"Nett so laut" bitte "Nett so selten"!

"Nett so laut". Das lässt sich als Bitte ausdrücken, als unmissverständliche Aufforderung, als Stoßseufzer - oder als Einladung, sich eine knappe Stunde der Musik hinzugeben, die ein Duo gleichen Namens jetzt auf CD gepresst hat.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Normalerweise wirft man eine CD ein und lässt sich überraschen. Da es sich bei Jörg Simmat und Frank Blenz aber um zwei Männer handelt, die sehr wohl mit der deutschen Sprache umzugehen wissen, habe ich den umgekehrten Weg gewählt und erst mal die Texte gelesen. Und war einigermaßen hilflos. Wie würde es klingen, wenn der Schauspieler, Stadtführer und was weiß ich nicht noch alles, also dieser Jörg Simmat, über die Zubereitung einer Mahlzeit singt, begleitet vom Ex-Koch, Mitarbeiter unserer Zeitung und Musiker, also diesem Frank Blenz auf der Gitarre? Was würde mich erwarten, wenn sie das Heimatlied anstimmen, naheliegenderweise im strammen Dialekt der Gegend?
Ich hatte mir die CD auf der Fahrt zum Supermarkt eingeworfen, einigermaßen überzeugt, sie nach dem Einkauf weiter zu hören, oder auch nicht. Und dann stand ich auf dem Parkplatz und hörte mir die restlichen sieben Titel von insgesamt elf auch noch an - vor dem Einkauf. Das gute Gefühl bekam ich quasi nebenbei, denn in dem Titel "Wie geh'n wir durch's Leben" ist die Rede von Menschen, die eben nicht durchs Leben gehen, sondern hasten. Und für diesen Moment gehörte ich nicht zu denen. Im Begrüßungslied wird deutlich, was die beiden mit uns vorhaben. Es geht um die Vermittlung von Stressverminderungsideen. Der Trick dabei: Man sollte sich die eine oder andere Liedzeile merken, um sie bei Bedarf abrufen zu können, wenn gerade keiner in der Nähe ist mit Stressverminderungsideen. Ziemlich zu Beginn stellen sie die Frage "Haben Sie heute schon getanzt?" Nee, natürlich nicht. Und auch auf die sich anschließende Frage "War Ihr Handy heut‘ schon mal aus?" hat man die gleiche Antwort parat. Allerdings ein wenig nachdenklicher. Eigentlich hat es jeder Song verdient, ihn mit einem Satz zu würdigen. Auch der, bei dem es um Knoblauchbrot, gewetzte Messer und Medaillons in der Pfanne geht. Und jener, der im Dialekt daherkommt. Was soll's, BAP sind mit ihrem Kölsch ja auch recht bekannt geworden. Die Stimme von Simmat macht aus jeder noch so banalen Alltagsgeschichte etwas ganz Besonderes und Blenz, der sämtliche Songs komponiert hat, entlockt seiner Gitarre jenes Maß an Tönen, die in Abwandlung des Bandnamens heißen könnte "Nett zu viel, nett zu wenig". Einige Lieder besitzen diesen Hauch Pariser Charme ohne abzukupfern, andere erinnern an einen der besten DDR-Schlagersänger Jürgen Walter, der eigentlich Chansonnier war. Mit dem "Abschiedslied und bonus" ist Schluss, der Blick richtet sich wieder auf die Einkaufswagen vorm Supermarkt. Eigentlich die unpassendste Location, die CD zu hören weshalb man sich vornimmt, die Scheibe nochmal anzuhören. Und genau das ist schließlich auch das musikalische Schlusswort des Duos. Übrigens gibt es jetzt noch einen Grund mehr, dem Malzhaus die Treue zu halten - dort nämlich ist die Scheibe erhältlich.