz anders vorgestellt. Rodewischs Ortschronist wurde am Samstag 90 Jahre. Die sich zuspitzende Corona-Krise engt auch sein Leben ein. Insofern musste die geplante Feier in der Gaststätte ausfallen.

Von Thomas Voigt 

Der Jubilar konnte nicht einmal seine Frau Liselotte sehen, die seit geraumer Zeit in einer Pflege-Einrichtung untergebracht ist. Aufgrund der Lage dürfen Angehörigen ihre Liebsten wegen der Ansteckungsgefahr nicht mehr besuchen. Viele Jahre hat die Rostockerin die Publikationen ihres Mannes kritisch gegengelesen. Mehrmals war der ehemalige Lehrer beim Literaturwettbewerb "Vogtlands Lieblingsbuch" nominiert. In seinen Büchern setzte sich der Rodewischer intensiv mit der Heimatgeschichte und seinem eigenen Lebensweg auseinander. Unter dem Titel "Leben in dunklen Zeiten" schrieb er über seine Kindheit und Jugend in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ungeschminkt erzählt der gelernte Gartenbaumeister wie er den Nationalsozialismus als Hitlerjunge erlebte. Die harten Zeiten im Nachkriegs-Wirrwarr prägten ihn. "Damals hab ich gedacht, ich muss verhungern." Der Lesestoff wurde zum authentischen Zeugnis jener Zeit. Dem Autor war es wichtig, der jungen Generation in etlichen Vorträgen davon zu erzählen. Der rüstige Rentner ging schon immer mit wachen Augen durch die Welt. Alles, was er rings um sich aufnimmt, wird gebündelt und reflektiert. Schon sein Vater und Großvater führten akribisch Tagebuch und Chroniken.
Schreiben und illustrieren gehören bei Siegfried Walther zusammen. In den Publikationen finden sich immer wieder Zeichnungen von den Gesichtern seiner Heimatstadt. Derzeit arbeitet der nimmermüde Rentner an einem neuen Werk. Der Titel steht fest, verriet der Verfasser. Seine Leserschaft darf sich auf "Mein verrücktes Leben in einer noch verrückteren Zeit" freuen. Der Tausendsassa ist mit etlichen Talenten gesegnet. So blies er viele Jahre bei den Wernesgrüner Blasmusikanten Posaune.
Von 1957 bis 1960 absolvierte der Rodewischer ein Pädagogik-Studium in Karl-Marx-Stadt. Später folgte noch ein Studium in der Fachrichtung Biologie. Viele Vogtländer, die heute im öffentlichen Leben stehen - darunter Rodewischs Bürgermeisterin Kerstin Schöniger - erlebten ihn als quirligen Lehrer in der Auerbacher Oberschule. Außerdem unterrichtete er an der Volkshochschule der Drei-Türme-Stadt.
Im Grundstück an der Steinbergstraße blüht in diesen Tagen eine prächtige Azalee. "Das ist wie ein Geburtstagsgeschenk", freut sich das Rodewischer Original. tv