Ohsers Tod vor 75 Jahren

Wie in Plauen jedem bekannt, nahm sich Erich Ohser, der sich e. o. plauen nannte und für die Vater-und-Sohn-Bildergeschichten steht, vor 75 Jahren in der Nacht zum 6. April in einer Gefängniszelle das Leben. Was passierte in der letzten Stunde des Künstlers, der als Kind und Jugendlicher in Plauen lebte?

Von Lutz Behrens

Plauen - Viele Geschichten ranken sich um das Ende von Erich Ohser. Dass er sich im April 1944 im Gefängnis das Leben nahm, ist unbestritten und wird dokumentiert mit einem bürokratischen Vermerk, datiert vom 6. April 1944. Die Notiz ist adressiert an den Volksgerichtshof und hat als Betreff: Selbstmord eines Untersuchungsgefangenen. Unterschrieben ist mit: gez. Verwaltungsoberinspektor. 
Deutsche Gründlichkeit gibt nüchtern zu Protokoll: "Der Pressezeichner Erich Ohser, geb. 18. 03. 1903 in Untergettengrün, wurde am 4. 4. 44 für das Volksgericht Berlin 4.J. 777/44 wegen Wehrkraftzers. zur Untersuchungshaft hier eingeliefert. Heute um 6.00 Uhr fand der Nachtdienstbeamte Ohser am Fenstergitter erhängt vor. Er hatte sich aus dem Handtuch eine Schlinge gefertigt. Sofortige Wiederbelebungsversuche des Sanitäts-Beamten hatten keinen Erfolg. Bei Ohser war für den 6. 4. 44 Termin festgesetzt. Der Grund zur Tat dürfte in der zu erwartenden hohen Strafe zu suchen sein. Anklage und Abschiedsbrief beigefügt."

Das Verbrechen: 
Wehrkraftzersetzung

Die Hauptverhandlung am 6. April 1944 gegen Erich Ohser und Erich Knauf vor dem Volksgerichtshof begann nicht neun, sondern erst zehn Uhr. Präsident Roland Freisler, verantwortlich für 2600 Todesurteile, der Anfang 1945 bei einem Luftangriff zu Tode kam, begründete die Verspätung mit dem Selbstmord Ohsers, der sich damit einer Verurteilung entzogen habe. Erich Knauf wurde zum Tode verurteilt und am 2. Mai 1944 mit dem Fallbeil im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Seine Witwe hatte die Kosten der Hinrichtung zu tragen: 585,74 RM.
Das Verbrechen, dessen sich auch Erich Ohser nach damaligem Rechtsverständnis schuldig gemacht hatte, hieß: Wehrkraftzersetzung. Als Flüsterwitz kursierte: "Ick will lieba an den Endsieg glooben, als ohne Kopp rumloofen!" 
Was Zersetzung der Wehrkraft genau bedeutete und wie treffend die Berliner Schnauze das auf den Punkt brachte, wird im Urteil gegen Knauf in all seiner Erbärmlichkeit deutlich. Heißt es doch wörtlich, Knauf habe "im fünften Kriegsjahr zu Volksgenossen seiner Hausgemeinschaft fortlaufend schwerste zersetzende Reden geführt; führende Persönlichkeiten und tragende Einrichtungen unseres Reiches verächtlich gemacht, unseren Führer aufs gemeinste beschimpft, erklärt, man müsse die Waffen niederlegen und kapitulieren, ja schließlich gesagt, ein deutscher Sieg sei für uns das größte Unglück. Als Verräter, für immer ehrlos, hat er damit unter uns die Zersetzungspropaganda unserer Kriegsfeinde betrieben und vor allem unsere Kraft zu mannhafter Wehr in unserem Lebenskampf angegriffen. Dafür wird er mit dem Tode bestraft."
Aktenkundig wurden die Vorwürfe nach einer Denunziation von Hauptmann Bruno Schultz und seiner Ehefrau, die beide Ohser und Knauf am 22. Februar 1944 bei der Gestapo anschwärzten, was zur Verhaftung am 28. März, zum Prozess und schließlich zum Selbstmord Ohsers und zur Hinrichtung Knaufs führte. 

Ohsers Furcht 
vor Sippenhaft

In den Erinnerungen von Hermann Henselmann, ein bekannter Architekt in der DDR, erschienen 1981 im Henschelverlag unter dem Titel "Drei Reisen nach Berlin", liest sich die Geschichte um den Tod Ohsers so. Ohser habe Henselmann, mit dem er befreundet war, zu Beginn des Jahres 1944 angerufen und um ein Treffen gebeten. Er vertraute ihm an, er sei bei der Gestapo verraten worden mit all den Äußerungen gegen den Krieg, gegen den Führer und über die Aussichtslosigkeit des Krieges, die er im Luftschutzkeller getan habe. Ohser sei ratlos gewesen und habe ihn, Henselmann, um Hilfe gebeten. Dessen Rat: sofortige Flucht. Aber Ohser entgegnete: "Das bedeutet Sippenhaft für Marigard (Ohsers Frau) und meinen Sohn." Henselmann fährt fort: "Als wir uns trennten, weinte er." Und er kommentiert, dass dieser Abschied "zu den Gespenstern meiner Vergangenheit" gehöre. Henselmann schreibt weiter: "Wenig später war Ohser tot." Und zu den Details des Selbstmords von Erich Ohser glaubt er zu wissen: "Vor dem Prozess hatte er mit einer Glasscherbe des Fensters seiner Zelle im Berliner Gefängnis seine Pulsadern aufgeritzt." Diese Version wird an keiner anderen Stelle bestätigt und war wohl ein Gerücht.

"Ein Elefant, der 
Seiltanzen konnte"

Dann gibt es noch eine höchst unwahrscheinliche Variante des Selbstmords von Erich Ohser und die findet sich im "Trinkermanuskript" von Hans Fallada. Der Schriftsteller hatte den Zeichner kennen gelernt, als dieser eine Porträtkarikatur von ihm anfertigte und im Mai 1943 vier Tage bei Fallada in Carwitz wohnte. Als Fallada im September 1944 in die Landesanstalt Neustrelitz-Strelitz eingewiesen wurde, entstand dort der Text des Trinkermanuskripts, in dem er seine schlimmsten Erfahrungen in der Nazizeit aufschreibt, so auch seine Sicht auf das Ende von Erich Ohser. Er charakterisiert ihn als ewig lachendes Kind, als "Elefant, der Seiltanzen konnte", wusste aber auch, dass um Ohser etwas "Leises, Umschattetes" sei, eine "Trauer aus einem tiefsten Grunde". Dann schreibt Fallada von einem Besuch in Berlin, wo ihm ein Freund erzählt habe: "Plauen hat sich erschossen." Er sei denunziert wurden und im Gefängnis gelandet. Dort habe man ihm dann "einen Revolver auf die Zelle gelegt" und es ihm überlassen, das Urteil vorwegzunehmen. 
Es bleibt, dass sich vor 75 Jahren der gerade 41 Jahre alt gewordene Erich Ohser, der sich den Künstlernamen e. o. plauen gegeben hatte, den Freitod wählte, um seinem Todesurteil vor dem Volksgerichtshof zuvorzukommen.