"Neideiteln" im Beiwagen zur Fete

Das war ja dann mal, was man einen standesgemäßen Auftritt nennt. Im Beiwagen von Henry Leonhardts "Boss Hoss" rollte Ruth Müller-Landauer zu ihrer eigenen großen Geburtstagsfete in der Aula am Lessing-Gymnasium an. Sichtlich begeistert entstieg sie - elegant wie eh und je - dem bulligen Gefährt.

Von Ingo Eckardt

Plauen - Seit fünf Tagen ist Ruth Müller-Landauer nun neunzig Jahre alt, aber dennoch fit wie ein Turnschuh. Die "Neideiteln" war selbst einst passionierte Motorradfahrerin. "Aber nach meinem zweiten Unfall hat mein Mann mir das dann verboten", feixt sie, noch immer ganz begeistert von der Fahrt im legendären Motorrad, das sie von zu Hause mit satten 355 PS ins Preißelpöhl gebracht hatte. "Vor zehn Jahren habe ich mir dieses legendäre Motorrad gekauft, in zweieinhalbtausend Arbeitsstunden ist die Maschine zu einem echten Schmuckstück geworden", freut sich Fahrer Henry Leonhardt, der seiner Beifahrerin - ganz Gentleman samt einer vogtländischen "Hitsch" - aus dem Seitenwagen half. "War des fei schee", freute sich die Jubilarin, die gleich darauf mit stehenden Ovationen zu Hildegard Knefs "Für mich soll‘s rote Rosen regnen" in der Aula des Lessing-Gymnasiums empfangen wurde. Knapp zweihundert Gratulanten mögen es gewesen sein, die der "Neideiteln" die Ehre erwiesen. 
Lea und Silvia führten durch ein buntes Programm mit insgesamt zwanzig Bestandteilen - angefangen von der Tanzvorführung der Kleinen "Die Katzen von Herrn Olssons Dach", über die offizielle Gratulation der Stadt Plauen, vorgenommen von Kulturbürgermeister Steffen Zenner, der die Jubilarin als Markenbotschafter der Stadt Plauen und aktive Dame, die mitten im Leben steht, bezeichnete. Dann wurde wieder getanzt - ehemalige Tanzschülerinnen präsentierten ein Menuett, bevor die Söhne der Jubilarin, die beiden "Landluper"-Musiker Uli und Rainer ein Ständchen brachten. Es folgten verschiedene Tänze und als die beiden Müller-Jungs erneut Akkordeon und Gitarre in die Hand nahmen, um ein vogtländisches Potpurri zu spielen, griff sich Enkeltochter Johanna - stylisch in Vogtlandtracht - ihre Oma Ruth und tanzte an der Bühne entlang. Spontan taten es den beiden viele der Gäste gleich.
Die junge Dame war es dann auch, die den nächsten ganz großen Auftritt hatte. "Immer wenn einer unserer volkstümlichen Auftritte war, hab ich dieses Gedicht vorgetragen", erzählte sie und rezitierte die Geschichte von den "Griegenifften", bevor sie ihrer Oma den Spruch des Tages mit auf den Weg gab: "Tanzen ist eine Naturgewalt, wer tanzt wird hundert Jahre alt..."
Weiter ging es mit sechs behinderten und nicht behinderten der von Ruth Müller-Landauer seit Jahren betreuten Tänzer der "Elterninitiative für behinderte Kinder und deren Angehörige". Neben Tanzeinlagen wurde von denen auch gesungen und das Lied "Kleine weiße Friedenstaube" erntete gar "Standing Ovations". Es folgten Grüße anderer Tanzvereine, wie der Tanzwerkstatt Plauen des Spiel-Spaß-Kindertreffs. Die "Four-City-Dancer" tanzen die Titelmelodie aus "A Chorus Line", die vor rund vierzig Jahren bei Ruth Müller-Landauer im Tanzstudio ihre ersten (Tanz-)Schritte erlernten. "Das waren nun alles mal meine Mädels", war die Jubilarin fast sentimental. Auch die "Elsterberger Faschingsgarde" gab ihre Visitenkarte ab, Ex-Tanzkind Stefanie Hertel sandte eine Videobotschaft und Markus Schneider gab schon mal einen ersten Einblick in ein biographisches Buch, das derzeit entsteht, las kurz aus dem Buch "Vergissmeinnicht" ein paar unterhaltsame Episoden vor. Ein erstes Exemplar überreichte Ines Falcke an Ruth Müller-Landauer, damit diese mal drüberlesen kann, bevor das Werk demnächst gedruckt wird. Bevor es zum guten Schluss ans Buffet ging, wurde noch einmal getanzt und geschunkelt - zum unvermeidlichen "Vuuchelbeerbaam", der vielleicht das Lied ist, mit dem man seit Jahrzehnten die "Neideitln" am meisten verbindet. Es folgte eine Gratulationscour der Superlative und ein wundervoller Spätnachmittag mit vielen Gesprächen und Anekdoten der vielen hundert Tanzmädels, die eigentlich längst vergessen schienen.