Musik aus Studio auf dem Biertisch

Ein Begriff macht derzeit die Runde, mit dem vor zwei Monaten noch niemand etwas anzufangen gewusst hätte: Der "Corona-Koller". "Betroffen" sind alle, die sich derzeit zu Hause aufhalten müssen und denen sprichwörtlich die Decke auf den Kopf fällt. Am Samstag bekamen sie neunstündigen Besuch von Radio Selection".

Von Torsten Piontkowski

Plauen Ein Radio, das in den Ohren vieler noch gar nicht so richtig angekommen ist, das sich eigentlich noch im Aufbau befindet und sich zudem bisher an eine andere Zielgruppe wandte, geht neun Stunden nonstop auf Sendung. Das hätten sich selbst die "Macher" vor wenigen Wochen noch nicht vorstellen können und möglicherweise auch nicht zugetraut. Denn zwar sendet Radio Selection schon bisher regelmäßig, aber eben noch nie live on Air.
"Am Anfang stand wie immer die Idee", sagt Martin Reißmann, der Betreiber von Radio Selection, ansonsten als Freelancer für den MDR, als DJ und Moderator tätig, und vielen Lesern sicher auch noch als Redakteur unserer Zeitung bekannt.
Grüße, Musik und
Tipps gegen Langeweile

"Ab Mittwoch voriger Woche haben wir uns intensiv vorbereitet und zusammengetragen, was in der Show eine Rolle spielen sollte. Also ganz normale Dinge, die im Moment jeden der zu Hause sitzt, beschäftigen. Wie kann man sich in den eigenen vier Wänden die Langeweile vertreiben? Wie kann man Kontakt zu seinen Freunden und Bekannten halten?
Natürlich konnten die Leute dann am Samstag zwischen 15 Uhr und Mitternacht Grüße übermitteln, Tipps gegen Langeweile geben und überhaupt alles loswerden, was sie momentan bedrückt oder auch positiv stimmt. Das hätte unter Umständen zum kollektiven Wehklagen werden können. Doch genau das wollte weder das Radio-Team noch offenbar die vielen Anrufer. "Wir haben wenig über Corona gesprochen, obwohl das Thema natürlich präsent war", sagt Reißmann. "Aber in erster Linie wollten wir unter dem Motto ‚Gemeinsam - nicht allein‘ positive Signale senden und unterhalten.
Ja, es war ein ziemlicher Marathon, den wir da hingelegt haben, sagt Reißmann, der von Mario Unger, ebenfalls für den MDR tätig, und seinem Neffen Konrad Mallok tatkräftig unterstützt wurde. "Mario moderierte mit und war zwischendurch fürs Schnittchen-Schmieren zuständig", lacht Reißmann. Neffe Konrad warf sein technisches Wissen in die Waagschale und bereitete das Studio vor - eingerichtet im Büro auf einem Biertisch. "Der war noch vom letzten Oktoberfest übrig", grinst Reißmann. "Dazu ein DJ-Pult und zwei Kameras, denn das Trio war auch optisch präsent, beispielsweise per App.
International auf Sendung:
Anrufer aus der Schweiz

Die ersten beiden Anrufe habe man vorbereitet, gibt der Profi zu, aber das wäre eigentlich gar nicht notwendig gewesen. Vom ersten Moment an klingelte das Telefon, und im Laufe des Nachmittags stellte sich heraus, dass man sogar international empfangen wurde. Aus Zürich rief ein ehemaliger Polizist an und berichtete, dass die Probleme der Eidgenossen sich von denen der Deutschen kaum unterscheiden, dass auch er momentan nicht mit seinen Bandkollegen proben könne. Ein anderer Anrufer meldete sich aus Stuttgart, aber natürlich griffen die meisten Hörer aus dem Vogtland und dem nahen Erzgebirge zum Telefon.
Eine Goldschmiedin aus Schneeberg nutzte die "Schalte" um ihre Kunden darüber zu informieren, dass sie einen Internet-Shop ins Leben gerufen habe. Beziehungscoach Claudia Bechert-Möckel, einst Frontfrau des Vogtland-Radios, berichtete über ihre aktuelle Arbeit mit Menschen, die in der Corona-Falle zu stecken scheinen, und ein erzgebirgischer Pfarrer sprach darüber, welche Bedeutung es für die Menschen der Region habe, derzeit wieder erleuchtete Schwibbogen ins Fenster zu stellen.
Urlaub in Thailand
oder auf Balkonien

Nachdenklich gemacht, so Mario Unger, habe auch der Beitrag mit einer vierköpfigen Familie aus Plauen, die eine Reise nach Thailand gebucht und zum großen Teil bereits bezahlt hatte. Zwei Tage vor der offiziellen Reisewarnung stornierten sie vorsichtshalber und bleiben nun vermutlich auf den Kosten von knapp 5000 Euro sitzen. Die Kehrseite: Die Familie säße jetzt vermutlich in Thailand fest und wäre auf das Rückholprogramm der Bundesregierung mit all seinen Problemen angewiesen.
Andrea Wickert, Apothekerin aus Auerbach, berichtete über das unermüdliche Bestreben, genügend Desinfektionsmittel bereitstellen zu können - wenig später wurde bekannt, dass die Spirituosenfabrik Lautergold in Lauter-Bernsbach ihre gesamte Produktion auf die Herstellung von Desinfektionsmittel umgestellt hat.
Von Königswalzer
bis Ententanz

Die Musikwünsche der Leute waren übrigens querbeet. "Da war vom Königswalzer bis zum Ententanz alles dabei", lacht Reißmann, aber im Wesentlichen habe man alle Wünsche befriedigen können. "Wer sich einen ganz bestimmten Titel von Madonna wünschte, den das Musikarchiv nicht hergab, der bekam wenigstens einen anderen Madonna-Song zu hören.
Und klar, auch Radio Selection hatte mit seinem Sendemarathon Gelegenheit, noch präsenter zu werden, oder wie es Reißmann formuliert: "Wir wollen eine ‚Blase‘ um das Radio herum aufbauen, samt App und Follower."
Mit der Resonanz der Samstag-Show seien sie sehr zufrieden. "Die Anstrengung haben wir gar nicht wirklich mitbekommen." Klar hätten die Leute auch nach einer Wiederholung gefragt. "Die haben wir auf dem Schirm, aber nicht gleich nächste Woche", verspricht Reißmann den Hörern von Radio Selection ein Comeback dieser besonderen Art.
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