Oelsnitzer Kreisarchiv gewährt Einblicke

Das älteste Dokument im Archiv des Vogtlandkreises auf Schloss Voigtsberg ist das "Erbbuch der Stadt Oelsnitz" von 1526 bis 1574. Wasserflecken haben ein eigenwilliges Muster auf seine Seiten gezeichnet. Das Papier verzeiht einiges. Es entstammt solider Handarbeit. Der brüchige Einband spricht von Zeiten, in denen mit dem Werk, das man als eine Art Grundbuch bezeichnen kann, achtlos umgegangen wurde. Es speichert Flurnamen, Personen und damals ausgeübte Berufe, gibt Auskunft, wer Steuern zahlen musste und wie viel.

Zum 6. Tag der Archive am Samstag präsentierte Kreisarchivarin Sigrun Unger das wertvolle Dokument als Höhepunkt ihrer Führung durch die Magazinräume, die sonst den Besuchern nicht zugänglich sind. Unter klimatisch optimalen Bedingungen verschlossen in einem säurefreien Karton ruht der Band heute im Regal.

Das Ende des 2. Weltkriegs hat das Erbbuch nur mit viel Glück überdauert. Die Ausstellung im Foyer des Kreisarchivs erzählt, warum. Im Februar 1945 - als die Stadt einen Bombenangriff der Alliierten fürchtete - lagerten Bürgermeister Otto Risse und Stadtarchiv-Verwalter Bruno Neydel "12 Stück Akten" aus dem Ratsarchiv in den Keller des Stadthauses aus. Die "drei allerwichtigsten" Akten jedoch kamen in den Tresor der Stadtbank - eine davon war das Erbbuch. Darüber berichtet Neydel in einer schriftlichen Aufzeichnung vom 15. Juli 1947. Im Juli 1945 besetzte die Sowjetarmee Oelsnitz.

Die Akten fielen "auf Anweisung der russischen Militärbehörde" einer brutalen Räumungsaktion zum Opfer. "In Sachen Stadtarchiv" vermerkt der Chronikschreiber: "Die Akten wurden wie Holz und Kohle auf einen Wagen geworfen und nach den unfertigen, leer stehenden Häusern am Milchhof gebracht. Ein großer Teil wurde dort gleich im Freien verbrannt, der andere Teil in die Hausräume geworfen."

Neydel erfährt von diesen Vorgängen erst im Nachhinein. Er ist empört. Unersetzliche Akten verschwinden damals vom Rittergut Raschau, von der Ostenschen Waisenhausstiftung, vom Marienstift, von Burggut und Schloss Voigtsberg. Doch "zur großen Freude" des Archiv-Verwalters wird das Erbbuch wiedergefunden. Verloren sind jedoch die beiden anderen "allerwichtigsten" Akten - der Bericht des Amtsschössers Johann Flessa an den Kurfürsten von Sachsen über den feindlichen Einfall von General Holk im 30-jährigen Krieg sowie ein Einwohnerverzeichnis von 1619 bis 1632 - einmalige Quellen der Geschichtsforschung.

Großes Interesse findet das Erbbuch und seine Geschichte. Frau Unger streift sich Handschuhe über, bevor sie die Seiten für die Besucher umblättert. Über einen Zeitraum von fast 50 Jahren haben drei Schreiber das Erbbuch "nicht immer gut geführt". Die alte deutsche Schrift ist nur noch für wenige Menschen lesbar. Das Archivars-Ehepaar Sigrun und Peter Unger sowie der Oelsnitzer Thomas Lehninger transkripieren ehrenamtlich das Werk in eine heute lesbare und wissenschaftlich zuverlässige Form, um es für die Forschung zugänglich zu machen. Das ehemalige Heimatwerk Oelsnitz hatte Ende 2007 bei der Auflösung seines Vermögens 4000 Euro zweckgebunden an die Einrichtung gespendet. Damit soll das Erbbuch der Stadt Oelsnitz eines Tages gedruckt werden.