Mundschutz vom Maßschneider

Ein Mann sollte, sagt zumindest der Dichter, einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen. Und vielleicht sollte er sich mal ein Maßhemd gönnen. Beispielsweise bei Gernot Kuhn in dessen Geschäft in München. Doch momentan hat der in Jößnitz lebende Schneider gerade keine Zeit - er näht Mundschutzmasken.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Die Corona-Krise schränkte das Leben der Menschen erst wenige Tage ein, doch Gernot Kuhn bekam in seinem Geschäft an der Notburgastraße in München-Nymphenburg bereits die ersten Auswirkungen zu spüren. Die Leute hatten gerade andere Dinge im Sinn als ein maßgeschneidertes Hemd vom Fachmann. Und dieser wiederum überlegte, wie er die von ihm gewohnte Qualität in andere Produkte einfließen lassen könnte - Dinge, die quasi über Nacht jeder zu brauchen schien: Atemschutzmasken.
Firmen-Homepage
nahezu "explodiert"

Die Idee, so Gernot Kuhn, sei von einem Apotheker und einem Arzt an ihn herangetragen worden, sagt der Wahlmünchner am Telefon. "Am 20. März hatten wir die ersten Probeexemplare fertig, am 24. lief die Produktion an, erinnert sich Kuhn. "In den ersten Tagen hatten wir 500 vorrätig" und eigentlich sei er überzeugt gewesen, dass er die nie verkaufen werde, lacht der Mann, den es vor zehn Jahren nach München verschlug und der noch heute in Jößnitz wohnt. Doch dann half ein wenig Kommissar Zufall. Eine Redakteurin der Münchner Wochenzeitung "Hallo, München" schaute sich bei ihm um.
"Das war an einem Donnerstag und Freitag Abend bekamen wir die ersten Anrufe. Am Samstag war mein E-Mail-Fach randvoll", beschreibt Kuhn die Eigendynamik seines Angebotes. Durchschnittlich verzeichne er auf der Homepage seines Unternehmens monatlich 400 Zugriffe, nun seien es wöchentlich 1000, obwohl er keinerlei Werbung gemacht habe, fügt er an. Schon Ende März fand, wer spezielle Atemschutzmasken googelte, seine kleine Firma auf Platz 2 der meist gegoogelten Begriffe, sagt Kuhn, der dies vor lauter Arbeit wohl noch nicht recht realisieren konnte.
Kochfest und bis
zu 60 mal verwendbar

Was aber ist nun das Besondere an seinen Masken? Er habe sich mit seinem Lieferanten besprochen, welcher Stoff am geeignetsten sei und schnell war klar: Es müsse sich um doppelt gedrehte 120er-Baumwolle handeln. Also genau den Stoff, aus dem er sonst seine Edelprodukte für den männlichen Oberkörper fertigt. T-Shirt-Stoff, so der Experte, sei jedenfalls wenig geeignet, weil viel zu luftdurchlässig.
Wie aber muss man es sich genau vorstellen, wenn einer maßgefertige Masken anbietet? Kuhns Masken verfügen über einen Kunststoff beschichteten Nasendraht. Damit passen sie sich zum einen der Nasenform an, zum anderen rosten sie beim Waschen nicht. Entnimmt man die Maske der Waschmaschine, lässt sich die Nasenklemme problemlos wieder gerade ziehen. Kochbar sei der Atemschutz und bis zu 60 Mal verwendbar, macht Kuhn für sein Produkt Werbung, derer es eigentlich gar nicht bedarf.
Bestellungen kommen
auch aus dem Vogtland

Mittlerweile fand Kuhn neben der täglichen Arbeit auch noch Zit zum Tüfteln. In der Entwicklungsphase befinde sich eine neue Maske mit Filtereinsatz. Das Besondere sei dabei auch der Mundgummi, den er individuell für Männer, Frauen und Kinder fertigen könne.
Ob man sich, analog seiner Maßhemden, auch Farbe und Muster aussuchen könne? Theoretisch ja, aber momentan sei das aufgrund des Anfragesturms etwas schwierig, sagt Kuhn. Bei größeren Aufträgen seien bis zu vier verschiedene Farben aber machbar, versichert er. Und obwohl es bereits jetzt zu zweiwöchigen Wartezeiten komme, kann der Plauen-Münchener offenbar nicht Nein sagen. Am Wochenende nähte er für eine große Aufzugsfirma, deren Mitarbeiter fast alle im Außendienst unterwegs sind, 230 Masken "über Plan".
Bestellung kommen derzeit aus ganz Deutschland im Münchener Stadtteil Nymphenburg an, darunter aus Reichenbach, Werdau, Zwickau. Für zehn Euro bietet Kuhn seine Maß-Produktion an, schließlich müsse er auch die Materialkosten im Blick haben. Das klingt fast entschuldigend, was angesichts handelsüblicher Preise um die 20 Euro gar nicht nötig ist.
Geld verdienen, aber
Situation nicht ausnutzen

Kuhn macht am Telefon trotz aller Arbeit einen entspannten Eindruck. Das war vor wenigen Wochen noch anders. Im März war Kurzarbeit angesagt, im April werde man nun die Verluste ausgleichen können, ist Kuhn sicher, der sogar noch zwei Leute einstellen musste. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: Man will ja dem Staat auch nicht auf der Tasche liegen.
Und ja: Er müsse Geld verdienen, aber die Situation auch nicht ausnutzen. Bliebe die Frage zu klären, wie es den Jößnitzer nach München verschlug. Vor zehn Jahren bekam er einen Anruf aus der bayerischen Metropole. Ein Berufskollege war gestorben und dessen Vermieter fragte, ob er das Geschäft übernehmen wolle. Binnen acht Tagen war man sich einig. "Und seitdem produziere ich hier gewissermaßen in einer Plauener Filiale", lacht Kuhn.
"Was kann ich ändern, wenn ich griesgrämig bin?", fragt Kuhn abschließend. Tatsächlich nichts. Aber geändert hat sich im Berufsleben des Maßschneiders zumindest derzeit eine ganze Menge.