Musik als Lebenshoffnung

Solch eine Wucht und Spielfreude ist selten auf der Bühne im Malzhauskeller zu erleben. Das grandiose Bojan Krstic Orkestar sorgte beim 6. Wertungskonzert des 28. Folkherbstes für große Momente.

Von Frank Blenz

Plauen Was für ein Auftritt! Der Frontmann Bojan ist der einzige Kerl auf dem Podium mit hellem Hemd, die anderen Typen in schwarzem Look, alle kräftig, umrahmen ihn, als wären sie seine Bodyguards. Sie schauen teils grimmig drein. Bojan moderiert, singt, schäkert mit den Leuten an der Bühne. Dieses Bläsertrio tönt mit einem unwiderstehlich rebellischen Sound, einem Turbofolk-Funk aus Serbien, voll in die Besuchermenge, vervollkommnet von den Bläsern und der Rhythmusgruppe in der zweiten Reihe, die punktgenau auftrumpfen. Dass die Band derart kraftvoll, lebensbejahend und mit Hingabe musiziert, muss mit ihrer Geschichte, ihren Träumen, vor allem aber mit ihrer Verzweiflung zu tun haben. Die serbischen Künstler kommen aus einem über viele Phasen der vergangenen 100 Jahre geschundenen, und davon geprägtem Land. Sie gehören auch optisch einer Volksgruppe an, die bis heute nicht die Rechte, die Achtung und Beachtung findet, wie andere ihrer Mitbürger auf dem Kontinent: Sinti und Roma. Sie lassen darum ihr Talent, ihre Lust, ihre Wut, ihren Trotz umso heftiger in die Musik einfließen: Sich das Leben nicht kirre machen lassen - trotz allem, lautet das Motto. Das Orchester spielt auf zu Festen, auf Hochzeiten, immer mit der Hoffnung, es werde alles gut, besser allemal. Zumindest für einen genialen Abend mit einer genial-schönen Musik gelingt es. Beinah ungeschickt gerät dem Einheimischen das Mittanzen beim Konzert im Malzhaus, doch man ist mitgerissen von derart heftigen Melodiefolgen und Hooklines (eingängige Themen der Lieder). Nach und nach werden die Menschen im Keller lockerer.
Bojan Krstic und seine Orchesterkollegen leben im südserbischen Vladicin Han, einer kleinen Stadt in Ex-Jugoslawien, die seit Jahrzehnten als der Ort mit den besten Trompetern und Blasorchestern des Balkans gilt. Musiker von dort wurden international bekannt, bereisen die Welt und gelten als überaus produktiv in Sachen Musik, Film und Theater. Es schweißt zusammen, einer Gruppe anzugehören, dem Unten vielleicht durch Musik zu entkommen. Sie spielen fantastisch, solo und gemeinsam. Auch in Plauen spürte der Zuhörer diese Virtuosität, diese Genauigkeit, selbst im bewussten erdigen Spiel, dass man auch dreckig nennen kann.
Das Konzert ist zu Ende, die Leute schwitzen - alle, auf der Bühne und im Saal. "Das war ein super Konzert, tanzbar vom Anfang bis zum Ende, treibend, energetisch, rundum schön. Hoffentlich kommen sie wieder", schwärmt Stefan Postier. Und Agnes Peterhans beobachtete: "Die zweite Hälfte gefiel mir besser, da tauten auch die Leute richtig auf, schade, dass das immer so dauert bei den Vogtländern. Und die Musiker waren so was von Klasse, wie die selbst im hohen Oktavbereich traumhaft agierten - ohne Worte." Plauen erlebte Turbofolk mit Funk der besten Güte. Und es kam ein Zitat auf: "Folk ist das Volk, Turbo ist das System der Treibstoffinjektion unter Druck in den Motorzylinder mit innerer Verbrennung. Turbo Folk ist die Verbrennung des Volkes. Jedes Antreiben dieses Verbrennungsvorgangs ist Turbo Folk," sagt Antonije Pušic, alias Rambo Amadeus.