Museum be-greifen, riechen, mitgestalten

Ein Museumspädagoge ist ein Mensch, der mit Argusaugen darüber wacht, dass jugendliche Besucher nur ja nichts anfassen, sich mucksmäuschenstill verhalten und möglichst auch keine Fragen stellen. So gesehen ist Uwe Fischer der schlechteste nur denkbare Museumspädagoge.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - Auf 20 Wochenstunden ist sein Aufenthalt im Vogtlandmuseum begrenzt. So jedenfalls steht es in seinem Teilzeit-Arbeitsvertrag. Inzwischen, sagt Uwe Fischer, habe er rund 100 Überstunden angesammelt - und zwar in einem knappen halben Jahr. Dass dies so ist, fügt er erst auf Nachfrage an, denn der Vortrag, den er den Mitgliedern des Kultur- und Bildungsausschusses gerade gehalten hat, veranlasst die Mitglieder zu eher seltenem Tun: Sie klopfen anerkennend auf die Tische, wie das der eine oder andere von ihnen schon als Student getan haben mag. Jedenfalls macht nicht nur das Konzept des Museumspädagogen neugierig, sondern auch der Mann dahinter. Der seit September 2018 nicht nur Überstunden en masse angehäuft hat, sondern in 67 Veranstaltungen fast 1100 junge Menschen ins Museum an der Nobelstraße "gelockt" hat. Von denen der eine oder andere vielleicht erstmals solch ehrwürdige Räume betrat.
Fischers Konzept scheint simpel - sofern es immer wieder mit neuem Leben erfüllt wird. Seine jungen Besucher sollen Museum im besten Sinne "begreifen". Dinge ausprobieren, nachempfinden, spüren, riechen, mitunter schmecken. Für die sie begleitenden Lehrer der reinste Horror. Oder nicht? "Die Pädagogen organisieren den An-und Rückmarsch zur Schule, die Zeit dazwischen, im Museum, können sie sich zurücklehnen und mich machen lassen", erklärt er kurz und bündig das Geheimrezept. Und wenn er sagt, man solle ihn machen lassen, dann meint er vor allem - seine jugendlichen Besucher. Beispiel Industrialisierung in Plauen. Lehrstoff der Klassen 4, 7 und 8. Drängt sich doch die Frage nach der Kinderarbeit auf damals. Die Besucher können umgehend ausprobieren, wie sich das anfühlt, in dem sie mit Nadel und Garn hantieren. Später geht es in die Schaustickerei, auch hier Maschinen, an denen einst zum Teil Grundschüler werkelten. Gleichzeitig wolle man schon mal vorsorglich Appetit auf das Weisbachsche Haus machen, wenn dies mal zum Textil-Event-Zentrum ausgebaut ist. Eine spezielle Ausstellung zur Industrialisierung gibt es ab 1. April dieses Jahres rührt Fischer schon mal die Werbetrommel.
Wenn Jungen und Mädchen in Sand unter einer Virtrine wühlen, dann steht wiederum Archäologie auf dem "Stundenplan". Plötzlich sehen Alltagsgegenstände viel schöner aus, erklärt Fischer die Sichtweise der Schüler. "Jugend im Museum", dahinter verbirgt sich für den Pädagogen im Sondereinsatz die Absicht, eine AG zu gründen. Wissenschaftlich interessierte Leute will er anbinden, sie unter anderem zum Thema 1. Weltkrieg forschen lassen, und ein "Lockmittel", wie er formuliert, hat er auch schon: Ahnenforschung. "Das interessiert die meisten." Das erhofft er sich auch vom Thema "Schule früher und heute". Über Schulmöbel verfügt das Museum, in historsiche Kostüme schlüpfen Fischer und ein Kollege aus Theaterzeiten, denn Theaterpädagoge war Fischer auch mal. Einer der besten den man haben kann, sagt Renate Wünsche später, selbst viele Jahre am Vogtlandtheater tätig.
Na jedenfalls könne man dann Szenen nachstellen, ausgenommen vielleicht jene damals verbreitete Sitte, dass ein Übeltäter zur Strafe den Spucknapf leeren musste - aufgestellt wegen der damals grassierenden Krankheiten. Um vogtländische Mundart soll es auch gehen - im Mundartzimmer. Schließlich verfügt das Museum über den Schreibtisch und Teile des Nachlasses des Mundartdichters Louis Riedel.
Gebührend gefeiert wird zudem der 200. Geburtstag von Clara Wieck mit einem Kolloquium im September. Klingt zu kompliziert? Ist es aber nicht. Denn als Kuratoren, also Ausstellungsvorbereiter, sollen sich interessierte Jungen und Mädchen auch betätigen. Spitzbübisch lächelnd freut sich Fischer schon auf das "Lauschkonzert". Das Hammerklavier steht nebenan, die Musik ist nur zu hören und weckt außer dem Hör- auch noch andere Sinne.
Ebenfalls auf Fischers "Mist" gewachsen: die fremdsprachigen Führungen in verschiedenen Sprachen. Fremdsprachenunterricht im Museum. Oder barrierefreie Führungen, solche in Gebärdensprache oder leichter Sprache für geistig eingeschränkte Menschen. Und an weiteren Projekten mangelt es dem 20-Stunden-Mann auch nicht: Fotos mit Kunst im öffentlichen Raum, ein Napoeon-Clip, Lesungen, ein Waschfest wie im 19. Jahrhundert, das Theaterstück "Heimatfront", die Nacht der Muse(e)n. Ob dann wieder mal das Maskottchen des Hauses, der Museumsmarder, zum Einsatz kommt - an Fischer solls nicht liegen. Nach einer knappen Stunde im kargen Rathaus-Besprechungszimmer dann die Frage, die wohl vielen auf den Nägeln brennt: Würde sich Fischer, der auch als Fotograf aktiv ist, für eine Full-Time-Stelle interessieren? Tut er. Bürgermeister Steffen Zenner hat verstanden: Das obliegt Ihrer Entscheidung, ermuntert er die Stadträte. Die "Causa" Fischer wird wohl bald wieder auf der Tagesordnung stehen.