"Oberbürgermeister war mein Traumjob"

Drei Amtsperioden leitete Ralf Oberdorfer die Geschicke der Stadt als Oberbürgermeister. Seit seiner Erstwahl im Jahr 2000 sind 21 Jahre vergangen und Oberdorfer wird zur nächsten Wahl am 13. Juni nicht mehr kandidieren. Im Gespräch mit Torsten Piontkowski blickt er nicht nur in die Vergangenheit.

Herr Oberdorfer, was haben Sie an Ihrem ersten Amtstag im September 2000 getan?
Ich habe meinen engeren Mitarbeitern das Vertrauen ausgesprochen und im Gegenzug ihre Loyalität eingefordert. Einige Mitarbeiter stehen mir aus diesem "Anfangskreis" noch heute zur Seite: die Leiterin der Pressestelle Silvia Weck, mein Büroleiter Roland Brückner, meine Sekretärin, Kerstin Teichert.

Was würden Sie als die größte Herausforderung Ihrer Amtszeit sehen?
Zu Beginn war die Verwaltung viel zu groß. Wir mussten für einen geordneten Personalabbau sorgen und dafür die Akzeptanz bei den Mitarbeitern schaffen. Das haben wir über mehrere Jahre hinweg sozialverträglich geschafft. Und dann gab es immer den Spagat zwischen sparen, um sich was leisten zu können und Schuldenabbau. Sicher war auch die Privatisierung des städtischen Klinikums zum heutigen Helios Vogtland-Klinikum eine Herausforderung.

Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?
Dass wir in Plauen eine vernünftige Bildungsstruktur hinbekommen haben, angefangen über die Grund- über die Oberschulen bis zu den Gymnasien, vor allem aber mit der BA Möglichkeiten der höheren Bildung geschaffen haben.

Apropos Berufsakademie. Halten Sie die angestrebte Zahl von 1000 Studenten auf dem Amtsberg für realistisch?
Ich würde es mir wünschen. Andererseits würde eine solche Zahl auf Kosten anderer Standorte gehen und ein solcher Weg ist in Sachsen derzeit nicht ersichtlich. Mit einem Fingerschnipsen lässt sich da nichts festlegen. Eine Berufsakademie "lebt" von einer bedarfsgerechten Ausbildung. Unternehmen schließen mit den Studierenden Verträge ab, und da ist der Bedarf in der Region relativ begrenzt. Fest steht aber, dass BA-Direktor Prof. Lutz Neumann mit dem Angebot neuer Studiengänge eine Superarbeit macht, um die Plauener BA zu stärken. Aber auch auf diesem Wege sind keine 1000 Studenten zu gewinnen.

Im letzten Wahlkampf wurden Sie von Ihrem Herausforderer als der "nette Ralf" bezeichnet...
Wenn mich die Leute bei allen Entscheidungen, die auch mal ein "Nein" bedeuten können, als freundlich empfinden, nehme ich das gern in Anspruch. Bei allem Streit um die besten Lösungen darf man nie den Anstand verlieren.

Angesichts der zahlreichen Baumaßnahmen wurde Ihnen auch der Titel "Bob der Baumeister" verliehen, verbunden mit der Kritik, Ihr Hauptaugenmerk auf das Baugeschehen zu lenken...
Das ist doch ein Zeichen, dass vieles realisiert wurde. Vieles wurde geplant, während parallel andere Projekte verwirklicht wurden. Vor allem aber: Wir konnten nur deshalb viele Programme abrufen, weil wir konsequent und verlässlich Eigenmittel erwirtschafteten.

Was ging in den letzten Jahren in Plauen gründlich schief?
Viele unserer heutigen Probleme resultieren aus dem Verlust der Kreisfreiheit, dem Verlust der Selbständigkeit. Viele eigene Entscheidungen haben sich zu Abhängigkeiten verschlechtert. Die ausreichende Finanzierung des ÖPNV und des Theaters ist bis heute teilweise ungelöst.

Unter welchen Umständen könnte es für bestimmte Bereiche in Plauen ans "Eingemachte" gehen?
Ich halte es für ausgeschlossen, dass beispielsweise Straßenbahn oder Theater zur Disposition stehen. Auch im sozialen, kulturellen und sportlichen Bereich dürfen wir die jetzigen Strukturen nicht in Frage stellen. Das kann gelingen mit mehr Verständnis. Jeder Vogtländer, der nicht in Plauen lebt, ist in seine Region verliebt. Aber das Theater, das Stadtbad, die große Sporthalle und vieles mehr sind nun mal für alle Vogtländer geöffnet.

Sie sprachen von gegenseitigem Verständnis. Wie beschreiben Sie Ihr Verhältnis zum Landrat?
Menschlich sehr nah. Wir unterhalten uns offen über alle Themen - das es da auch unterschiedliche Meinungen gibt, liegt in der Sache an sich. Dem Landrat obliegt die Verantwortung für 37 Gemeinden, alle kleiner als Plauen. Es geht um die Balance der Gleichberechtigung zwischen der einen großen und den vielen kleinen Kommunen. Und nicht alle verstehen, weshalb ein Bus eine Kommune zwei mal täglich anfährt, die Plauener Straßenbahn aber alle zwölf Minuten verkehrt. Dafür braucht es den Dialog mit den Bürgern. Mein Credo ist, dass man ein öffentliches Amt auch öffentlich führen muss. Schweigend regieren geht nicht.

