Nach 17 Jahren Haft - Urteil rechtens?

Plauen/Chemnitz -Huy P. wurde vor 17 Jahren zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er hatte zwei vietnamesische Landsleute in einer Plauener Wohnung erschossen. Doch war er zur Tatzeit schuldfähig oder litt er bereits damals an Schizophrenie? Diese Fragen werden seit gestern vor dem Chemnitzer Landgericht beantwortet - in einem neuen Prozess.

 

 Lebenslänglich lautete das Urteil am 24. Juni 1994. Alles schien klar. Der Angeklagte - ein vietnamesischer Gemüsehändler - hatte seine Tat gestanden. Der Doppelmord in einer Wohnung in der Plauener Breitscheidstraße 13 war geklärt. Huy P. saß seine Strafe ab - zuerst in Waldheim, dann in Bautzen. Seit 2010 befindet er sich im sächsischen Krankenhaus für Psychologie und Neurologie in Obergöltzsch. Grund: Bei einer Haftprüfung 2009 stellte ein Gutachter eine Persönlichkeitsstörung fest.

 Litt Huy P. bereits zur Tatzeit an Schizophrenie? Hätte er damals schuldunfähig erklärt werden müssen? Wusste er, was er tat, als er am 25. August 1993 zwei seiner Landsleute niederschoss? Gestern wurde der heute 41-Jährige im Wiederaufnahmeverfahren ausführlich dazu befragt. Zunächst erklärte Huy P., sich nicht zu erinnern. Erst nach einer Rücksprache mit seinem Anwalt Arno Glauch und einer 15-minütigen Unterbrechung kurz nach Prozessbeginn sagte der Angeklagte dann doch noch aus.

1993 machte sich Huy P. mit seinem Gemüsehandel selbstständig - von Montag bis Freitag verkaufte er Gemüse auf dem Plauener Markt. Am 24. August 1993 wird er nach eigener Aussage von zwei ihm unbekannten Landsleuten an einem Imbiss angesprochen. "3000 D-Mark oder du stirbst", so sollen sie ihm gedroht haben. Von Schutzgelderpressungen in anderen Städten hat Huy P. gehört, entsprechende Gerüchte machen in Plauen die Runde.

Deshalb habe er sich einige Tage zuvor eine Waffe gekauft - für 500 D-Mark von einem Deutschen an einer Straßenbahnhaltestelle im Plauener Stadtzentrum. Mit Waffen umgehen kann Huy P. Er war drei Jahre in Diensten der vietnamesischen Armee an der chinesischen Grenze - bekam eine "Ausbildung" an der Maschinenpistole. Die 3000 D-Mark Schutzgeld will Huy P. nicht zahlen. 90 D-Mark Gewinn verblieben ihm pro Verkaufstag. Er muss damit seine frisch vermählte Ehefrau und zwei Kinder versorgen.

Was am Tattag - 25. August 1993 - geschah, daran kann sich Huy P. schlecht erinnern. Vor 17 Jahren sagte er laut Staatsanwaltschaft aus, dass er an diesem Tag besonders viel Geld an seinem Marktstand eingenommen hat. Grund genug für einen "Männerabend" mit "Bier und Goldbrand" mit einem Landsmann, den er am späten Nachmittag auf der Straße getroffen habe.

Dieser Landsmann ist der Sohn des Wohnungsinhabers, bei dem die beiden vermeintlichen Schutzgelderpresser ihr Quartier aufgeschlagen haben. Huy P. lässt sich zu ihnen fahren, um ihnen zu sagen, dass er nicht zahlen will. Die Waffe nimmt er mit - schließlich sei er vor der Gewalttätigkeit der Erpresser gewarnt worden. Zehn Minuten will er sich in dem Haus in der Breitscheidstraße aufgehalten haben.

 

Bei dem Gespräch in der Wohnung sei es zum Streit gekommen. Huy P. sei beschimpft und ausgelacht worden, er fühlte sich bedroht. Vor allem von einem seiner Erpresser, der sich öfters an die Bauchgegend greift. Huy P. glaubt, dass er dort eine Schusswaffe versteckt. Dann fallen die Schüsse im Wohnzimmer. Laut Staatsanwalt Stephan Butzkis heimtückisch und ohne Vorwarnung. Die Opfer hätten keine Chance gehabt, hätten nicht mit den Schüssen rechnen können. Einer habe beispielsweise nichtsahnend auf der Couch mit der Nintendo-Box gespielt. Die Schussverletzungen - an Kopf, Herz und Halsschlagader - waren tödlich.

In der Wohnung befanden sich zum Tatzeitpunkt insgesamt fünf Personen. Trotzdem kann Huy P. flüchten. Auf der Straße vor dem Haus trifft er einen Landsmann, der ihn nach Rodewisch fährt. Hier verbringt er eine Nacht bei einer ihm unbekannten Person. An nächsten Tag stellt er sich der Polizei. Mysteriös: Bei der Aussage des Angeklagten vor 17 Jahren war von konkreten Schutzgelderpressungen nicht die Rede. Warum nicht? Dafür hat der heute 41-Jährige keine Erklärung.

Seine Ehefrau hat sich mittlerweile von ihm scheiden lassen. Schon 1993 war sie laut Richterin Simone Herberger nach einem Streit mit Huy P. kurzzeitig in ein Frauenhaus gegangen. "Etwa drei Monate vor dem Mord sei ihr Mann aggressiver als sonst gewesen", sagte sie damals laut Gerichtsakte aus.

Beim Prozess 1994 vor dem Landgericht Zwickau wurde Huy P. volle Schuldfähigkeit bescheinigt - von einem damals 79-jährigen Medizinalrat aus Hof. Wegen dieses Gutachtens wird nun der Prozess neu aufgerollt - obwohl Huy P. seine Strafe quasi abgesessen hat. Ob dieser Gutachter, der damalige Staatsanwalt oder der damalige Vorsitzende Richter Erwin Hubert (heute am Bundesgerichtshof in Leipzig tätig) in dem Prozess als Zeugen gehört werden oder ob lediglich auf entsprechende Akten oder Berichterstatter zurückgegriffen wird, steht noch nicht fest. Bis Ende Januar sollen zwei zu Rate gezogene Sachverständige unter anderem eine Gefährlichkeitsprognose von Huy P. erstellen. Insgesamt sind für den Prozess acht Verhandlungstermine angesetzt.  M.W.