"Na und? Niemand ist vollkommen!"

Amerikanische Musicals, zumal nach einer Filmkomödie von Billy Wilder, kommen sozialkritisch und witzig daher. Das muss kein Widerspruch sein. Dass wir das heute mehr oder weniger als Klamauk empfinden, liegt wohl am zeitlichen Abstand. "Sugar" bediente alle Klischees und machte am Samstag dem Premierenpublikum größten Spaß.

Plauen - In Zeiten, wo Gott Fußball die Welt regiert, ist eine Theaterpremiere nicht ohne Risiko. Doch genau im Plauener Parktheater, wo am Donnerstag der 1:0-Sieg Deutschlands gegen die USA bejubelt wurde, erfreuten sich zwei Tage später fast genau so viele Besucher an wackeligen Stöckelschuhen und den zugegeben grauslichen Perücken, die Jo und Jerry in Josephine und Daphne verwandelten.

Was nicht heißen soll, dass Fußball keine Rolle gespielt hätte. Geschickt wurden zweimal die Ergebnisse der laufenden Spiele ins Geschehen einbezogen, und alle wussten (und quittierten mit Beifall), dass Brasilien weiter ist und Uruguay führt. Viel Beifall gab es am Schluss auch für alle Schauspieler, die durch die Bank ihre Gesangspartien mehr oder weniger meisterten, alle Tänzer und Statisten. Die Besucher erlebten ein sommerliches Gesamtkunstwerk.

Mit Vorprogramm und schmissigem Jazz, einem Stelzenläufer oder Bänkelsang; ermöglicht durch eine 4.000 (!) Euro-Spende des Theaterfördervereins, bei dem sich Generalintendant Roland May bedankte. Mit kulinarischem Angebot, das jedes Jahr vielfältiger wird, und natürlich als Höhepunkt einem Musical, das zu den besten seiner Art gehört und dessen Melodien vom Philharmonischen Orchester am Theater Plauen- Zwickau, geleitet von Maxim Böckelmann, kongenial musiziert wurden.

Die riesige Bühne des Parktheaters ist eine Herausforderung. Sie zwei Stunden lang zu beleben mit quirligem Hin und Her, pulsierender Handlung und szenischen Überraschungen gelang Regisseur Tim Heilmann - von kleinen Durststrecken abgesehen - mit Erfolg. Dabei hielt er den Aufwand überschaubar; neben bekannten Gesichtern aus Schauspiel, Ballett oder dem Chor agierten mit Natalya Bogdanis (als Titelheldin Sugar) und Jan Krawczyk (in vier kleineren Rollen) zwei Gäste. Ins professionelle Spiel fügten sich zahlreiche Statisten ein und brachten Leben in die Bude.

Gretl Kautzsch entwarf stimmige Kostüme im Stil der Zwanziger. Autos rollten als Attrappe heran. Das Bühnenbild, das mit Hilfe expressiv bemalter Vorhänge die perfekte Illusion eines amerikanischen Vergnügungsetablissements, eines Überlandexpresses, eines Hotels in Miami oder einer Tiefgarage bediente, entsprach den Vorstellung vom Amerika der Prohibition, Verelendung und mörderischen Straßenkämpfen.

Inmitten all dieser Scheußlichkeiten, die da karikiert und ironisiert vorgeführt wurden mit Dieter Maas als bulligem Gangsterboss, wuselten die stellungslosen Musiker Joe (Daniel Koch) und Jerry (Daniel Tille) herum, immer auf der Suche nach einem Job, was bekanntlich gar nicht so lustig ist. Bis sie dann - auch um aus der Schusslinie zu kommen - in der Girl-Band Society Syncopators anheuern; unter Vorspiegelung der bekannten falschen Tatsachen. Ein Déjà-vu-Erlebnis war, dass im Land unbegrenzter Freiheit die Chefin der Damenkapelle (Ute Menzel), assistiert von Michael Schramm als leicht vertrotteltem Manager, ein ähnlich strenges Regime führte wie es früher üblich war; akribisch wurden Betten verteilt, exakt Zimmer angewiesen, und Alkohol und Männer waren sowieso tabu.

Doch auch hier scherte man sich nicht um Verbote. Die Flasche kreiste. Und genüsslich wurde der Ausflug in die intimen Gefilde des anderen Geschlechts von unseren beiden Grenzverletzern ausgekostet. Charmante Zweideutigkeiten und wahre Liebe nicht ausgeschlossen. So finden sich im Schlussbild erwartungsgemäß alle zusammen: Sugar, die ihren falschen Millionär trotzdem liebt, Daphne, die dem echten Krösus (Benjamin Petschke) gestehen muss, dass sie keine Frau ist. Was dieser mit dem unsterblichen Satz pariert: "Na und, niemand ist vollkommen!"

Weitere Vorstellungen

1., 3., 4. und 5. Juli, jeweils 20 Uhr, Vorprogramm ab 19 Uhr. 6. Juli, 18 Uhr, Vorprogramm ab 17 Uhr.