Nacktheit nicht mehr zeitgemäß?

Mutter und Kind in unbeschwertem Miteinander hat der Bildhauer Volker Beier in einer Bronze-Plastik dargestellt. Viele Jahre lang zierte das Kunstwerk den Eingangsbereich der Oelsnitzer Kita am Stadion. Nun ist es verschwunden.

Oelsnitz - Das Verschwinden der Plastik ist Bewohnern des Neubauviertels in der Otto-Riedel-Straße aufgefallen, die sich bei unserer Zeitung meldeten.
Die Anfrage an Oberbürgermeister Mario Horn beantwortet dieser mit den Darlegungen von Enrico Knüpfer, Mitarbeiter für Hochbau im Sachgebiet Stadtentwicklung/Liegenschaften. Demnach wurde die Mutter-und-Kind-Plastik bei der Fassadensanierung der Kindertagesstätte 2018 entfernt und im Keller der Grundschule am Karl-Marx-Platz eingelagert. Der Schritt sei wegen der Freilegung und Dämmung des Kellergeschosses sowie der dafür notwendigen Lagerflächen und auch im Hinblick auf die Neugestaltung der Feuerwehrzufahrt erfolgt. "Die Kita möchte eigentlich nicht, dass die Plastik nach den Bauarbeiten wieder vor dem Gebäude aufgestellt wird, da die Darstellung wohl allgemein als nicht mehr zeitgemäß empfunden wird", heißt es in der Pressemitteilung. In Klammern gesetzt ist der Grund für dieses Empfinden: "nackte Frau mit nacktem Kind". Die Figuren seien zudem oft als Klettermöglichkeit genutzt worden. "Ob die Plastik wieder vor die Kita kommt oder inwieweit ein anderer Aufstellort in Frage kommt, bleibt zu klären", heißt es abschließend.
Bildhauer Volker Beier, in Jahnsdorf bei Chemnitz zuhause, wundert sich am Telefon. "Wer so etwas festlegt, ist nicht zeitgemäß, kennt Geschichte und Kunst nicht", meint der 76 Jahre alte Künstler. An den "weiblichen Akt mit Kind auf dem Schoß, fast lebensgroß", die in den frühen 80er Jahren nach Oelsnitz kam, erinnert er sich. Das sei damals keine Auftragsarbeit gewesen, sondern ursprünglich eine Arbeit, "die ich für mich selbst gemacht habe". Angekauft vom Künstler für das noch junge Oelsnitzer Neubaugebiet wurde die Plastik nach Information unserer Zeitung vom Rat des Kreises.
"Fallen wir jetzt ins Mittelalter zurück?", reagiert der Kunstsachverständige Jens Petzold am Telefon. Generell habe Kunst nichts im Keller verloren. Nacktheit in der Kunst sei nicht mit Pornografie zu verwechseln. "Natürlichkeit zu tabuisieren", findet er prüde. Seiner Erfahrung nach wüssten Kinder gut mit Nacktheit umzugehen. Petzold weist noch auf einen rechtlichen Aspekt hin. Laut bundesdeutschem Urheberschutzgesetz habe der Künstler bei Aufstellung und Präsentation seines Werks ein Mitspracherecht. Beier müsse mit der Umsetzung der Plastik einverstanden sein.
Kita-Leiterin Silke Riedel ist von der Stadt über die Anfrage bereits in Kenntnis gesetzt. Hauptgrund für die Entfernung der Plastik sei der Umbau gewesen, bestätigt sie. Aber man habe im Eingangsbereich auch eine Bienenwand aufstellen wollen, welche die Einrichtung im Rahmen eines Naturschutzprojekts gewonnen hatte. "Die Kinder hatten keinen Bezug zu der Statue", sagt sie. An der Bienenwand sollten das Bienen leben dokumentiert, aber auch Wildbienen - die nicht stechen - zur Ansiedlung animiert werden. Die Wand stehe jetzt im Garten, weil parallel verlaufende Versorgungsleitungen die Aufstellung vor dem Gebäude nicht zuließen. "Eine Entscheidung (zu der Mutter-Kind-Plastik) ist noch nicht gänzlich getroffen", erklärt Frau Riedel. Das Team werde sich diese Woche eine Meinung bilden, "die Entscheidung fällt am Freitag". rwö