Neue Töne

Ansichtssache

Von Wilfried Hub

Unglaublich aber wahr: Es scheint sich tatsächlich etwas zu ändern in der Politik. Zu beobachten bei den Besuchen prominenter Politiker in der Region zum Jahreswechsel. Es war ja auch der Start ins Superwahljahr 2019. Am 26. Mai stehen die Europa- und Kommunalwahlen an und am 1. September wird in Sachsen ein neuer Landtag gewählt. Diese Wahlkampf-Auftritte, die sie ohne Zweifel natürlich waren, auch wenn sie Neujahrs-Empfang hießen, waren meiner Ansicht nach aber angenehm anders als früher.
 Gewiss, die vielen Wahlschlappen lassen den etablierten Parteien gar keine andere Wahl als neue Wege zu gehen. Aber wir wissen von uns selbst, wie schwer es ist, sich zu ändern. Das ist bei Politikern nicht anders. Der Satz "wir haben verstanden" ging allen leicht über die Lippen. Aber geändert hatte sich lange nichts. Endlich scheint der Leidensdruck so groß, dass sich beim Umgang mit den Bürgern etwas tut. Es geht um Machterhalt. Aber es scheint auch so, dass eine neue Generation Politiker heranwächst, die ein anderes Rollenverständnis hat. Die jungen Politiker sehen sich nicht allein als Herrscher übers Volk, die auch mal draufhauen, sie wollen auch Partner der Leute sein.
 Es waren nicht mehr die allwissenden Politiker, die auftraten, um uns die Welt zu erklären. Es ging auch nicht allein darum kundzutun, was in der Vergangenheit an Gutem für die Bürger getan wurde, die Versprechungen waren nicht so übertrieben. Da standen Politiker, die demütig auch Fehler zugaben, die realistisch einschätzten, was gehen kann und was nicht. Sogar die wertkonservative CDU, der man das vielleicht am wenigstens zugetraut hätte, präsentierte sich anders. Es war keine Kundgebung, sondern ein abwechslungsreiches Event, bei dem Kinder, Ehrenämtler und Musiker auftraten.
 Ministerpräsident Michael Kretschmer, Ehrengast beim Empfang der Vogtland-CDU, gab sich wohltuend anders als seine Vorgänger Biedenkopf, Milbradt und Tillich. Okay, freundlich waren die auch, aber ob sie ernsthaft am Dialog mit den Bürgern interessiert waren... Kretschmer redet mit den Leuten. Seit einem Jahr ist er im Amt. Ich weiß gar nicht, wie oft er seitdem schon hier war. Sehr oft. Er ackert wie ein Pferd, ist überall im Freistaat unterwegs. Und was im Vogtland besonders gefällt: Er spricht vom ländlichen Raum, den er stärken will. Ich weiß auch nicht, warum ich das Tillich, der auch gerne davon sprach, nie geglaubt habe. Kretschmer nehme ich das ab. Er scheint es ernst zu meinen. Hoffen wir, dass die Leuchtturmpolitik endlich Geschichte ist.
 Dass die Grünen seit jeher einen anderen Wahlkampf machen, wissen wir. Der Erfolg der Partei kommt auch nicht von ungefähr. Ihnen traut man zu, dass sie näher an den Themen sind, die die Bürger bewegen: Klima, Bildung, soziale Sicherheit. Der Auftritt von Robert Habeck, dem Vorsitzenden der Grünen, am Montag in Plauen war für viele Anwesende ein Erlebnis. Dank an den Landtagskandidaten der Grünen, Gerhard Liebscher, dem es gelang, den beliebten Politiker nach Plauen zu holen. Habeck diskutierte mit den Leuten auf Augenhöhe und sprach mehr über die Fehler seiner Partei und seine eigenen als über vergangene Erfolge. Das macht glaubwürdig. Genau das ist wichtig. Es ist die verlorengegangene Glaubwürdigkeit, die zur Politikverdrossenheit führte. Dass den Volksparteien keiner mehr glaubt, treibt die Wähler fatalerweise zu den Parteien am linken und rechten Rand.
 Beim Neujahrsempfang der CSU in Hof war am vergangenen Samstag Manfred Weber zu Gast, der Spitzenkandidat der EVP für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten. Der künftige Mister Europa, schlug in seiner Rede sehr moderate Töne an - auch bei den Themen Ausländer und Flüchtlinge. Auch er gehört offensichtlich zur dieser neuen Politikergeneration und ist kein Scharfmacher wie etwa sein Parteifreund Horst Seehofer. Das lässt auf ein Umdenken auch bei der CSU hoffen.
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