Nicht jeder darf hinters Steuer

Fahrstunden nehmen dürfen seit dieser Woche nur Fahrschüler, die den Schein beruflich brauchen. Alle anderen können erst ab Montag wieder richtig Gas geben. Eine wie Kaugummi dehnbare Verordnung sorgt für Unsicherheit bei Fahrlehrern und Unmut bei deren Schülern.

Von Cornelia Henze

 Felix hat die Theorieprüfung seit Sommer 2020 in der Tasche. Und eigentlich hätte er mit 17 schon den Führerschein haben können, wenn im November nicht der Lockdown und damit der Stillstand für Fahrschul-Autos gekommen wäre. Nach neun Stunden Fahrpraxis war Schluss. Jetzt fragt sich der Abiturient: "Krieg ich die Flebben noch bis zum Studium?"
Ist der nahende Studien- oder Ausbildungsbeginn in einer anderen, weiter entfernten Stadt ein Grund, um schon diese Woche, bevorzugt vor anderen Fahrschülern, aus "beruflicher Erfordernis" aufs Gas drücken zu können? Eindeutige Antworten gibt es nicht.
"Schreib einfach mal eine Begründung auf. Wir heften das ab", heißt es großzügig in einer Fahrschule im Vogtland. Papier ist geduldig. Bei der Fahrschule von Uwe Schubert in Plauen erfüllen nur 6 von 70 Fahrschülern eine "berufliche Erfordernis". Das seien zum Beispiel Azubis und Beschäftigte im Rettungsdienst, der Pflegebranche, Polizei oder Logistik. Wer ab 1. September eine Lehre beginnt und schon weiß, bei wem, muss vom künftigen Arbeitgeber eine schriftliche Begründung vorlegen. Erst dann darf der Fahrschüler wieder hinters Steuer. Wer darf und wann und mit welchem Test, der wie lange gilt? "Es gibt Bundes-, Landes- und Landkreis-Verordnungen. Und alle sagen etwas anderes. Wir sind verwirrt und können nur abwarten", sagt Ramona Schubert. "Alles widersprüchliche Aussagen", sagt auch Silvia Oehm von gleichnamiger Fahrschule aus Rodewisch. Zum Beispiel 15-Jährige, die ihren Moped-Schein (AM) machen wollen, sind derzeit ganz ausgebremst.
Wirklich weiterhelfen kann auch nicht Andreas Grünewald vom sächsischen Fahrlehrerverband im Gesetzes-Dschungel. "Es gibt keine genaue Spezifikation, welche Branchen oder Berufsgruppen die ,berufliche Erfordernis‘ betrifft oder ausnimmt. Deshalb liegt es in jedem Fall dem Antragststeller, dies rechtssicher nachzuweisen." Grünewald verweist auf den 8. März, hoffend, dass die geschaffene Grauzone verschwindet. Aber es gibt neue Hürden - wie die Testpflicht des Fahrschülers oder der gestoppte Theorieunterricht.
Fahrlehrer Uwe Schubert packt zugunsten seiner Schüler mehrere Fahrstunden in 48 Stunden - denn genau zwei Tage gilt nur ein Corona-Test. Und diesen Zeitrahmen gilt es auszuschöpfen, um nicht noch mehr Kunden zu verärgern. Ramona Schubert berichtet von permanenten Anrufen und Nachfragen ihrer Fahrschüler, von der letzten Theoriestunde im November und den sich stauenden Fahrschülern, die irgendwo mitten in der Fahrschule feststecken. Zumindest bei der Theorie konnte die Fahrschule Oehm den Stau auflösen. Seit Januar bietet sie Online-Unterricht an. "Die Videokonferenzen sind eine schöne Sache. Junge Leute stehen drauf", sagt Silvia Oehm und erwähnt, dass viele Kollegen und auch der Verband die digitalen Möglichkeiten noch scheuten. Warum?
"Ein klares Nein zu elektronischem Lernen", gibt Verbandschef Grünewald. Denn das schaffe nur Fakten-, kein Anwendungswissen. Fahranfänger müssen das soziale Happening im Straßenverkehr, komplexe Zusammenhänge, wie sie in Verkehrssituationen auftreten, lernen - das könne ein elektronisches Programm nicht vermitteln.
Die Frage nach der Theorieausbildung ist nicht die einzige, die Fahrschulen plagt. Die ersten Kollegen teilten mit, dass sie in der Pandemie Schwierigkeiten mit dem Status der Selbstständigkeit haben. Auch sei eine Überalterung des Berufsstandes erkennbar. Und die Hilfen für Soloselbstständige bleiben aus.
Finanziell eng wird‘s auch bei Ehepaar Schubert. Wenn Autos, Motorräder und Mopeds nicht bald rollen, werde man die Fahrschule zusperren müssen. Nach 24 Jahren Eigenständigkeit. "Mein Mann hätte noch sechs Jahre bis zur Rente."