Ordnung ist das halbe Leben?!

Zwickau/ Plauen - Trödeln - dauerndes Zeitverschwenden und zu spät kommen. Oder Trödeln und mit der Zeit eventuell wertvoll Gewordenes suchen, erstehen, verkaufen. Einmal Unart, ein anderes Mal Hobby. "Weder noch", lacht Karina Wolf. Obwohl, trödeln würde sie auch gern mal.

 

Macht sie auch, wenn sie - sel ten genug - richtig ausschläft. Über einen Trödelmarkt schlendern erübrigt sich. Sie habe genügend solchen Plunder, meint sie scherzhaft. Ihr Geld sei auch lieber in mediterrane Pflanzen wie Orleander, Zitronen oder Oliven angelegt, sagt sie, die sich auch Italien als Lebensraum vorstellen könnte. Und irgendwie hat sie auch etwas von diesem Flair an sich, die Herrscherin über etwa 150 Quadratmeter Grund- und mindestens dreimal so viel Stellfläche, gefüllt mit Tassen, Krügen, Federballschlägern, Spiegeln, Spazierstöcken, Glocken. Keiner hat je alles gezählt. Niemand kann genaue Stückzahlen nennen. Karina Wolf ist die Chefin der Requisite im Theater am Standort Zwickau.

"Ohne langes Suchen, meist kurzfristig, trotzdem pünktlich, am besten sofort, selbstverständlich voll funktionstüchtig, akkurat zum Verwechseln ähnlich, immer das Richtige finden oder basteln. So sieht mein Fundus und die Arbeit damit aus", sagt sie. Damit spielt sie mit "mein Fundus" auf die mittlerweile 31 Jahre andauernde Hass-Liebe zum Theater an. Dabei hat sie eigentlich Instandhaltungsmechanikerin gelernt, wollte schon immer zum Fernsehen, das Theater sollte nur Durchgangsstation sein.

 

Die 51-Jährige profitiert gerade wieder mal vom "damals gelernten Improvisationsvermögen. Erst gab?s das, was wir gebraucht haben, nicht zu kaufen. Heute sind?s knappe Kassen, die das Kaufen von Requisiten erschweren". Allein für den gegenwärtig anlaufenden "Orpheus in der Unterwelt" sei es inzwischen die dritte Inszenierung, die die geborene Muldestädterin als Reqisitöse (das Wort schmeichle ihr sehr) betreue. Im ersten Bild "brillieren wir mit einem echten uralten Bauchladen, im zweiten mit Sachen aus der Lamäng, im dritten mit einer extra gefertigten Bettdecke und zum Abschluss mit einem Festmahl, wovon nicht ein Stück genießbar ist, aber den Zuschauern sicher Appetit macht. Wenn dann alle Vorstellungen gespielt sind, ist plötzlich alles innerlich leer. Man weiß, es geht von vorn los. Neues Stück, neuer Stress, neue Pappmachés schnipseln, schneiden, kleben und bemalen, mit Styropor und Schaumstoff zaubern." Wie oft auch zu einer einzigen Inszenierung neu und anders geplant werden müsse hänge davon ab, inwieweit Regisseur und Bühnenbildner eine Sprache sprechen. Da gebe es Tage, da sei Requisitöse der Traumberuf. Und dann die anderen Tage...

Wenn der als Tee getarnte Whisky plötzlich nach Olivenöl schmeckt, die Bühnen-Kräuterzigarette nicht nach Kamille sondern Ringelblume. Ganz innen drin bin ich ein Streber", gibt sie zu. Ihre sonst so warmen dunklen Augen funkeln fast furchterregend, als sie noch einen drauf setzt: "Es ist 19.30 Uhr. Ich habe Dienst. Das Stück - egal welches - beginnt. Der Vorhang geht auf. Tassen, Krüge, Federballschläger, Spiegel, Spazierstöcke, Glocken, Whiskyflaschen, Kräuterzigaretten... alles fehlt. Die Requisiten sind in einer anderen Stadt. Gut, dass ich das immer nur träume!" Die Frau, die sich über Ungerechtigkeit und hinterm Rücken verbreitete Ungereimtheiten mächtig ärgern kann, träumt aber auch davon, "vielleicht im Himmel alle die noch mal zu treffen, die in meine Seele gesehen haben."  uhe