Sollten Sie noch mal in Oberlosa vorbeischauen - was würden Sie den Bürgern dort sagen?
Ja, da gab es Irritationen, bis hin zur Klage der Oberlosaer. Aber ich weiß auch, dass die Maßstäbe an Industriebauten heutzutage dermaßen hoch sind, dass niemand Angst haben muss, dass sich seine Lebensverhältnisse verschlechtern. Ich bitte die Oberlosaer da auch um ein Stück mehr Objektivität.

Gibt es eigentlich Fortschritte hinsichtlich der Sicherung des MAN-Standortes?
Ich hatte am Montag eine Videoschalte mit Ministerpräsident Michael Kretschmer und Martin Dulig. Ich habe die Auffassung vertreten, dass der Mutterkonzern VW in die Pflicht genommen werden sollte, wenn MAN aufgrund seiner Verluste nicht mehr kann oder will. Absolut unakzeptabel wäre für mich eine leere Industriehülle, die aus der Schließung des Werkes resultiert. Ich habe selbst an Verantwortliche von MAN und VW geschrieben, weiß aber um meine Begrenztheit als OB. Für das Gespräch am Montag wurde übrigens Vertraulichkeit vereinbart - (eine Anfrage unserer Zeitung im sächsischen Wirtschaftsministerium bestätigte dies. Nähere Informationen wurden nicht gegeben.)

Sehen Sie sich in Dresden generell als gut vernetzt?
Ich hatte all die Jahre die Akzeptanz der Minister unterschiedlicher Parteien und habe zu keiner - wirklich zu keiner - Zeit Gespräche am Parteibuch festgemacht.

Ist Plauen eine "braune" Stadt?
Das glaube ich nicht, die Bevölkerung ordnet sich da eher im sächsischen Durchschnitt ein.

Der Ton nicht nur in den sozialen Medien, auch in den Ausschüssen und im Stadtrat ist rauer geworden...
Den Eindruck teile ich. Durch personellen Wechsel in den einzelnen Fraktionen hat sich wohl auch ein anderes Verständnis von Streitkultur entwickelt.

Welche teils monatelangen Diskussionen im Stadtrat empfanden Sie als besonders nervig?
Die Debatte über das Informations- und Dokumentationszentrum, da habe ich manches nicht nachvollziehen können. Die Verwaltung wurde beauftragt, einen umfangreichen Vergleich beider Standorte vorzulegen und dann haben die Wortführer im Stadtrat die Argumente nicht akzeptiert. Da war viel Rechthaberei im Spiel.

Sie sagten im Sommer bezüglich Ihrer Nachfolge "...wenn sich ein geeigneter Bewerber findet". Im Nachhinein ein falscher Zungenschlag?
Am 1. September, als ich diese Bemerkung machte, war kein einziger Bewerber nominiert, die Kandidatenliste war ein leeres Blatt.

Präferieren Sie eher einen Nachfolger von "innen" oder außerhalb des Rathauses?
Dazu möchte ich nichts sagen. Nur so viel: Steffen Zenner ist seit sechs Jahren mein Stellvertreter. Damit ist er qualifiziert, der muss das können.

Hätten Sie gern noch in einem komplett sanierten Rathaus agiert?
Die Sanierung läuft ja schon mehrere Jahre und das allermeiste ist geschafft. Jetzt fehlt nur noch die Symbolik, wenn die Gerüste fallen. Aber die Rathaussanierung war mir nie das Wichtigste, wir haben immer nur das Notwendige gemacht. Also ganz so wichtig ist mir ein Arbeitstag in neuer Umgebung nun auch wieder nicht.

Was muss in Plauen in den nächsten sieben Jahren dringend angegangen werden?
Es müssen Flächen für Gewerbe und Industrie, vor allem in Autobahnnähe, gekauft und entwickelt werden. Ich formuliere bewusst "Autobahnnähe", weil sich die Oberlosaer meist gleich angegriffen fühlen. Generell geht es darum, die soziale, kulturelle und sportliche Infrastruktur auszubauen.

Wie haben Sie die letzten Monate, also die Corona-Pandemie, erlebt?
Wir Menschen denken, wir könnten die Natur beherrschen und müssen nun feststellen, dass wir es nicht können. Wir bilden uns ein, mit stringenten Maßnahmen alles in den Griff zu bekommen.

Lassen Sie sich impfen?
Ja. Ich glaube an die Technik, den Fortschritt, die Medizin. Ich bin kein Nihilist.

Braucht das Vogtland ein zweites Impfzentrum in Plauen?
Es wäre klug gewesen, das Impfzentrum in Plauen zu errichten - wo sich alle Verkehrswege kreuzen. Wir hatten das Behördenzentrum und auch die Festhalle ins Gespräch gebracht. Meines Wissens hat aber das DRK die Auswahl getroffen und die ist mit dem Standort Eich unglücklich. Sachsens Sozialministerin Petra Köpping zeigt sich aber offen für ein zweites Zentrum in Plauen, wenn mehr Menschen als bisher geimpft werden können.

Was werden Sie ab September vermissen?
Mit langem Atem kreative Ideen umsetzen kann man im Privaten eher weniger. OB war mein Traumjob, obwohl das reine Verwalten nie so meine Sache war.

Wird man Sie künftig bei Stadtratssitzungen im Gästebereich sehen können?
Nein. Aber wenn ich zu Höhepunkten im Leben der Stadt eingeladen würde, käme ich bestimmt.

(Herzlichen Dank für das Gespräch und für den neuen Lebensabschnitt wünschen wir Ihnen Alles Gute)