Nachdenken über "Kreutzersonate"

Aus heutiger Sicht ist es auch die schriftstellerische Raffinesse und Modernität, die Lew Tolstois Erzählung "Die Kreutzersonate" zur Weltliteratur erhebt.

 

Nach ihrem Erscheinen 1891 hatte sie vor allem eine ungeheuere moralische Wirkung, weit über Russland hinaus bis nach Westeuropa und Amerika. Über "Lew Tolstois Kreutzersonate und deren Wirkung auf die Literatur im 20. Jahrhundert" referiert der Jenaer Slawist und Literaturwissenschaftler Pof. Dr. Ulrich Steltner in der Greizer Bibliothek. Er ist heute, ab 19 Uhr, zu Gast bei Prominente im Gespräch.

In Lew Tolstois (1818 bis 1910) umfangreichen Werk lasse sich ein durchgängiges Moment erkennen, so Steltner. "Immer steht der moralische Rigorismus des Menschen Tolstoi im Gegensatz zu den ästhetischen Prinzipien des Künstlers Tolstoi." Daraus sei ein stetes Ringen um die "wahre" Kunst erwachsen.

Dieses Ringen habe sich meist zugunsten der Kunst entschieden. Zuweilen habe aber auch der Moralismus gesiegt und endete in einer Art dogmatischer Moralpredigt. Ein Paradebeispiel für diese Zwiespältigkeit sei "Die Kreutzersonate", so Steltner. Die Erzählung könne man mit dem gebührendem Abstand von 100 Jahren als "ein Psychogram in Bezug auf Eros und Sexualität verstehen, ein Psychogramm sowohl der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als auch des Individuums."

Ulrich Steltner zählt zu den führenden deutschen Slawisten der Gegenwart. Geboren wurde er 1942 in Königsberg und wuchs in der Nähe von Altenburg in Thüringen auf. 1960 zog er mit seiner Familie in den Westen. Nach dem Abitur widmete er sich zunächst den Naturwissenschaften, wechselte aber rasch zur Slawistik.

 

Er studierte in Kiel, Regensburg und Frankfurt/Main. 1977 promovierte er mit einer Arbeit über ,,Die künstlerischen Funktionen der Sprache in den Dramen Nikolai Ostrowskis"?. 1986 habilitierte er in Marburg zu einem Thema über Stanislaw Przybyszewskis Romantriologie ,,Homo sapiens"?. Im gleichen Jahr trat er eine Professur an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg an. 1993 ging er schließlich nach Jena, wo er bis zu seiner Pensionierung den Lehrstuhl für Slawische Literaturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität innehatte. K. Schaarschmidt