Noch 9000 Euro bis zur Therapie

Jeannine Karing darf man mittlerweile als eine Persönlichkeit im Stadtbild bezeichnen. Die unter einer seltenen Krankheit leidende Plauenerin sitzt im Rollstuhl - nicht selten mit Info-Schildern vor der Brust und sammelt Geld für ihre Gesundheit, um eine teure Therapie zu finanzieren.

Von Frank Blenz

Plauen  Kurz vor Heiligabend. "Ich bin traurig, ich habe heute gerade mal einen Euro zusammen bekommen." Jeannine Karing sitzt kurz vor Weihnachten mit enttäuschter Miene im Regen, mit Plastikmaske, im Rollstuhl auf dem Klostermarkt. Derweil bietet die Verkäuferin am Bäckerstand vorm Fastfood-Restaurant Stollen und Plätzchen zum halben Preis an. Alles muss raus. Der Tannenbaum blinkt, der Platz ist leer und wirkt einsam.
Jeannine Karing sortiert ihre laminierten Schilder, auf denen ihre Geschichte und Informationen für Spendenwillige stehen: "Spina bifida", das bedeutet so viel wie "Offene Wirbelsäule". Der Wunsch nach einer Langzeittherapie ist ebenfalls zu lesen. Was sie antreibt ist die Tatsache, dass alle drei, vier Jahre eine mehrwöchige Therapie von der Krankenkasse bezahlt wird. "Ich brauche aber eine Langzeit-Reha, drei Monate. Die kostet 18.000 Euro. Das wird nicht bezahlt", erzählt Jeannine Karing. Und deshalb sammelt sie. Auf der Straße und seit diesem Jahr mit einem Spendenkonto über die Internetpräsenz www.spendenseite.de. Die Plauenerin wirkt nach einem kurzen Hänger schon wieder kämpferisch. Mit dem Traurigsein, das sei so eine Sache, denn sie habe ein dickes Fell, verrät Jeannine Karing. Solche Tage, an denen wenig Geld in die Spendenkasse komme, die gehörten halt einfach dazu, stellt sie ebenso trotzig wie stolz fest. Die kleine metallene Kassette hat die 47-Jährige auf der linken Lehne des elektrischen Rollstuhls festgezurrt. Nach und nach kommen darin die Euros hinein, die ihre tragische Situation ändern helfen sollen. Ziel: 18.000 Euro. 9.000 hat sie inzwischen. "Drei Monate. Ich brauche diese Zeit. Diese Reha. Die schlägt viel besser an, ich will wieder laufen können. Lange Strecken. Richtig." Derzeit schafft sie an die 300 Meter. Jeannine Karing ist 47 Jahre und in Plauen geboren. Eine offene Wirbelsäule wurde bei der Geburt festgestellt. "Die wurde durch eine OP geschlossen", erzählt Jeannine. Die Krankheit klingt geheimnisvoll: Spina bifida.
Auf einen ganz normalen Lebensweg konnte sie sich nicht begeben. "Ich bin in eine Förderschule gekommen, ich habe einen Platz in der Behindertenwerkstatt in der Hofwiesenstraße. Ich arbeite in der Keramikabteilung. Und ich lebe bei meinen Eltern, die sich sehr um mich kümmern. Einen Beruf habe ich nicht erlernen können. Gern hätte ich etwas mit Kindern gemacht oder mit Tieren." Sie zeigt ein Foto von ihrem kleinen Hund. Und sie verrät: Ihre große Leidenschaft ist die Musik. Jeannine spielt Keyboard und singt und war lange Zeit Mitglied der inzwischen nicht mehr spielenden Band Spukteufel. Deutschsprachiger Pop und Rock sind ihr Metier, alle Lieder von Matthias Reim kann sie auswendig.
"Um Geld, nicht um die Gesundheit dreht sich alles", stellt Jeannine Karing kurz und knapp fest. Also hat sie sich für das neue Jahr trotz aller Widrigkeiten, der Pandemie, der Anfeindungen gegen sie, viel vorgenommen. "Ich will weiter mit meinem Rolli Geld sammeln und auf mich aufmerksam machen. Manchmal gibt es auch richtig gut Geld. Die Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas hat mir 350 Euro gegeben, Bürgermeister Steffen Zenner will mich ebenfalls unterstützen", verrät Jeannine, während sie ihre Schilder zurechtrückt, während sie ihren Rolli zum Eingang der Stadt Galerie lenkt. Aber nicht anhält. "Dort und an anderen Märkten bin ich schon weg geschickt worden Es gibt Leute, die mich beschimpfen, ich würde betteln und ob ich nicht anderes zu tun habe." Jeannine Karing rückt ihre Plastikmaske zurecht. In der Innenstadt herrscht Maskenpflicht. "Ja nicht krank werden", flüstert sie, die Gesundheit sei das wichtigste. Auf die Frage, warum für ihre Gesundheit nicht der gleiche Aufwand betrieben werde, reagiert sie mit Achselzucken. Sie stellt den Rolli an, fährt weiter für ihr Ziel: die nächsten 9000 Euro. Und verrät einen Wunsch: Wenn ich die Therapie erfolgreich hinter mir habe, möchte ich meinen beiden besten Freunden entgegen laufen können."